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Pinneberger Tageblatt

23. September 2017 | 02:22 Uhr

„Ein Stück eine öffentliche Familie“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Pflegeeltern Antje Schölzel und Kerstin Ewert-Mohr haben beschlossen, mit Kindern zu leben, deren Eltern diese nicht versorgen können

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 16:00 Uhr

„Meine Tochter hat neulich im Auto zu mir gesagt: ‚Mama, ich liebe mein Leben‘“, berichtet Antje Schölzel. Ein Satz, den viele Eltern gern von ihren Kindern hören. Doch für Schölzel ist er etwas ganz Besonderes: Die Sechsjährige ist nicht ihr leibliches Kind. Schölzel hat sie vor etwa fünfeinhalb Jahren als Pflegekind bei sich zuhause aufgenommen. Auch der elfjährige Sohn von Kerstin Ewert-Mohr ist Pflegekind. Er lebt inzwischen seit neuneinhalb Jahren in der Familie. Eine Zeit, in der es Höhen und Tiefen gab. „Auch wenn er mit eineinhalb Jahren noch sehr jung war, als er zu uns kam, hatte er bereits viel erlebt, was sein späteres Verhalten beeinflusst hat“, sagt Ewert-Mohr.

Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht werden, sind dort, weil ihre leiblichen Eltern kurzzeitig oder dauerhaft nicht in der Lage sind, sich um sie zu kümmern. Gewalt, Suchterkrankungen oder schwierige Familienverhältnisse können Gründe dafür sein, erläutert Jasper Jensen, Leiter des Teams Pflegestellen und Adoptionen beim Kreis Pinneberg. Er und seine Mitarbeiter versuchen, für diese Kinder eine passende Pflegefamilie zu finden – wenn sie noch familienkompatibel sind. „Einige Kinder können aufgrund der Erfahrungen, die sie bei ihren leiblichen Eltern gemacht haben, keine Bindungen mehr eingehen. Sie sind in familienähnlichen Wohnformen mit ausgebildeten Pädagogen oder in einer Wohngruppe besser aufgehoben“, sagt Jensen. Auch Jugendliche kämen in der Regel nicht in Pflegefamilien, sondern in Wohngruppen, da sie altersbedingt oft ohnehin gerade dabei wären, sich von ihren Eltern zu lösen.

Die Pflegekinder, die Schölzel und Ewert-Mohr bei sich aufgenommen haben, waren noch sehr jung, als sie in die Familien kamen. Beide Frauen hatten zuvor keine Kinder gehabt und sich entschlossen, Pflegekinder bei sich aufzunehmen. „Bei uns war das Thema Kind zu dem Zeitpunkt sehr präsent, wir waren jedoch bereits jenseits der 40. Und dann habe ich eine Anzeige gesehen, mit der Pflegeeltern gesucht wurden“, erzählt Schölzel, wie sie auf die Idee gekommen sei, Pflegemutter zu werden.

Bei Ewert-Mohr seien die Erfahrungen eines Kollegen ausschlaggebend dafür gewesen, dass sie und ihr Mann sich dazu entschlossen hätten, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. „Wir wussten, dass wir keine leiblichen Kinder bekommen können und hatten schon mehrfach mit dem Gedanken gespielt, ein Kind zu adoptieren oder als Pflegekind aufzunehmen. Allerdings dachten wir immer, dass sei eine Nummer zu viel für uns“, sagt Ewert-Mohr. Dass, was ihr Kollege über das Leben als Pflegefamilie berichtete, habe sie dann aber überzeugt, diesen Schritt selbst zu gehen.

Im Gegensatz zu Adoptiveltern haben Pflegeeltern weniger Entscheidungsfreiheit darüber, wie das Kind lebt. Im Alltag dürfen sie vieles selbst regeln: Die Zeugnisse des Kindes unterschreiben etwa, oder es wegen einer Mandelentzündung zum Arzt bringen. Sie haben jedoch nicht die vollständige Sorgevollmacht: Ob das Pflegekind geimpft werden darf oder welche Schule es besucht, entscheiden in der Regel die leiblichen Eltern oder das Jugendamt. „Wir sind ein Stück weit eine öffentliche Familie“, beschreibt Ewert-Mohr ihr Zusammenleben. Dies liege unter anderem daran, dass ein enger Kontakt zur Verwaltung bestehe. Einmal jährlich finde etwa ein Hilfeplan-Gespräch mit dem Team Adoption und Pflegestellen statt. „An diesem sollen möglichst auch die leiblichen Eltern teilnehmen“, berichtet Ewert-Mohr. Das Gespräch diene dazu, sich darüber auszutauschen, wie das vergangene Jahr verlaufen ist und wie das kommende Jahr aussehen soll, erläutert Jensen. So werde etwa nachgefragt, welche Unterstützung bei der Erziehung noch benötigt werde und festgelegt, inwiefern leibliche Eltern und Pflegekind Kontakt miteinander haben sollen.

„Als Pflegeeltern muss man bereit sein, mit den leiblichen Eltern zusammenzuarbeiten, da muss man teilweise auch über seinen eigenen Schatten springen“, sagte Jensen. Im Idealfall finde ein regelmäßiger Kontakt zwischen den Pflegekindern und ihren leiblichen Eltern statt. Anfangs habe dies auch funktioniert, berichten sowohl Schölzel als auch Ewert-Mohr. Derzeit jedoch hätten ihre Kinder keinen Kontakt zu den leiblichen Eltern. Der Pflegesohn von Ewert-Mohr habe jedoch unregelmäßigen Kontakt zu seiner Großmutter und seiner Schwester, die bei der Oma lebt. „Es wäre schön, wenn sie mehr Kontakt hätten, aber das wollen beide Seiten nur sparsam“, sagt Ewert-Mohr.

„Die leiblichen Eltern sind immer präsent“, sagt Schölzel. Auch wenn die Kinder nur kurze Zeit bei ihren Eltern gelebt hätten und derzeit kein Kontakt bestehe – sie hätten sich in der Zeit, die sie mit ihren Eltern verbrachten, ein Bild von diesen gemacht und Gefühle zu ihnen entwickelt. Dies seien allerdings nicht immer positive Gefühle. „Manchmal ist unser Sohn wütend auf seine Eltern und lässt dies an uns aus“, berichtet Ewert-Mohr. Auch Schölzel habe derartige Erfahrungen gemacht. Inzwischen hätten beide gelernt damit umzugehen. Geholfen habe ihnen dabei der Austausch mit anderen Pflegeeltern. Denn einige Probleme tauchten wegen der besonderen Situation in vielen Familien auf. „Es geht bei Pflegekindern ganz oft nicht nur um Erziehung, sondern auch um Heilung. Im Laufe der Zeit entwickelt man sich zu einem kleinen Pädagogen“, sagt Ewert-Mohr.

Für die Kinder sei es wichtig, ihre Herkunft zu kennen, sagen sowohl Schölzel als auch Ewert-Mohr. Beide haben deshalb Bücher oder Fotoalben angelegt, mit denen sie versuchen, Lücken in der Biografie ihrer Pflegekinder zu schließen. Darin sind etwa Bilder der leiblichen Eltern, Orte, an denen die Kinder früher wohnten oder besondere Ereignisse festgehalten. „Unser Sohn hat Phasen, in denen er gern in dem Buch blättert, manchmal will er nichts von seiner Vergangenheit wissen“, berichtet Ewert-Mohr. Aber das sei ihm selbst überlassen. Auch Jensen bestätigt, dass es für Kinder wichtig sei, ihre Herkunft zu kennen: „Sie brauchen eine Vorstellung davon, wo sie herkommen. Und zwar eine ausgewogene, bei der sowohl die positiven Seiten gezeigt werden als auch die Dinge, die nicht so gut gelaufen sind.“

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