Zeitzeugenbericht : Ein Gustloff-Überlebender berichtet

Zeitzeuge im Klassenzimmer: Günther von Maydell sprach mit Zwölftklässlern über die Seekatastrophe.
Zeitzeuge im Klassenzimmer: Günther von Maydell sprach mit Zwölftklässlern über die Seekatastrophe.

Günther von Maydell rettete sich 1945 von dem sinkenden Lazarett- und Flüchtlingsschiff Gustloff.

shz.de von
23. Juli 2015, 12:00 Uhr

Quickborn | Kurz vor Beginn der Sommerferien erlebte die Klasse 12  b des Quickborner Elsensee-Gymnasiums noch einmal eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art: Günther von Maydell (83), Zeitzeuge des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“, war auf Einladung der Lehrerin Dagmar Ring in die Schule gekommen. Er gehört zu den Überlebenden des am 30. Januar 1945 durch drei Torpedoschüsse eines sowjetischen U-Boots versenkten Kreuzfahrtriesen, der gegen Ende des zweiten Weltkrieges als Lazarettschiff- und Flüchtlingsschiff eingesetzt wurde.

Der Gustloff-Überlebende von Maydell war damals 13 Jahre alt und gehörte mit seiner Mutter zu den mehr als 10.000 Passagieren, die am 30. Januar 1945 in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia in Polen, ablegten. Die meisten Menschen an Bord waren nach dem Durchbruch der Roten Armee an der Ostfront in Panik geflohen.
 

Die Oberstufen-Leiterin hatte mit ihrer Klasse den Günther-Grass-Roman „Im Krebsgang“ gelesen, der in der schriftlichen Abiturprüfung 2016 eine Rolle spielen wird. „Durch einen Bericht in der Tageszeitung zum 70. Jahrestag des katastrophalen Schiffsunglücks bin ich darauf gekommen, die Romanschilderung des Schriftstellers in diesem Buch durch einen lebendigen Zeitzeugenbericht zu ergänzen“, berichtete Ring.

20 Schüler und ihre Lehrerin bildeten in der Klasse einen Kreis um den Erzähler, der seine persönlichen Erlebnisse mit verblüffender Sachlichkeit schilderte. „Meine Mutter hatte mit Hilfe des befreundeten Marinemalers Adolf Bock eine der begehrten Kabinen abgekriegt. Die meisten Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, waren froh, nach den Trecks im extrem kalten Winter überhaupt das rettende Schiff zu erreichen.“

Doch für die meisten der Personen an Bord bot das Schiff keine Rettung. Am Abend des 30. Januar hörte der junge von Maydell drei dumpfe Einschläge – und das Schiff bekam sofort Schlagseite. „Ich schmiss meinen Mantel über, nahm meine Schwimmweste und eilte aus der Kabine. Zwei Decks höher weilte meine Mutter in der Offizierskabine des Marinemalers. Gemeinsam liefen wir zu einem der Rettungsboote. Nach minutenlangem Suchen fanden wir eine Kurbel, um es zu Wasser zu lassen, aber die Mechanik versagte. Alles war vereist“, schilderte er die dramatische Aktion auf der Ostsee.

Ein Marinekutter war die Lösung
 

In höchster Not, so erinnerte sich von Maydell, habe Adolf Bock eine Idee gehabt: Neben dem Schornstein stand ein alter Marinekutter. „Mit Mühe und Not konnten wir und etwa 50 weitere Menschen über die ziemlich hohe Bordwand ins Innere klettern“, erinnerte er sich. „Bald schon schossen die eiskalten Wassermassen über die Aufbauten der Wilhelm Gustloff, so dass der Kutter von einer Welle auf die See gespült wurde. Dort griffen Matrosen zu den Rudern, um nicht im Strudel unterzugehen.“

Nach etwa einer Stunde seien die Flüchtlinge von der Besatzung des deutschen Flottentorpedobootes T  36 an Bord genommen worden, berichtete von Maydell. Über Sassnitz auf Rügen und Stralsund führte der weitere Weg mit der Eisenbahn nach Schleswig-Holstein. In Angeln an der Flensburger Förde fanden Mutter und Sohn eine Notunterkunft. Später zogen sie nach Hamburg.

Die Elsensee-Schüler wollten von dem Zeitzeugen wissen, wie er als junger Mensch die Schiffskatastrophe mit den mehr als 9000 Toten verkraftet habe. „Besser als meine Mutter, die bis zu ihrem 1991 von Albträumen heimgesucht wurde“, antwortete von Maydell, „ich kann aber nicht ausschließen, dass diese Erlebnisse Einfluss auf mein Leben hatten“.

Später habe er auch mit seinen drei Kindern darüber gesprochen und Aufzeichnungen angefertigt. Im Unterschied zu damals, als die Jugend dem „Kadavergehorsam“ – dem blinden Gehorsam, den die Nationalsozialisten einforderten – ausgeliefert gewesen sei, gebe es heute eine aufgeklärte, selbstbewusste Schülerschaft, stellte von Maydell fest. „Es ist wichtig, politisch informiert zu sein und sich in der Demokratie zu engagieren“, lautete seine Botschaft an die angehenden Abiturienten.

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