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Thema der Woche: 25 Jahre Mauerfall : Eine DDR-Flucht wenige Stunden vorm Mauerbau

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Klein Nordender Burghard Schalhorn erinnert sich anlässlich des Mauerfall-Jubiläums an die Nacht, als er mit seiner Verlobten wenige Stunden vorm Mauerbau aus der DDR flüchtete und wie er die Öffnung der innerdeutschen Grenze gemeinsam mit der ehemaligen Stadtpräsidentin Wedels, Sabine Lüchau, am Übergang Heinrich-Heine-Straße in Berlin erlebte.

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erstellt am 09.Nov.2014 | 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Heute vor 25 Jahren stammelte  SED-Politbüromitglied Günter Schabowski während einer Pressekonferenz in Ost-Berlin einen Satz, der das Leben der Deutschen, insbesondere das der DDR-Bürger, radikal veränderte: Auf die Frage eines italienischen Journalisten, wann das neue Reisegesetz, das private Trips in den Westen ermöglichen sollte, in Kraft tritt, antwortete Schabowski um 18.53 Uhr: „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort... unverzüglich.“ In den Stunden danach brachen alle Dämme, die Grenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin wurden geöffnet, Millionen Menschen feierten den Fall der Berliner Mauer.

Noch heute, 25 Jahre später, läuft Burghard Schalhorn ein kalter Schauer den Rücken herunter, wenn er an das Grenzbefestigungssystem der damaligen Deutschen Demokratischen Republik denkt. Der Klein Nordender wurde am 5. November 1941 in Peenemünde auf der Ostsee-Insel Usedom geboren, wuchs in der nahe liegenden Stadt Wolgast auf. An die NS-Diktatur und das Ende des Zweiten Weltkriegs kann er sich nicht mehr erinnern, dafür an die SED-Diktatur in der DDR. Daran, dass ihm immer gelehrt wurde, im Osten sei alles besser. Doch Schalhorn, der heute Vorsitzender der Kreiswählergemeinschaft Pinneberg ist, nahm es den Regime-Treuen nicht ab. Denn er hatte Verwandtschaft im 250 Kilometer entfernten Westberlin, die er öfter mit dem Rad besuchte. Und immer, wenn er bei seinem Onkel war, merkte Schalhorn: „Da gab’s alles, auch wenn uns immer das Gegenteil von dem erzählt wurde, was ich gesehen oder erlebt habe“, sagt Schalhorn im Gespräch mit dieser Zeitung. 1961, im Alter von 19 Jahren, fasste der Klein Nordender den Entschluss, dem noch jungen zweiten deutschen Staat den Rücken zu kehren: In der Nacht zum 13. August, in der Nacht, bevor die DDR-Regierung Ostberlin hermetisch vom Westen abriegelte.

Leicht sei Schalhorn der Schritt nicht gefallen: „Ich war sehr traurig, weil ich wusste, dass ich meine Familie und meine Freunde nicht mehr zu Gesicht bekomme. Das hatte eine Endgültigkeit in sich.“ Trotzdem sei es für ihn unmöglich gewesen, sich weiter mit dem „Unrechtsstaat“ zu arrangieren.

Ausgestattet mit einem kleinen Koffer hätten Schalhorns damalige Verlobte und er selbst Fahrscheine an einem Ostberliner Bahnhof gekauft und Kontrolleuren gegenüber behauptet, sie wollten ihre Schwester in der Nähe von Leipzig besuchen, berichtet der heute 73-Jährige. Die Volkspolizisten, die zu diesem Zeitpunkt bereits das Übertreten in eine der drei Westsektoren erschwerten, griffen laut Schalhorn zu einem Melderegister, um zu überprüfen, ob die Angaben zur Schwester stimmen könnten – sie taten es. Mit der Angst im Nacken, doch noch aufzufliegen, seien Schalhorn und seine heutige Ehefrau mit der S-Bahn in Richtung Gesundbrunnen, dem ersten Westberliner-Bahnhof von ihrem Startpunkt aus, gefahren. „Ich sagte zu meiner Verlobten: ‚Egal, was passiert, Du steigst aus’“, erinnert sich der gebürtige Peenemünder. Denn im Zug habe ein Mann gestanden, bei dem sich Schalhorn nicht sicher war, ob es sich  bei ihm um einen Regime-Treuen handele, der sie festnehmen wollte. Doch als die Bahn die Station erreicht habe und sich die Türen geöffnet hätten, habe dieser Mann einen sprichwörtlichen Satz auf Westberliner Boden gemacht. „Wir sprachen dann kurz miteinander und er sagte, er habe befürchtet, dass ich vorhatte, ihn festzuhalten“, sagt er.

„Wir gingen dann eine Treppe herunter, auf der ein Geldstück lag. Ich bückte mich danach und dachte mir: ‚Hier liegt das Geld auf der Straße’“, erinnert sich Schalhorn. Am Treppenabsatz habe dann ein Polizist gestanden, der ihm und seiner Verlobten Fahrkarten überreicht habe, mit denen sie in ein Flüchtlingslager hätten fahren können. „Wir mussten dem gar nichts erklären. Man hat es uns wohl angesehen, dass wir von drüben kamen“, sagt Schalhorn. Doch anstatt sich in Richtung Flüchtlingsunterkunft zu begeben, hätten sich die beiden noch in der Nacht zum Onkel im Stadtteil Kreuzberg aufgemacht.

Von 1975 an wurde auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. (Foto: pt)
Von 1975 an wurde auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. (Foto: pt)

Am Morgen danach wollte Schalhorns Onkel Brötchen holen. „Der war sofort wieder da“, sagt der DDR-Flüchtling. „Er berichtete von Stachdraht auf den Straßen und machte das Radio an.“ Schalhorn sei daraufhin selbst nach draußen gegangen, um das Geschehen mit eigenen Augen anzusehen: „Ich sah, wie die Kampfgruppen da standen, hörte Schüsse, die zum Himmel abgefeuert wurden“, erinnert sich Schalhorn an den Tag, an dem die Berliner Mauer gebaut wurde – nur wenige Meter von dem Haus seines Onkels entfernt. Hätte der 73-Jährige nur einen Tag mit seinem Entschluss, die DDR zu verlassen, gezögert, wären seine Verlobte und er nicht mehr „so leicht rausgekommen“ – oder auch gar nicht.

Zwei Monate später, erzählt Schalhorn, sind seine Verlobte und er nach Hannover ausgeflogen worden. Sie seien zunächst in ein Auffanglager in Uelzen, später nach Unna bei Dortmund gekommen. „1968 erhielt ich das Angebot, ohne Strafe zurückkehren zu dürfen“, sagt er. Doch Schalhorn lehnte ab. Dank eines positiv beschiedenen Einreiseantrags seiner Mutter, habe er einmal seine Familie und Freunde wiedersehen dürfen. Doch schon wenig später – im Jahr 1971 – sei ihm die erneute Einreise verweigert worden. Jahre danach, erinnert er sich, sei er öfter mal nach Berlin gekommen und habe sich mit seiner Mutter im Ostteil treffen können. „Ansonsten haben wir versucht, den Kontakt telefonisch zu halten“ – wohlwissend, dass die Gespräche belauscht wurden, sagt der selbstständige Industrieanlagenbauer.

Hintergrund: Die Berliner Mauer

Am 13. August 1961 begann um 1 Uhr die systematische Abriegelung der etwa 155 Kilometer langen Grenze um West-Berlin. Der sogenannte Todesstreifen war zuletzt 15 bis 150 Meter breit. Von 1975 an wurde auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. Auf die jeweils 2,75 Tonnen schweren Elemente wurden vier Meter lange Rohrauflagen gesetzt. Daneben bestand die Grenze um West-Berlin aus einer Mauer in Plattenbauweise, einem Metallzaun oder Gewässern. Acht Grenzübergänge verbanden Ost- und Westberlin miteinander, die berühmtesten sind der Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße, an dem im Oktober 1961 ein Gefecht von sowjetischen und US-Panzern drohte, sowie Bornholmer Straße, an dem am 9. November 1989 den ersten DDR-Bürgern die sichere Ausreise gelang.

Mindestens 138 Menschen wurden bei Fluchtversuchen getötet, die meisten in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerbau. Das erste Opfer erlag am 22. August 1961 beim Sprung aus einer Wohnung an der Bernauer Straße seinen Verletzungen. Zwei Tage später trafen die ersten Schüsse einen Flüchtigen im Humboldthafen. Der letzte an der Mauer Erschossene war ein 20-Jähriger. Er starb am 5. Februar 1989 bei einem Fluchtversuch an der Grenze nach Berlin-Neukölln. Das letzte Opfer der Mauer stürzte am 8. März 1989 mit einem selbst gebauten Ballon im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf ab. Knapp einen Monat später, am 3. April 1989, wurde der Schießbefehl aufgehoben.

In den 28 „Mauerjahren“ bewachten mehr als 10.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee die Berliner Grenze. Es gab etwa 300 Beobachtungstürme. Mehr als 5000 Menschen gelang die Flucht – aus der gesamten DDR flohen etwa 40.000. Die Bundesrepublik kaufte zudem knapp 34000 politisch Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen frei.

 

Der Gedanke an den Stacheldraht, die Mauer und die Grenztürme, von denen aus scharf auf Flüchtlinge geschossen wurde, erfüllt Schalhorn mit Wut und Unverständnis. „Wie ist es möglich, dass sich Menschen so etwas einfallen lassen? Dass sie Familien voneinander trennen?“, fragt er rhetorisch mit Blick auf die 28 Jahre, in denen die SED-Diktatur die eigene Bevölkerung eingesperrt hatte und während der knapp 900 Menschen an der innerdeutschen Grenze ihr Leben ließen. Deshalb sei es ihm, der sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch an seinem späteren Lebensmittelpunkt in Wedel für die CDU tätig war, unmöglich, mit den Linken politische Gespräche aufzunehmen. „Bis heute haben sie  nicht der Ideologie der Vorgänger abgeschworen. Solange das nicht geschieht, ist mit mir nicht zu reden“, sagt Schalhorn, der seit 20 Jahren im Pinneberger Kreistag sitzt – zunächst allerdings für die CDU.

Mit seinen damaligen Parteikollegen vom Ortsverband Wedel sei Schalhorn am 9. November 1989 in Westberlin gewesen. „Auf einmal kam jemand in die Runde und sagte: ‚Die Mauer ist auf’“, erinnert er sich. Daraufhin sei die Klausurtagung der Fraktion zu Ende gewesen. Gemeinsam mit Sabine Lüchau, ehemalige Stadtpräsidentin Wedels, habe er sich zur Berliner Mauer aufgemacht. „Die ganze Stadt war in Bewegung, der Verkehr kam zum Erliegen. Das war ein unvergessliches Ereignis“, sagt er in Erinnerungen an die Erlebnisse am Grenzübergang Heinrich Heine. „Ich habe fast geheult“, ergänzt Schalhorn, der sowohl den Bau als auch den Fall der Berliner Mauer hautnah miterlebte.

Die Bundesregierung hat auf einer eigens eingerichteten Seite im Internet alle Veranstaltungen zum Thema Mauerfall-Jubiläum zusammengetragen. Dort finden sich auch genaue Informationen zu „Mut zur Freiheit“, dem Bürgerfest am Brandenburger Tor, zu dem die Bundesregierung und das Land Berlin die Bürger für heute ab 14 Uhr einladen. Dort ist auch die zwölf Kilometer lange sogenannte Lichtergrenze zu sehen: 8000 Ballons zeichnen den Verlauf der Berliner Mauer nach. www.freiheit-und-einheit.de
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