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Pinneberger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 12:45 Uhr

Ein Schutzraum für die Seele

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

In der Begegnungsstätte „Das Schiff“ berät die Arbeiterwohlfahrt Pinneberg Menschen mit psychischen Problemen

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2014 | 16:00 Uhr

Pinneberg | Schon rein äußerlich sieht es einladend aus, ein anheimelndes altes Fachwerkhaus wie aus einer verklärten, „gemütlichen“ Vergangenheit. Rote Backsteinfelder, große Fenster. Man möchte einfach eintreten, sich drinnen sicher und wohl fühlen. Und genau darum geht es im Fahltskamp 30. Hier unterhält die Awo „Das Schiff“, eine Begegnungs- und Beratungsstätte für alle, bei denen es „hakt“ im täglichen Leben. Die mit ihrem Alltag nicht zurecht kommen, in Beziehungs- oder auch wirtschaftlichen Krisen stecken, sich in tiefster Seele krank und allein gelassen vorkommen. Für sie alle gibt es dort ein vielfältiges Hilfsangebot. Professionelle Einzel-, Paar- und Familienberatungen gehören dazu, sogar als Hausbesuche, aber dann auch moderierte Gruppengespräche und schließlich Selbsthilfegruppen unter der Anleitung Betroffener, die in speziellen Kursen das Rüstzeug für ihre Aufgabe erworben haben.

Schwellenangst sei völlig unnötig, versichern Birgit Kast und Erika Schumacher, die hier oft erste Gesprächspartner sind. Man müsse sich nicht extra anmelden, brauche keinen Überweisungsschein, verpflichte sich auch nicht zum Wiederkommen.

Kosten entstehen den Hilfesuchenden auch nicht. Das sei sehr wichtig, hebt Kast hervor, denn oft gehen psychische Erkrankungen eng mit einem Abgleiten in wirtschaftliche Bedrängnis einher. Wer nicht mehr leistungsfähig ist, vielleicht an Burnout erkrankt, finde sich schnell als Hartz-4-Empfänger wieder, ist eine von Kasts häufigen Erfahrungen. Dann komme Scham hinzu und führe zu Vereinsamung.

Andererseits kennen Kast und Schumacher auch Schicksale, bei denen eine frühe seelische Erkrankung erst gar keinen Einstieg in einen Erfolg versprechenden Beruf ermöglicht. In früheren Zeiten hätten solche Menschen genügend Arbeitsplätze für Gering-Qualifizierte vorgefunden. Heute gebe es die kaum noch. Betroffene fühlen sich vom Leben ausgeschlossen und verfallen in immer tiefere Depression.

Oft komme niemand auf die Idee, dass diese Menschen Hilfe brauchen, denn psychische Krankheiten seien vielfach ganz unauffällig, beobachten die beiden Beraterinnen. „Wenn jemand im Gipsverband daher humpelt, dann sieht man das und hilft auch gerne“, machen sie den Unterschied deutlich, aber was in der Seele falsch laufe, bleibe entweder unsichtbar oder aber es äußere sich in Auffälligkeiten, denen so genannte „Normale“ lieber aus dem Weg gehen. Dagegen arbeiten die „Schiff“-Lotsen Kast und Schumacher an. Sie wollen den Betroffenen Mut machen, sich selbst zu akzeptieren wie sie sind. Sie vermitteln auch Kontakte zu professionellen Therapeuten, wenn das nötig ist. Aber ganz wichtig ist es ihnen darüber hinaus, Brücken zu schlagen, über die Gesunde und Kranke zu einem guten Miteinander finden.

Als Beispiele nennen sie zwei Angebote zur Kreativität, Malerei und Musik. „Zunächst tun wir das, damit die Leute Ausdrucksmöglichkeiten finden, aus sich herausgehen, sich auch etwas zutrauen, aber dann sind wir einen Schritt weiter gegangen“, berichten Kast und Schumacher.

Mit ihren Schutzbefohlenen veranstalten sie inzwischen öffentliche Auftritte und Ausstellungen. Die mit vielen Bildern geschmückten Wände im „Schiff“ zeugen davon. „Das ist für ganz in sich gekehrte psychisch Kranke eine enorme Herausforderung“, erfahren sie dabei immer wieder, aber es sei jedes Mal ein Riesengewinn, nicht nur für die Kranken, sondern gerade auch für die gesunden Nachbarn, die dabei ein bisschen von ihrer Scheu vor den Betroffenen verlieren.
 

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