Ein Wanderer zwischen zwei Welten

<strong>Jürgen Schwandt</strong> in seinem ganz persönlichen Schifffahrtsmuseum.<foto>rüscher</foto><br />
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Jürgen Schwandt in seinem ganz persönlichen Schifffahrtsmuseum.rüscher

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30. Juni 2012, 01:14 Uhr

Rellingen | Dezember 1956: Im Nordatlantik tobt ein schwerer Sturm. Die "Franziska Sartori" wird von den Wellen im stürmischen Meer umher geschleudert. "Es war ein Jahrhundertsturm. Die See hat mit uns russisches Roulette gespielt", berichtet Kapitän Jürgen Schwandt mit rauer Stimme. Der 75-Jährige erinnert sich genau daran. "Es war die schlimmste Erfahrung, die ich auf See gemacht habe. Um uns herum sind die Schiffe abgesoffen. Wellen brachen, das Schiff stellte sich quer, ich dachte: das wars jetzt." Die "Franziska Sartori" wurde von der Wucht der Wellen "kaputtgeschlagen". Sechs Wochen lag sie nach dem Sturm auf der Werft. Auf demselben Schiff gings später wieder raus aufs Meer.

Der "Hamburger Jung", lebt seit Jahren mit seiner Frau in Rellingen. In seiner Eigentumswohnung beherbergt er viele Schätze, die er von seinen unzähligen Reisen mitgebracht hat. Kompass, Ruder, Anker, Ankerleuchten, Glocken, Bullaugen, Fischernetze, Masken aus Afrika - das Esszimmer ist ein kleines Museum der Schifffahrt. Eine Erinnerung an einen Großteil seines Lebens.

Es war 1952, als der damals 16-Jährige anfing, als Schiffsjunge zur See zu fahren. Die Bedingungen seien damals ganz andere gewesen: "Wir hatten Trinkwasser in Milchkannen dabei, keine Heizung, geschlafen haben wir auf Holzpritschen mit Strohsäcken drauf", erinnert sich Schwandt. Warum er Seemann wurde? "Es war so ein bisschen wie bei Herman Melville: wirtschaftliche Notwendigkeit und falsch verstandene Abenteuerlust." Doch auch wenn die Seefahrt nicht seiner verklärt romantischen Vorstellung entsprach, so blieb er 20 Jahre lang dabei. "Es ist Knochenarbeit, aber es wird nie langweilig." Wo war er überall? "Fragen Sie lieber, wo ich nicht gewesen bin", so Schwandt lachend. Australien habe er nie gesehen, doch dieser Traum sei abgehakt.

Weitere 20 Jahre verbrachte Schwandt auf einem Zollkreuzer auf der Nordsee und der Unterelbe. Auch dunkle Zeiten verbindet er mit der Seefahrt. "Ich war auf dem Weg zum Alkoholiker", so der 75-Jährige. Irgendwann habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmt. "Ich hatte Angst vor dem sozialen Abstieg. Ich habe alles gelesen, was ich zu Suchterkrankungen in die Finger bekam. Mir war klar, dass ich nie wieder etwas trinken durfte." Von heute auf morgen habe er aufgehört. Danach machte er es sich zur Aufgabe, anderen zu helfen, ließ sich zum Suchthelfer ausbilden. "Wenn ich gesehen habe, dass jemand in Abhängigkeit rutschte, versuchte ich zu helfen", so Schwandt.

Während der Zeit auf dem Zollkreuzer, wieder in der Heimat mit festem Wohnsitz, entdeckte Schwandt seine zweite große Leidenschaft: Die Reiterei. Den damals 37-Jährigen faszinierte der Pferdesport sofort. Nach seiner Pensionierung leitete er sechs Jahre lang den Schulbetrieb beim Reiterverein Am Bilsbek. Bis heute ist er dem Verein treu, auch wenn er selbst nicht mehr in den Sattel steigen darf und seit zwei Jahren kein eigenes Pferd mehr besitzt. Mit Pferden zu arbeiten, sei ähnlich wie die Seefahrt: Jeder Tag ist anders, Langeweile gibt es nicht. Auch hoch zu Ross war der Seebär viel unterwegs - etwa quer durch die Puszta in Ungarn und zum Jagdreiten in Irland.

In ruhigen Momenten flüchtet sich Schwandt in die Abenteuer anderer. In der Welt der Bücher fühlt er sich zu Hause. Sämtliche Literaturnobelpreisträger hat er aufgelistet, in Antiquariaten gesucht und dann verschlungen. Die Liebe zu Büchern entdeckte er in der zweiten Klasse. Seine Eltern schlossen den Bücherschrank immer ab, doch irgendwann fand er heraus, wo der Schlüssel versteckt war - danach gab es kein Halten mehr. "Ich habe nachts mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen", erzählt Schwandt. Lieblingsautoren? "Nicht so richtig". Aber Steinbeck, Hemmingway und Mailer hätten es ihm angetan. Es vergehe kein Tag, an dem er nicht lese.

Der 75-Jährige ist ein Wanderer. "Echtes Heimatgefühl habe ich nie entwickelt", erklärt er. 1936 während des Zweiten Weltkrieges geboren, hat er 1942 die Bombennächte in Hamburg erlebt. Die Familie wurde evakuiert. Als sie zurück in die Hansestadt kam, war die Wohnung ausgebombt. "Ich hatte vom Krieg die Schnauze voll", sagt Schwandt. "Wenn es im Kalten Krieg zwischen Amerika und Russland gekracht hätte, wäre ich in Amerika von Bord des Schiffes gegangen und hätte als Illegaler dort gelebt", so Schwandt weiter.

Zur See fährt er seit Jahren nicht mehr. Doch so ganz hat ihn sein Kapitänspatent und die Leidenschaft für das raue Meer nie los gelassen. Im vergangenen Jahr war er fünf Wochen mit einem Containerschiff unterwegs. "Ich wollte die Nase mal wieder in den Atlantik stecken", so Schwandt. Und auch in diesem Jahr geht es wieder raus auf den Ozean, allein. "Meine Frau wird seekrank", erzählt Schwandt lachend. Er selbst hofft, dass es stürmisch wird.

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