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Geistig behinderte Eltern : „Eine Abtreibung kam nicht in Frage“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Hürden überwinden: Eine Mutter mit Lernschwäche und ein Vater mit eingeschränktem Kurzzeitgedächtnis aus Tornesch ziehen Zwillinge groß.

„Alle waren dagegen. Als ich schwanger war, haben mir alle aus meiner Familie zur Abtreibung geraten. Sie haben sich Sorgen gemacht, dass ich das nicht schaffen würde. Aber eine Abtreibung kam für mich nicht in Frage“, berichtet Konni Sorgenfrei aus Tornesch. Sie küsst ihre Babys liebevoll auf die Stirn und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Die 27-Jährige ist Mutter der acht Monate alten Zwillinge Nathalie und Michelle. „Wenn ich mit ihnen spiele und sie lachen, dann ist das ein schönes Gefühl“, beschreibt Sorgenfrei ihr Mutterglück. Eine ganz normale Familie. Und doch läuft vieles in ihrem Familienleben auf besondere Weise anders und mit Hilfe vieler verschiedener Unterstützer.

Die junge Mutter hat eine Lernbehinderung, besuchte eine Förderschule und ist in den Werkstätten der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung im Kreis Pinneberg beschäftigt. „Mit dieser Behinderung dauert es einfach länger, bis man etwas lernt“, sagt sie über sich selbst. Zudem leidet Sorgenfrei an einer Stoffwechselerkrankung, hatte 2002 eine Lebertransplantation und ist nach wie vor durch ihre Krankheit beim Erledigen von Alltagsaufgaben schnell geschwächt.

Ihr 24-jähriger Lebensgefährte und Vater der Kinder, Patrick Franz, leidet an Epilepsie und als Folge einer Hirnhautentzündung an Merkfähigkeitseinschränkungen. „Wir waren früher froh, wenn er den Weg nach Hause gefunden hat. Sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht richtig und muss trainiert werden“, versucht seine Mutter Susann Franz die Beeinträchtigungen ihres Sohns zu beschreiben. Patrick Franz arbeitet für den Lebensunterhalt der Familie als ausgebildeter Lagerist. „Die beiden sind jetzt die Eltern dieser wunderbaren Zwillinge. Sie ergänzen sich. Aber sie brauchen Hilfe im Alltag“, so Susann Franz. Auch Sorgenfrei sagt: „Ich komme mit den beiden Kleinen gut zurecht, aber ohne Unterstützung würde ich es nicht schaffen.“

Die Entscheidung, Nachwuchs zu bekommen, haben Sorgenfrei und ihr Lebensgefährte ganz bewusst getroffen. Dass es Zwillinge werden, hat die junge Mutter jedoch zunächst geschockt. „Und wenn beide gleichzeitig schreien, dann ist es katastrophal. Man denkt: Was habe ich mir angetan“, sagt sie und lächelt. An diesem Tag jedoch ist die Stimmung der Kinder einmalig. Angst vor der doppelten Herausforderung habe sie nicht gehabt, so Sorgenfrei. Die 27-Jährige hat bereits eine dreijährige Tochter aus einer früheren Beziehung, die zunächst in einer Pflegefamilie lebte und inzwischen beim Vater aufwächst. Jeden Tag hören sich Mutter und Tochter am Telefon. Damals sei sie mit einem Kind überfordert gewesen, wie die 27-Jährige sagt. Doch jetzt soll alles anders werden.

An Unterstützung mangelt es nicht. Anfangs zweimal pro Woche, jetzt alle zwei Wochen, schaut eine Familienhebamme vorbei, um sie bei der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu beraten. Die Eltern ihres Lebensgefährten nehmen die Kinder bis zu vier Tage pro Woche zu sich, um das junge Elternpaar zu entlasten. Krippenplätze stehen in Aussicht.

Eine rechtliche Betreuerin regelt die Finanzen. Und wie bereits vor der Schwangerschaft besucht die Erzieherin und ambulante Betreuerin der Lebenshilfe im Kreis Pinneberg, Diane Tempel, Sorgenfrei auch jetzt einmal pro Woche in deren eigener Wohnung in Tornesch. Als Betreuerin hört sie Sorgenfrei zu, wenn es um die Arbeit, das soziale Umfeld, Freunde, Sorgen und Nöte ging. Sie begleitet sie zu Ärzten und Ämtern. Ihre Aufgabe ist es, ihre „Klienten“ zu verselbstständigen, „sie im Alltag dort abzuholen, wo er oder sie steht und abgeholt werden will. „Als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, habe ich mir sehr große Sorgen gemacht“, gibt Tempel zu. „Aber ich bin vollkommen begeistert, wie gut sie das alles hinbekommen hat. Sie hat sich absolut positiv entwickelt, ist offener, verantwortungsvoller, selbstständiger. Ich habe Konni noch nie genervt von den Kindern erlebt. Sie ist die Ruhe selbst“, so Tempel weiter. Ganz klar betont sie: „ Ich denke nicht, dass wir das Recht haben, bei anderen zu entscheiden, ob sie Kinder in die Welt setzen dürfen oder nicht.“ Doch Tempel gibt zu bedenken: „Je älter die Kinder werden, desto schwieriger wird es, sie entsprechend zu fördern. Es müssen mehr und mehr Hilfen in die Familie.“

Sorgenfrei ist froh und dankbar über die Unterstützung. Sie sagt: „Menschen mit Behinderungen haben es nicht einfach im Leben.“ Auch ihre Schwester und ihre Mutter leben mit geistigen Behinderungen. Ihre Schwester ist selbst Mutter und lebt in einer betreuten Mutter-Kind-Einrichtung. Sprüche aus ihrem Umfeld wie „Du kannst nichts“ habe Sorgenfrei schon häufiger zu hören bekommen. „Aber ich lasse das an mir abprallen. Ich weiß es besser“, sagt die 27-Jährige mit Gelassenheit und Selbstbewusstsein.

Kinder bekommen trotz Behinderung? Für Sorgenfrei eine Abwägungssache je nach Grad der Behinderung, wie sie sagt. Sie selbst ist dabei, ihren Weg zu gehen – in einem großen Kreis von Unterstützern. Ob ihre Kinder auch eine Lernschwäche haben werden, könne man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, so Sorgenfrei. Was die 27-Jährige für ihre Kinder möchte? Dasselbe wie jede Mutter auf dieser Welt: „Nur das Beste.“

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