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Pinneberger Tageblatt

20. August 2017 | 00:51 Uhr

Quickborn : Ein Meilenstein kehrt zurück

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Textilfabrikant Artur Erlhoff stiftete ein Wahrzeichen, das lange als verschollen galt und nun restauriert wurde.

Ellerau | 16 Jahre lang galt der Ellerauer Meilenstein mit der Aufschrift „Berlin 311 km“ als verschollen, bis der Heimatforscher Gerd Meincke ihn 2015 gegenüber vom Ellerauer Rathaus in den Büschen entdeckte – zugewuchert und in einem desolaten Zustand. Jetzt, zwei Jahre später, fand er dort wieder seinen Platz – gut sichtbar dieses Mal und fachmännisch überarbeitet. Der Stein steht für ein Stück Ellerauer Geschichte.

Bis 1999 stand der große Feldstein auf dem Gelände des heutigen Rathauses zwischen Bahnstraße und Berliner Damm, wurde vor dem Bau des Verwaltungssitzes entfernt und vergessen. Dass er nun am Rand des Nahversorgungszentrums im Berliner Damm wieder aufgestellt werden konnte, verdankt die Gemeinde auch dem Steinmetz Andreas Boldt, der ihr die Instandsetzung schenkte und damit half, die Erinnerung an den Ellerauer Textilfabrikanten Artur Erlhoff zu bewahren. Er war es, der den Feldstein in Auftrag gab und ihn nach dem Vorbild der sogenannten Berliner Meilensteine anfertigen ließ.

Sie wurden zwischen dem 17. Juni 1953 und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 überall in Deutschland als Symbol der Verbundenheit westdeutscher Städte und Gemeinden mit dem geteilten Berlin errichtet. Gleichzeitig dienten sie als Mahnung, die angestrebte Wiedervereinigung nicht aus den Augen zu verlieren. Zwar gilt der Ellerauer nicht als offizieller Meilenstein, zeigt aber die Verbundenheit Erlhoffs mit der Hauptstadt.

Der Westfale hatte in Berlin seine erste Textilfabrik aufgebaut und während des zweiten Weltkriegs wieder verloren. 1945 kam er als Flüchtling nach Ellerau und begann sofort damit, ein neues Unternehmen aufzubauen. Als Standort für seine zunächst kleine, dann aber schnell größer werdende Fabrik wählte er das Gelände des heutigen Nahversorgungszentrums und begann dort, mit zwei geliehenen Nähmaschinen zunächst Mäntel aus Decken zu nähen, Fahnentücher zu Badeanzügen und Schlipsen zu verarbeiten. Schon bald spezialisierte er sich auf die Produktion von Zwischengrößen für besonders zierliche Frauen und schloss damit eine Marktlücke. „Erle zf“ wurde zum Markenzeichen des aufstrebenden Unternehmens und Erlhoffs Textilfabrik zum Arbeitgeber von bis zu 700 Frauen und Männern.

Im Haus Abendsonne brachte Erlhoff seinen Kindergarten unter und stellte rechts am Zaun den Meilenstein auf. Heute steht auf dem Gelände das Rathaus.
Im Haus Abendsonne brachte Erlhoff seinen Kindergarten unter und stellte rechts am Zaun den Meilenstein auf. Heute steht auf dem Gelände das Rathaus. Foto: Privat
 

Schon Anfang der 1950er Jahre baute der Fabrikant Wohnungen für die Mitarbeiter, einen Betriebskindergarten und eine Tennisanlage. Auch der Nachwuchs war ihm wichtig. In mehr als vier Jahrzehnten wurden in den Erlhoff-Betrieben in Ellerau, Wahlstedt, Kiel und Bielefeld rund 2500 Lehrlinge ausgebildet. Die Modenschauen für die Textileinkäufer waren feste Termine für die Branche. Aufgrund seiner inzwischen internationalen Kontakte schien die Firmenadresse „Dorfstraße“ nicht standesgemäß, und auf Erlhoffs Initiative hin wurde ein Teil in Berliner Damm umbenannt. Artur A. Erlhoff verstarb früh. Nach einer kurzen Zusammenarbeit mit dem Modemacher Wolfgang Joop ging die Textilfabrik Artur A. Erlhoff in Insolvenz. 1989 übernahm die Hamburger Modemacherin Jil Sander einen Teil der Fertigungsräume und des Personals. Sie verkaufte ihre Firma 1999 an Prada.

Anfang 2006 wurde diese letzte große Fabrik dann geschlossen. Prada verlegte die Textilfertigung nach Italien. Im Juli 2007 erfolgte ein Teilabriss, auf dem Gelände wurde im August 2008 das heutige Nahversorgungszentrum eröffnet, und Erlhoffs Stein kehrt jetzt an die ehemalige Wirkungsstätte des großen Ellerauer Textilfabrikanten zurück. Weitere Informationen zur Geschichte der Ellerauer Textilindustrie findet man im Ellerauer Heimatmuseum.

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erstellt am 21.Jul.2017 | 12:00 Uhr

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