Pinneberg : Ein Plädoyer für Freiheit und Kunst

Eine französische Künstlerin reagiert auf die Geschehnisse in ihrer Heimat: Mouna Ramcke hat ein Herz für Zeichner – und die Pressefreiheit.
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Eine französische Künstlerin reagiert auf die Geschehnisse in ihrer Heimat: Mouna Ramcke hat ein Herz für Zeichner – und die Pressefreiheit.

Mouna Ramcke hat Wurzeln in Paris. Die vergangenen Tage waren aufregende für die 63-Jährige. Die Vorkommnisse in Frankreich waren ein Dauerthema.

shz.de von
15. Januar 2015, 16:00 Uhr

Pinneberg | Mouna Ramcke ist Französin. Ihre Kindheit hat sie in Paris verbracht. Seit 1981 lebt sie in Pinneberg. Als Künstlerin. Malerin. Die vergangenen Tage waren aufregende für die 63-Jährige. Der Terror in ihrer Heimat – im Hause Ramcke ein Dauerthema. Mit einem Ohr ist sie immer in Paris. Es wird viel telefoniert. Ein Bruder und zwei Schwestern leben in der französischen Hauptstadt. Ramcke fürchtet, dass Nationalisten Kapital aus islamistischen Anschlägen ziehen könnten. Und sie verurteilt die Propaganda von Rechtspopulisten – auch in Deutschland.

Es ist früher Nachmittag. Heute vor acht Tagen. Die Meldungen aus Paris überschlagen sich. Ramcke ist zu Hause, in ihrem Haus im Quellental. Sie sucht sich sofort einen französischen Radiosender, verfolgt das Geschehen. Per SMS wird sie von ihren Verwandten auf dem Laufenden gehalten. „Alle sind sehr betroffen“, sagt die Wahl-Pinnebergerin. Die Anschläge auf das Redaktionsbüro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ – für sie ein Attentat auf die Freiheit der Kunst. Allerdings eines, das überall hätte verübt werden können. „So etwas kann ebensogut hier passieren“, sagt Ramcke.

Die Ausrichtung von „Charlie Hebdo“ betrachtet die Malerin durchaus differenziert. Das Medium sei in ihrem Heimatland sehr verbreitet. Sie selbst würde die Zeitschrift jedoch nicht kaufen. „In dem Blatt wird mir zu viel polemisiert und mit Gefühlen der Menschen gespielt“, sagt Ramcke. „Ich glaube, dass einige Karikaturen Muslime sehr verletzt haben.“ Völlig klar sei jedoch, dass nichts einen Gewaltausbruch oder gar Mordanschläge rechtfertige. Und: „Die Pressefreiheit muss unantastbar bleiben.“

Ihre Haltung bringt Mouna Ramcke auch öffentlich zum Ausdruck. Am Montag demonstrierte sie in Hamburg – auf Einladung des französischen Konsulats. Viele Landsleute seien dabei gewesen. Vertreter aller Glaubensrichtungen. Als Zeichen der Verbundenheit mit den erschossenen Zeichnern hatte Ramcke ein kleines rotes Herz dabei – mit Buntstiften umwickelt. „Ich will die Liebe zur Kunst, zur Vielfalt, zur Farbe ausdrücken“, sagt die 63-Jährige. „Je suis L’Art“, wandelt Ramcke den vor acht Tagen entstandenen Slogan „Je suis Charlie“ für sich ab. „Ich bin Kunst.“

Erstaunen über die Pegida

Verspürt sie nach den Anschlägen in Paris jetzt Angst vor dem Islam? Mouna Ramcke muss nicht lange überlegen. „Non“, antwortet die Französin. „Ich habe viele Freunde, die dem muslimischen Glauben angehören.“ Für sie als Einwanderin sei erschreckend, wie die so genannte Pegida-Bewegung sich Ängste zu Nutze mache. Und unverständlich, dass deren Märsche in den neuen Bundesländern so großen Zulauf erführen. Ausgerechnet dort, wo Menschen vor 25 Jahren selbst für Freiheit und bessere Lebensbedingungen gekämpft hätten. „Dass diese Menschen jetzt ‚Wir sind das Volk‘ rufen, das ist empörend“, sagt Ramcke.

Das Mittwoch erschienene Titelblatt von „Charlie Hebdo“ zeigt einen weinenden Propheten Mohammed. Ramcke weiß nicht recht, was sie davon halten soll. „Zunächst hatte ich Angst, es könne als erneute Provokation verstanden werden.“ Doch dann habe sie einen Imam gehört, der sich gemäßigt geäußert habe. Und der von einem modernen, offenen Islam sprach. Eine Haltung, mit der sich die Künstlerin, sie selbst ist Protestantin, sehr gut identifizieren kann.

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