Ein Kapitän im Straßenverkehr

Blick nach vorn: Der Rellinger und Fahrlehrer Oliver Löding während der Fahrtüchtigkeitsprüfung.
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Blick nach vorn: Der Rellinger und Fahrlehrer Oliver Löding während der Fahrtüchtigkeitsprüfung.

Jürgen Schwandt ist 82 Jahre alt und lässt seit vier Jahren regelmäßig seine Fahrtüchtigkeit überprüfen

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01. September 2018, 16:00 Uhr

Jürgen Schwandt wartet bereits vor der Fahrschule in Pinneberg. Er ist früh dran. „Erstmal eine schmöken“, sagt der 82-Jährige und steckt sich eine Zigarette an. Es ist ein kühler und nasser Tag. Nichts im Vergleich zu der Hitze von vor einigen Wochen. Macht es nicht gerade angenehm, vor der Tür zu warten. Schwandt hat aufgeraucht, von Fahrlehrer Oliver Löding fehlt aber noch jede Spur.

Zeit, sich noch ein wenig mit dem ehemaligen Kapitän zu unterhalten. Die Seefahrt, das sei damals kein Zuckerschlecken gewesen. 14 Stunden ackern, Trinkwasser aus Milchkannen, was größtenteils zum Kochen verwendet wurde und gewaschen habe man sich mit Salzwasser. Schwandt ist damals 16 Jahre alt, als er als Schiffsjunge im Hamburger Hafen anheuert. Später wird er sogar Kapitän. Nach Jahren auf See und beim Zoll schreibt er für die Hamburger Morgenpost – eher zufällig. „Ich bin da wie die Jungfrau zum Kinde gekommen“, erläutert Schwandt. „Anfangs waren sechs Kolumnen geplant, sind dann 130 geworden“, berichtet er und lacht dabei kehlig. Auch zwei Bücher hat er mittlerweile veröffentlicht.


Unfallfrei seit 47 Jahren

Doch genug davon, geht ja heute schließlich um die Fahrstunde. Nice-Drive-Inhaber Löding kommt ins Büro. Die Begrüßung fällt herzlich aus, man kennt sich. Seit vier Jahren prüft Löding alle zwei Jahre die Fahrtüchtigkeit des ehemaligen Kapitäns. „Ich bin hier einfach vorbei gelatscht und hatte die Idee, das zu machen“, erläutert Schwandt. Jeder behaupte ja von sich, dass er sehr gut Auto fahre – stimme nur meistens nicht. Also lieber mal überprüfen lassen. Schadet doch nicht, zumal bei solchen freiwilligen Übungsfahrten nicht sofort der Lappen weg sei. „Die Fahrlehrer können nur eine Empfehlung aussprechen. Wäre die Testfahrt behördlich angeordnet, sieht das schon wieder anders aus“, erläutert der ehemalige Kapitän. Schwandt zeigt einen Attest vom Augenarzt. Er besitzt ein besseres Sehvermögen als manch 25-Jähriger. „Liegt an den zwei Kataraktoperationen“, sagt der Rellinger und schmunzelt dabei. Zudem kann er vorweisen, dass er seit 47 Jahren unfallfrei am Straßenverkehr teilnimmt. Keine Zeit jetzt verlieren, meint Löding. Schnell noch eine rauchen, dann soll es los gehen. Es wird kurz über dieses und jenes gesprochen. Politik, Wirtschaft, Finanzen in Griechenland, eine Messerattacke in Chemnitz. Nun aber: Zigaretten ausdrücken und ab ins Auto.

Schulterblick und 30-Zonen

Der silberfarbene Mercedes von Schwandt rollt aus der Bahnhofstraße. Gutes Auto, sagt er. Neun Jahre alt, Automatik, noch nicht viele Kilometer runter. „Der hält noch mindestens neun weitere Jahre – ich aber vermutlich nicht.“ Gelächter im Auto. Durch die 30-Zone geht es vorbei an der Johannes-Brahms-Schule, dem VfL-Heim und dem Pinneberger Krankenhaus. Löding und Schwandt unterhalten sich über Autos und Motoren. Es geht auf die Autobahn Richtung Husum/Heide. Löding hat bisher nichts anzumerken. „Macht er gut, merkste oder?“, fragt der Fahrlehrer. Schwandt beschleunigt teilweise auf mehr als 150  Stundenkilometer, hält aber ausreichend Abstand und schert nicht ruckartig aus. „Nicht wie teilweise die Jugend heutzutage“, berichtet Löding. Viele seiner Fahranfänger würden zu hektisch am Lenkrad reißen. „Da musst du aufpassen, dass die nicht in die Leitplanke donnern.“ Löding signalisiert Schwandt, auf der Abfahrt Richtung Tornesch runterzufahren. Es geht die Straße Oha entlang, rein ins Gewerbegebiet. Nach wie vor hat Löding wenig zu meckern. Die Übungsfahrt wirkt nicht gerade wie eine Fahrstunde, eher wie die Spritztour zweier Bekannter.

Schwandt dirigiert seinen Wagen durch die Kurven der Bundesstraße in Kummerfeld. Vor der Grundschule ist Tempo 30 angesagt. Die beiden Männer diskutieren über die neuen Zonen vor Schulen und Altersheimen. „Sind nur die Vorreiter für permanente 30-Zonen“, meint Löding. Schwandt nickt zustimmend.

An der Hochbrücke in Pinneberg wird rechts abgebogen. Schwandt wirkt nach wie vor sehr sicher hinter dem Steuer. Doch wo bleibt der Schulterblick? Brauche er nicht. „Ich sehe ja im Rückspiegel, was alles passiert“. Sieht Löding anders: „Bei einer behördlichen Prüfung wäre der Fahrlehrer schon durchgedreht, weil du das nie machst.“ Gerade bei Regen wie heute oder bei Dunkelheit müssten ältere Autofahrer umso wachsamer sein. Gegebenenfalls sollte das Auto besser stehen gelassen werden. Könnte sonst schnell zu Problemen führen. Seinen Fahrschülern versuche er den Schulterblick permanent einzutrichtern. „Ist ja aber auch so eine Sache mit dem Kopfdrehen im Alter“, sagt Schwandt.

Weiter geht die Fahrt durch die 30-Zonen der Mühlenstraße und des Wedeler Wegs. Am Westring-Kreisel wird Schwandt unachtsam. „Mach das Ding aus“, moniert Löding. Der 82-Jährige wollte per Rechtsblinker in den Kreisverkehr fahren.


Hohes Tempo und ein Stoppschild

Anschließend rauscht Schwandt mit mehr als 70 Sachen in die Ortschaft Appen. Wieder gibt es Tadel vom Fahrlehrer. „Er war wohl ein wenig abgelenkt von unserem Gespräch“, erläutert Löding. Doch viele Menschen hätten den Ortseingang kurz vor dem Industriegebiet Hasenkamp nach der Tempo-80-Zone generell zu spät auf dem Schirm. Beim Stoppschild am Appener Pflegeheim passiert der nächste Fehler. „Stopp bedeutet Stopp“, wird Löding laut. Schwandt hatte sein Fahrzeug nicht an der Haltelinie zum Stehen gebracht. „Ich dachte, ich kann bis vorn an die Straße“, sagt der 82-Jährige.

Die Fahrt führt zurück nach Pinneberg. Löding und Schwandt unterhalten sich über den Schilderwald in Deutschland. Wäre international alles viel einfacher. Nur hierzulande müsse immer alles geregelt sein. Funktioniere in Ländern wie Thailand doch auch.

Schwandt lenkt seinen Wagen zurück auf den Parkplatz vor der Fahrschule. Erstmal wieder eine schmöken, bevor Löding zu seinem Fazit kommt. „Ich hab schon Sauerstoffüberschuss“, sagt Schwandt und lacht wieder. Der Fahrlehrer hat keine Bedenken. Klar, die Nummer mit dem Stoppschild und zu schnell in die Ortschaft fahren, gehen nicht. Sieht Schwandt auch ein. Der 82-Jährige darf sich dennoch nach wie vor hinter das Lenkrad klemmen, da habe Löding schon viel schlimmere Fälle gehabt – egal welchen Alters. Schwandt erhält noch ein Zertifikat. Für umsonst gibt es das aber nicht: 150 Euro kostet die Testfahrt. Schwandt ist zufrieden. Er merkt aber noch an: „So einen Selbsttest sollten viel mehr Menschen machen.“

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