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Leiterwechsel beim "Weissen Ring" : Eine Arbeit für dreieinhalb Hände

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Dietrich Anders hat die Leitung der Außenstelle zum 1. Januar abgegeben. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen.

Wie sind Sie 2010 eigentlich dazu gekommen, die Leitung der Außenstelle des „Weissen Rings“ zu übernehmen?
Dietrich Anders: Der frühere Landtagspräsident Heinz-Werner Arens war nach seiner politischen Tätigkeit Landesvorsitzender des Weißen Rings. Er rief mich eines Tages an und fragte: „Dietrich, wollen wir nicht einmal gemeinsam Tee trinken?“ Als ich zurückfragte, ob er in der Nähe sei, meinte er: „Nein, aber ich komme vorbei.“ Dann haben wir uns getroffen und während des Gesprächs gab er dann plötzlich zu: „Ich habe noch ein Anliegen: Du könntest den ‚Weissen Ring‘ in Pinneberg machen“. Als ich zögerte, versicherte er mir: „Das machst du mit links“. Inzwischen weiß ich, dass „mit links“ mit dreieinhalb Händen bedeutet.


Was genau waren denn Ihre Aufgaben als Leiter der Außenstelle?
Anders: Die Alltagsarbeit bestand darin, die Notrufe entgegenzunehmen. Wir haben die Notrufnummer, die veröffentlicht wird, und bei dieser melden sich die Opfer. In diesen 30- bis 60-minütigen Anbahnungsgesprächen, wie ich sie nenne, geht es dann darum, dem Opfer zu vermitteln, dass es an der richtigen Stelle ist. Wie bei der Telefonseelsorge muss man dabei auf den Menschen eingehen und ihm den Mund öffnen, damit er erzählt. Einmal habe ich mich mit einer Frau unterhalten, die jahrelang von ihrem Großvater vergewaltigt wurde. Am Ende des Gesprächs sagte sie: „ Ich konnte das 20 Jahre nicht aussprechen und jetzt konnte ich das zum ersten Mal sagen.“ Als ich fragte, woran das lag, sagte sie: „Ich sehe sie ja nicht.“


Die Arbeit des „Weissen Rings“ findet ja aber nicht nur am Telefon statt.
Anders:  Das stimmt. Aber als Leiter der Außenstelle habe ich ein Team aus neun ehrenamtlichen Opferhelfern gehabt. Meine Aufgabe bestand darin, das erste Gespräch mit den Opfern zu führen. Und dann bin ich die Liste meiner Mitarbeiter durchgegangen und habe überlegt, welcher von ihnen für diese eine Person am besten als Opferhelfer geeignet ist. Die haben alle unterschiedliche Schwerpunkte. Außerdem möchten Frauen, die Opfer von Vergewaltigung wurden, fast immer eine Frau als Opferhelfer haben. Wenn ich dann wusste, wer aus dem Team am besten passt, habe ich dessen Namen genannt, damit das Opfer weiß, wer anrufen wird. Die Bedingungen, unter denen der Mensch zum Opfer geworden ist, habe ich dann bereits abgeklärt und gebe das an den Opferhelfer weiter.


Und die treffen sich dann?
Anders:  Genau, die vereinbaren telefonisch einen Termin und treffen sich am besten in der Wohnung des Opfers. Oder an neutralen Orten, denn manchmal sollen der Partner oder die Kinder nicht wissen, dass ein Kontakt aufgenommen wurde.


Haben Sie das auch gemacht?
Anders:  Nein, das wäre mir zu viel gewesen, das auch noch zu machen. Manchmal ist man mit einem Opfer nur eine halbe Stunde beschäftigt, aber häufig sind es 20, 30 Stunden. Beim „Weissen Ring“ im Kreis Pinneberg melden sich jährlich im Schnitt 200 Menschen. Da hätte ich die umfassende Arbeit mit dem Opfer nicht auch noch machen können und das wollte ich auch nicht. Das ist die Aufgabe der Opferhelfer, da knien die sich rein. Ohne die ginge das gar nicht.


Sie haben in Ihrer Zeit als Außenstellenleiter mit zirka 700 Menschen gesprochen. Ist dabei eine Geschichte bei gewesen, die Sie besonders mitgenommen hat?
Anders:  Gravierend sind natürlich immer Morde. Beispielsweise ein Mord, bei dem ein Mann seine Lebensgefährtin auf der Treppe erstochen hat. Und die Kinder blieben verstört und traumatisiert zurück. So etwas ist natürlich besonders schlimm. Oder ein Ehepaar, dessen Tochter und Enkelkind vom Schwiegersohn erstochen worden ist. Das sind ganz gravierende Dinge. Aber: Man kann nicht sagen, der eine hat etwas Schlimmeres erlebt als der andere. Das ist immer subjektiv. Wohnungseinbruch – das kann man ja manchmal gar nicht glauben – sind für viele Menschen sehr schwer zu verarbeiten. Danach gucken viele dann jedes Mal, wenn sie durch die Tür kommen, erstmal hinter den Vorhang: „Hoffentlich ist da keiner.“ Da braucht man auch teilweise eine psychotherapeutische Behandlung. Das muss man den Menschen auch nahebringen: Welchen Weg kann ich weitergehen? Wie kann ich meine Angst abbauen? Wie kann ich verarbeiten, dass ich vergewaltigt wurde?


Und was macht der „Weisse Ring“ in so einem Fall?

Anders: Wir sind keine Therapeuten, sondern diejenigen, die wie eine Drehscheibe funktionieren. Wir zeigen den Opfern, wer der richtige Ansprechpartner für sie ist und gehen mit, zur Polizei oder zum Gericht, wenn sie das wollen. Außerdem haben wir die Möglichkeit, sie bei materiellen Notlagen zu unterstützen. Wir können den Opfern Beratungsschecks in Höhe von 150 Euro für eine Erstberatung geben, für eine psychotraumatologische Erstberatung. Aber auch für eine rechtliche Erstberatung. Denn die Gerichtskosten werden bei Opfern in der Regel von der Staatskasse übernommen, aber dazu muss es ja zunächst zu dieser Entscheidung des Gerichts kommen.


Gibt es etwas, was sie rückblickend in den dreieinhalb Jahren als Außenstellenleiter anders gemacht hätten?
Anders:  Ich neige dazu, manchmal zu viel gleichzeitig anzufassen. Im vergangenen Jahr habe ich mit großem Aufwand „30 Jahre Weisser Ring“ gemacht, mit viel Medienarbeit, und dann noch die Ausstellung „Opfer“ in der Drostei. Und da habe ich meine Kollegen manchmal ein wenig überfordert, in Bezug auf die Menge des zu Bewältigenden. Da wird man manchmal zu fordernd, und nicht jeder sagt einem das direkt und das kann zu Spannungen führen. Das ist sicherlich ein Fehler von mir, manchmal zu viel zu machen. Und damit auch andere zu belasten, ich mache das ja nicht allein. Deshalb habe ich mir jetzt auch vorgenommen; „Du musst entschleunigen, so geht das nicht.“


Entschleunigen. Ist das einer der Gründe, weshalb Sie die Leitung der Außenstelle jetzt abgegeben haben?
Anders:  Ich habe immer noch genug zu tun. Meine Frau und ich sind beides keine Menschen, die nur zuhause sitzen. Meine Frau engagiert sich auch sehr viel, sie arbeitet bei der Pinneberger Tafel und gibt ehrenamtlich Nachhilfe für Kinder, die sich das sonst nicht leisten können. Aber jetzt müssen wir ein wenig ruhiger werden, da habe ich gesagt: „Es reicht.“ Meine Tätigkeit beim „Weissen Ring“ war nämlich nur als Übergangslösung gedacht. Mein Vorgänger war gestorben und ich wollte die Aufgabe übernehmen, bis jemand anderes gefunden wird. Und wie es dann so kommt: Irgendwann habe ich aufgehört nach jemand anderem zu suchen. Aber jetzt bin ich wieder in den Kreistag gewählt worden und beides geht nicht. Und da man nach einer Wahl nicht sagen kann: „Nein, ich will jetzt doch nicht“, habe ich mich dazu entschlossen, das Amt abzugeben.


Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Sönke Hansen bei der Aufgabe?

Anders:  Freude bei der Arbeit, ein glückliches Händchen, ein gutes Teamklima und dass er nicht auch den Fehler macht, zu viel auf einmal zu machen.

Notrufnummer: 11 60 06

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erstellt am 25.Jan.2014 | 06:00 Uhr

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