Feierliche Audienz : Ein Rellinger bei Joachim Gauck in Berlin

Dr. Hubertus-Eberhard Zimmermann aus Rellingen weiß, was Flucht bedeutet: Er ist mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern 1945 aus dem heutigen Polen vertrieben worden. Überlebt hat er, weil andere Menschen ihm geholfen haben. Als Dank dafür möchte der Internist etwas zurückgeben.
1 von 2
Dr. Hubertus-Eberhard Zimmermann aus Rellingen weiß, was Flucht bedeutet: Er ist mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern 1945 aus dem heutigen Polen vertrieben worden. Überlebt hat er, weil andere Menschen ihm geholfen haben. Als Dank dafür möchte der Internist etwas zurückgeben.

Mitbegründer der Malteser Migranten Medizin in Hamburg: Dr. Hubertus-Eberhard Zimmermann wird auf Schloss Bellevue empfangen.

von
06. Januar 2015, 13:45 Uhr

Rellingen / Berlin | Feierliche Audienz auf Schloss Bellevue in Berlin. Dr. Hubertus-Eberhard Zimmermann bleibt trotzdem bescheiden. „Ich weiß nicht, wer mich vorgeschlagen hat.“ Trotzdem: Die Freude in Rellingen dürfte groß sein. Der Internist und Mitbegründer des 2007 gegründeten ehrenamtlichen Projekts Malteser Migranten Medizin (MMM) am katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg wird am Freitag mit 70 Bundesbürgern bei Bundespräsident Joachim Gauck zum Neujahrsempfang begrüßt wird.

30 Jahre und zwei Monaten hat Zimmermann als niedergelassener Internist in Hamburg-Bahrenfeld gearbeitet. 2007 musste er aus Altersgründen aufhören, stieg aber zwei Jahre später – die Gesetzeslage hatte sich geändert – als Spezialist halbtags in einer Praxis in Hamburg-Steilshoop wieder ein.

„Das Leben in den Dienst der Menschheit stellen“: Dieses Gelübte bei der Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand will Zimmermann, so lange es geht, erfüllen. Bis heute ist er seinem Schwur treu geblieben. Unermüdlich. Engagiert.

2007 – da war Zimmermann auch sofort Feuer und Flamme für die Idee, kranken Menschen zu helfen, die mit buchstäblich nichts auf der Flucht vor Leid und Krieg in Deutschland gestrandet sind. Ohne Ausweis-Dokumente. Ohne Krankenversicherung. Ohne Geld, um einen festen Betrag in eine Krankenversicherung zu zahlen. Ehrenamtlich sitzt Zimmermann seitdem donnerstags von 16 bis 20 Uhr im Marienkrankenhaus in der Alfredstraße 9 Haus. Und hilft.

„Held des Nordens 2014“

Nicht allein. Gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Detlev Niebuhr, der in der Nähe von Elmshorn lebt und jüngst zum „Held des Nordens 2014“ gekürt wurde, sowie Dr. Helgo Meyer-Hamme setzt sich das Trio für Menschen ein, die beispielsweise aus Ghana, Kamerun oder Südamerika ohne Aufenthaltstatus Hilfe suchen. Zimmermanns Frau Brigitte unterstützt dabei tatkräftig, führt die elektronische Datei.

Vor mehr als sieben Jahren fing alles im Dienstzimmer des Krankenhausgeistlichen an. Bescheidene Verhältnisse seien das gewesen. Doch das Angebot sprach sich rasch herum. Zimmermanns Kollege, Chefarzt Professor Dr. Christian Müller, sei es schließlich gewesen, der ihnen einen Raum in seiner Chirurgischen Ambulanz zur Verfügung gestellt habe. Dort können sie Medizin leben, für Menschen in Not. Mit Spezialgeräten, mit Know-How von weiteren 60 Ärzten in der Stadt, die sich bereit erklären, die MMM zu unterstützen, wenn es im Kleinen nicht mehr weitergeht. Zimmermann profitiert dabei von seinem jahrelang aufgebauten Netzwerk.

Der Internist ist froh, dass das Marienkrankenhaus die Ambulanz inklusive eines modernen Sonografiegeräts zur Verfügung stellt und Verbrauchsmaterialien vom Pflaster bis Injektionsnadel zahlt. „Oft haben die Menschen auch Angst, mir ihren Namen zu nennen. Dann gebe ich ihnen einen“, ist der Rellinger Arzt ganz unbürokratisch.

100.000 Menschen illegal in Hamburg

Anfangs traute sich an manschen Tagen nur ein Patient. „Heute sind es im Schnitt 15, die donnerstags vorbeikommen“, sagt Zimmermann. Und er weiß: Der Bedarf wächst. Sozialexperten schätzen, dass etwa 100.000 Menschen illegal in Hamburg leben.

Zimmermann freut sich auf Berlin. Seine Frau begleitet ihn: „Die Ehepartner bekommen ein separates Programm, mit Führung im Schloss und Bundestag.“ Gemeinsam werden sie auch von Staatsrat Wolfgang Schmidt in der Ständigen Vertretung von Hamburg empfangen. Doch richtig loslassen kann der 74-Jährige nicht: „Wir brauchen noch dringend Zahnärzte.“

Menschen ohne Papiere suchen im katholischen Marienkrankenhaus/Haus 1 (Haupteingang), Chirurgische  Ambulanz – Bereich 5 (EG), Alfredstraße 9, 22087 Hamburg Hilfe. Telefon: (040) 2546-1208; E-Mail: mmm.hamburg @malteser@ org; jeden Donnerstag von 16  bis 20 Uhr; Spendenkonto: Pax Bank – BLZ: 37060120 Kto.: 1201200012 – Betreff: MMM. Außer der Malteser Migranten Medizin gibt es allein in Hamburg Einrichtungen, die sich anonym und kostenlos um Patienten ohne Krankenversicherung kümmert. Dazu zählen etwa die „Praxis ohne Grenzen“ oder das Medibüro, das Termine an Ärzte vermittelt.
zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen