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Kreis Pinneberg : Eine besondere Wohngemeinschaft

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Seit Herbst wohnt der 22-jährige Samuel aus Eritrea bei Hilde von Schwartzenberg. Die 76-jährige Kummerfelderin stellt jungen Menschen bereits seit über 25 Jahren Wohnraum in ihrem Haus zur Verfügung.

Kummerfeld | „Ich komme gleich“, ruft Samuel und verschwindet in seinem Zimmer. Kurze Zeit später erscheint er wieder. Diesmal allerdings dick eingepackt in eine Jacke, den Reißverschluss so hoch wie möglich zugezogen. „Viel zu kalt draußen“, entgegnet er mit einem Lächeln im Gesicht, als er zum Fototermin auf die Terrasse von Anna Harder gebeten wird, in deren Haus in Kummerfeld er momentan wohnt. 2014 kam Samuel nach Deutschland. Mit dem hiesigen Schmuddelwetter und einstelligen Temperaturen hat er sich aber noch immer nicht anfreunden können. Aus seiner Heimat im nordostafrikanischen Eritrea ist der 22-Jährige anderes gewohnt: „Da scheint immer die Sonne“.

Mit 18 wurde Samuel zum Nationaldienst einberufen

Zurück möchte er dennoch nicht. Samuel ist geflüchtet. Im Alter von 18 Jahren wurde er zum sogenannten Nationaldienst einberufen. Dieser gleicht im Grunde einer Zwangsarbeit für die Regierung, zu der junge Menschen oft jahrelang verdonnert werden. Militärdienst und schwere niedere Arbeiten gegen einen Hungerlohn. Für Samuel keine Perspektive. „Da musste ich raus“, entschied er sich so dazu, den langen Weg nach Europa anzutreten. Ohne seine Eltern und beiden jüngeren Geschwister (10, 8), denen es seinen Angaben nach aber relativ gut gehe in Eritrea.

Samuels Lächeln verschwindet, als er von den Strapazen erzählt. So führte ihn seine Route zunächst über einen dreitägigen Fußmarsch ins Nachbarland Sudan. Nach drei Monaten ging es weiter in die libysche Hauptstadt Tripolis, wo er weitere sechs Monate verbrachte. Mit dem Boot setzte er schließlich nach Italien, auf die Insel Lampedusa über.  Nach kurzzeitigen Stationen in Mailand und München landete Samuel im zentralen Aufnahmelager für Flüchtlinge in Neumünster. Das vorläufige Ende seiner Flucht fand er 2014 in Wedel, wo er gemeinsam mit drei anderen jungen Eritreern in einem Wohnheim lebte.

<p>Wunschberuf Tischler: Stolz präsentiert Samuel  eines der von ihm gefertigten Werke. </p>

Wunschberuf Tischler: Stolz präsentiert Samuel  eines der von ihm gefertigten Werke.

Foto: Patrick Tabel

Bis zum Herbst vergangenen Jahres. Da entdeckte Hilde von Schwartzenberg, deren Deutschkursus Samuel an der Diakonie Pinneberg besucht, eine Anzeige von Anna Harder in der Zeitung. Die 76-jährige Kummerfelderin stellt jungen Menschen bereits seit über 25 Jahren Wohnraum in ihrem Haus zur Verfügung. „Wir hatten schon so viele unterschiedliche Nationalitäten hier“, erinnert sich Harder. Anfangs seien es meist Studenten gewesen. „Weil es damals noch nicht so viele Studentenwohnheime gab.“ Menschen aus  der Türkei, den USA, Slowenien oder Tunesien zogen ein. Und blieben meist über mehrere Jahre.

Große Probleme habe es nie gegeben. Ganz im Gegenteil: „Ich habe viele tolle junge Menschen kennengelernt. Das war eine unheimliche Bereicherung. Man kann so viel von jungen Leuten lernen. Auch als älterer Mensch“, betont Harder, die selbst besonders reisefreudig ist. 55 Jahre lang war sie mit Ehemann Rolf verheiratet. Gemeinsam bereisten sie nahezu jeden Kontinent, begeisterten sich für andere Kulturen und Sprachen.

Dass viele Menschen Vorurteile gegenüber Ausländern haben, stößt Harder sauer auf: „Gerade wir Deutschen reisen so viel und sind daher selbst oft Ausländer. Dass viele sich dann so kleinkariert verhalten, kann ich nicht verstehen.“ Harder selbst geht mit gutem Beispiel voran. Jahrelang war sie in vielen Bereichen ehrenamtlich aktiv. Und auch nach dem Tod ihres Mannes vergangenen Dezember öffnet sie ihre Türen weiterhin für junge Menschen. Samuel wohnt seit November bei ihr. Sein Reich erstreckt sich über ein komplett ausgebautes Kellergeschoss samt separatem Eingang, eigener Küche, Dusche sowie Internet- und Telefonanschluss. „Mir gefällt es sehr gut hier“, sagt Samuel. Auch Harder ist mit ihrem neuen Mitbewohner zufrieden: „Wir haben uns von Anfang an gut verstanden und waren sofort per Du“.

Seine Zukunft sieht der 22-Jährige in Deutschland

Kontakt zur Heimat hat Samuel noch. Regelmäßig telefoniert er mit seiner Familie. Seine Zukunft sieht der 22-Jährige aber in Deutschland. „Ich möchte Tischler werden“, so sein Wunsch. Ein zweiwöchiges Praktikum bei einer Tischlerei in Ellerbek habe ihn darin nur bestärkt. „Er hat eine sehr gute Beurteilung bekommen. Immer pünktlich und freundlich“, verrät Harder, schränkt aber auch ein: „Die Sprachschwierigkeiten sind eben da“.

Damit Samuel einen festen Job findet, muss er die deutsche Sprache weitestgehend einwandfrei beherrschen. Das weiß auch Harder, die ihrem Schützling nebenbei noch zusätzlichen Unterricht gibt. „Wichtig ist, dass er Alltägliches lernt wie Uhrzeiten oder Fahrpläne  lesen und sich nicht zu scheu ist, Menschen auf der Straße anzusprechen, um etwa nach dem Weg zu fragen. Aber daran werden wir arbeiten“, ermuntert sie Samuel, dessen Lächeln ob der zugesagten Unterstützung schon längst wieder zurückgekehrt ist.

Asylbewerber im Kreis Pinneberg

Insgesamt 3221 Asylbewerber leben derzeit  im Kreisgebiet. Zwar reicht diese Zahl nicht mehr an die Höchstwerte der vergangenen beiden Jahre heran. Dennoch ist das Thema Flüchtlinge weiterhin allgegenwärtig. So kamen seit August 2008 genau 6610 asylsuchende Menschen in den Kreis. Die überwältigende Mehrheit davon binnen nur zwei Jahren – von Anfang 2015 bis Ende 2016.  Städte und Gemeinden mussten innerhalb kürzester Zeit genügend Wohnraum für die Neubürger bereitstellen. Auf eigene Faust eine Wohnung zu suchen, sei für viele Flüchtlinge hingegen „sehr schwer, gerade für junge Afrikaner“, berichtet Hilde von Schwartzenberg, die Asylbewerbern an der Diakonie Pinneberg in Deutsch unterrichtet. So würden auch in ihrem Kursus noch mehrere junge Menschen Wohnraum suchen. Interessierte Vermieter können sich per E-Mail an von Schwartzenberg wenden: paxhschwartzenberg@gmail.com.

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erstellt am 27.Feb.2017 | 14:00 Uhr

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