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Pinneberg : „Ein Schatz für jedes Unternehmen“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der 18-jährige Farhad Barati aus Afghanistan hat im Sommer seine mittlere Reife gemacht. Er sucht eine kaufmännische Lehrstelle.

shz.de von
erstellt am 26.Sep.2015 | 16:00 Uhr

Pinneberg | „Herr Barati ist ehrlich, fleißig, pünktlich und zuverlässig“, liest Ulrich Krause, Leiter der Kreisberufsschule in Pinneberg, aus einem Zeugnis vor, dass sein ehemaliger Schüler Farhad Barati von einem Supermarkt ausgestellt bekomen hat. Dort hat der 18-Jährige neben der Schule zirka ein Jahr lang gearbeitet, um sich ein wenig Geld dazuzuverdienen. „Herr Barati ist kommunikativ und engagiert“, ergänzt ein anderes Nebenjob-Zeugnis die Beschreibung des jungen Mannes, der im Sommer seine mittlere Reife mit dem Schwerpunkt Wirtschaft an der Kreisberufsschule erworben hat. „Der junge Mann ist ein echter Gewinn für jeden Betrieb“, fasst Krause zusammen, was er über seinen ehemaligen Schüler weiß. Dennoch findet Barati derzeit keine Ausbildungsstelle.

Barati hat schon Einiges versucht, um einen Ausbildungsplatz zu finden. „Ich habe schon sehr viele Bewerbungen geschrieben und viele Absagen bekommen“, berichtet er. Zudem habe Barati an zwei Bewerbungs-Speed-Datings teilgenommen. Aber erst einmal habe man ihn zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. „Von denen soll ich noch Bescheid bekommen“, sagt er. Dennoch wandte er sich zwischenzeitlich an seinen ehemaligen Schulleiter und bat diesen um Hilfe.

Derzeit schreibe Barati täglich Bewerbungen beim Grone-Bildungszentrum und hoffe weiter auf einen Ausbildungsplatz im kaufmännischen Bereich. „Am liebsten würde ich Automobilkaufmann werden“, sagt er. „Ich denke, dass dieser Beruf gut zu mir passt, weil ich ein großes Interesse an Autos habe.“ Aber auch andere kaufmännische Berufe würden ihn reizen. „Ich bin sehr offen, gehe gern auf Menschen zu und kann mir auch andere Branchen gut vorstellen“, beschreibt Barati sich selbst. Dass ihm die kaufmännischen Tätigkeiten Spaß machten, habe er während zweier Praktika erlebt: Eines beim Diakonie Verein Migration und ein weiteres in einem Autohaus. Er weiß also, was ihn während der Ausbildung erwarten würde.

Familie hat Aufenthaltserlaubnis

„Herr Barati ist ein Schatz für jedes Unternehmen und trotzdem gelingt es ihm nicht, eine Lehrstelle zu finden“, sagt Krause. Er vermute, dass Baratis verzweifelte Suche damit zusammenhängen könnte, dass der 18-Jährige noch nicht so lange in Deutschland ist. Vor 4,5 Jahren floh er mit seinen Eltern und seinen zwei jüngeren Geschwistern aus Herat, der drittgrößten Stadt in Afghanistan, nach Deutschland. Inzwischen hat die Familie einen Aufenthaltserlaubnis, denn sie konnte beweisen, dass sie politisch verfolgt wurde.

Krause berichtet, dass allein in diesem Schuljahr 96 Flüchtlinge neu an die Kreisberufsschule gekommen wären. „Das wichtigste ist, dass die erst einmal Deutsch lernen“, sagt Krause. Barati verfüge inzwischen über genug Sprachkenntisse, um eine Ausbildung in Deutschland zu absolvieren. Abgesehen davon, dass er zusätzlich noch Arabisch lesen kann und Englisch, Dari und Persisch spricht. 

Dennoch gestalte sich die Ausbildungsplatzsuche für die jungen Migranten schwierig, sagte Krause. „Die Betriebe müssen in dieser Hinsicht noch viel offener werden“, sagt Krause. Es werde damit gerechnet, dass Schleswig-Holstein im Jahr 2030 etwa 100000 Fachkräfte fehlen, umso weniger könne Krause verstehen, dass seine ehemaligen Schüler mit Fluchthintergrund Probleme damit haben, nach dem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz zu finden.

Dies sei auch für die Halstenbeker Landtagsabgeordnete Ines Strehlau (Grüne) nicht nachvollziehbar. „Wir haben in unserer Fraktion auch schon Flüchtlinge als Praktikanten gehabt“, berichtet sie. „Die jungen Leute begreifen das Leben in Deutschland als Chance und viele von ihnen möchten etwas an Deutschland zurückgeben, nachdem sie hier Hilfe bekommen haben“, sagt Strehlau. Auch sie hoffe, dass die Betriebe sich in Kürze mehr öffneten. Und eines fordere sie ganz dringend: „Jeder, der hierher kommt, muss von Anfang an die Sprache lernen dürfen. Auch diejenigen, die nicht mehr im Schulalter sind. Nur so wird die Integration gelingen.“ Karina Voigt

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