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Pinneberger Tageblatt

15. Dezember 2017 | 13:39 Uhr

Ein offenes Ohr für das Leiden

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Seit 30 Jahren ist Pastor Christoph Stegmann als Altenheimseelsorger in Kummerfeld, Prisdorf und Tornesch unterwegs

Angesichts seines vollen Terminkalenders ist Pastor Christoph Stegmann durchaus mit einem Manager vergleichbar. Doch obwohl er sehr beschäftigt ist, wirkt er dabei ruhig und entspannt. Wenn Stegmann nicht gerade im Urlaub ist, brauche er den Trubel, sagt er. Seit 30 Jahren ist er im Dienst für die Senioren in Kummerfeld, Prisdorf, Tornesch und Pinneberg unterwegs.

Als Altenheimseelsorger des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein kümmert er sich um die Menschen in den Einrichtungen der kleinen Gemeinden rund um Pinneberg. In der Kreisstadt hat er den Seniorenchor, das Trauercafé sowie mehrere Trauergruppen ins Leben gerufen. Zudem leitet er den Seniorentanzkreis und organisiert Fahrten für ältere Menschen – reichlich Arbeit für den 61-Jährigen.

Altenheimseelsorger ist er seit mehr als drei Jahrzehnten. Bereits als er noch in der Heiliggeistgemeinde in Pinneberg aktiv war, sei er schon sehr interessiert gewesen an der Seniorenarbeit. Nachdem sich die Pastoren in den kleinen Gemeinden über zu viele Besuche beschwert hatten, richtete der damalige Probst die Stelle ein.

Damals sei er wohl der einzige gewesen – nördlich der Elbe. Zehn bis 15 Mal pro Woche fährt Stegmann mit seinem roten Opel Corsa und einem kleinen Blümchen auf dem Beifahrersitz in die Einrichtungen. Meistens gratuliert er zum Geburtstag. Vom kleinen Schnack bis zur jahrelangen Verbundenheit war alles dabei. Die Bewohner reagierten sehr unterschiedlich auf den Pastor. „In der Regel ist die Reaktion aber positiv.“ Es gebe allerdings auch Ablehnung. Wenn die Menschen negative Erfahrungen mit der Kirche gemacht hätten, fiele der Empfang schon mal frostig aus. Es können aber auch Freundschaften entstehen, wie Stegmann berichtet.

Gut erinnert er sich noch an eine Dame, die im Altenzentrum in Kummerfeld lebte. „Sie hat mir gleich gesagt, sie habe mit Kirche nichts am Hut“ , erzählt er. Nach dem anfänglichen Zögern baute sich durch lange Gespräche ein Vertrauensverhältnis auf, das bis zum Tod der Frau etwa fünf Jahre später Bestand hatte. Gebürtig stammte die Dame aus dem damaligen Königsberg in Ostpreußen. Sie sei von den Russen verschleppt worden und musste unter Tage arbeiten, litt deshalb später unter starkem Rheuma. „Sie hatte ganz zarte Hände, aber sehr dicke Gelenke und schlimme Schmerzen.“

Ihren Glauben an die Kirche habe sie verloren, als eine Pastorentochter verstoßen wurde, weil diese nicht standesgemäß heiraten wollte. Selbst als die junge Frau auf die schiefe Bahn geriet und Selbstmord beging, habe der Vater nichts von ihr wissen wollen. „Ihre Schilderungen waren schon sehr eindrücklich. Das werde ich meinen Lebtag nicht vergessen“, sagt Stegmann.

Über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen viele Menschen, denen der Pastor begegnet. „Ich bin sehr dankbar, so viel über Flucht und Vertreibung zu hören. Das ist eine aussterbende Generation.“ Bei all dem Elend, für das sich der Pastor öffnet, hat er sich auch einen persönlichen Ausgleich gesucht. Er schreibt Märchen, geht aber auch gern ins Theater oder in die Oper. „Und im Urlaub, wenn alle Verpflichtungen ganz weit weg sind, da darf ich einfach nur sein.“

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