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Erwin Krüger aus Tornesch : Ein Flüchtling, der heimisch wurde

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Erwin Krüger floh unter dramatischen Bedingungen im Jahr 1945 aus Pommern in den Kreis Pinneberg. Seit mehr als 30 Jahren ist der Tornescher Erwin Krüger Kreisvorsitzender des Bundes vertriebener Deutscher (BvD).

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erstellt am 08.Okt.2013 | 16:00 Uhr

Seit mehr als 30 Jahren ist der Tornescher Erwin Krüger Kreisvorsitzender des Bundes vertriebener Deutscher (BvD). 1981 gründete er zudem den Verein zur Erhaltung ostdeutschen Kulturgutes, dessen Vorsitz er lange inne hatte. Dass der aus Pommern stammende 81-Jährige sich über so viele Jahrzehnte für die Interessen der geflüchteten Deutschen einsetzt, ist auf biographische Begebenheiten zurückzuführen. Im März 1945 beginnt für Krüger die Flucht aus seiner Heimatgemeinde Groß Sabin (heutiges Polen). Damals ist er zwölf Jahre alt. Mit dabei sind Eltern und Großeltern und die drei Geschwister. An die dramatischen Erlebnisse erinnert er sich noch heute genau.

Treck aus 60 Wagen

„Bevor wir uns mit unserem aus 60 Wagen bestehenden Treck in Bewegung setzen konnten, wurde unsere Flucht durch den Kreisleiter verzögert“, erzählt der pensionierte Gartengestalter. Schließlich habe der Vater die Interessen seiner Familie und der anderen Flüchtlinge jedoch durchgesetzt und sei ohne Genehmigung gestartet. Seinen Vater hat Krüger als „besondere Persönlichkeit“ in Erinnerung: „Er war hilfsbereit und hat sich, manchmal zum Leidwesen von uns Kindern, erst um das Quartier der anderen Flüchtlinge bemüht.“

Nach Fluchtbeginn ließen die ersten grausigen Erlebnisse nicht lange auf sich warten. Nachdem russische Soldaten den Treck etwa drei Wochen nach dessen Start überholt hatten, wurden die Mitreisenden in eine Scheune gesperrt. Männer unter 50 Jahren sollten heraustreten und wurden abgeführt. „Als die Gutsfrau ihren schwer kranken Mann schützen wollte, wurde das Paar erschossen“, erinnert sich Krüger. Auf dem weiteren Weg passierten die Krügers immer wieder Leichen. Die Wagen wurden in einem Abstand von zehn Kilometern regelmäßig durchsucht. Nie vergessen sollte Erwin Krüger den Überfall mehrerer Mongolen in einer Unterkunft. „Als eine 19-jährige hübsche Frau vor unseren Augen vergewaltigt wurde, beschloss meine Mutter, sich und zwei Kindern das Leben zunehmen“, erzählt der 81-Jährige, der seine Mutter jedoch von ihrem Vorhaben abbringen konnte.

„Da habe ich meinen Vater das erste Mal weinen sehen“

Und die Lage sollte sich weiter zuspitzen. „Kurz vor einem Wald stellte mein Vater fest, dass dort der Wagen eines Freundes mit Toten und Verwundeten lag“, berichtet Krüger. Der Treck hielt, um zu helfen. In dem Moment geriet das Fahrzeug unter Beschuss, der Wagen flog in die Luft. Während Erwin Krüger, dessen sechsjähriger Bruder und der Vater unverletzt blieben, wurde die ein Jahr alte Schwester durch den Druck der Explosion aus dem Wagen geschleudert – doch sie überlebte. Grausiges entdeckte der Vater, als er das Dach des Wagens anhob: Die Mutter hatte einen Splitter im Herzen. Auch die Großeltern starben unmittelbar nach dem Unglück. Dem ältesten Bruder steckte ein Splitter im Rücken – er starb qualvoll nach einer Stunde. „Da habe ich meinen Vater das erste Mal weinen sehen“, erinnert sich Krüger. Im weiteren Verlauf der Flucht verlor Krüger auch noch seinen Vater, den russische Soldaten vor seinen Augen mit Schüssen töteten, weil er ihnen kein Taschenmesser geben konnte. „Danach war ich ein veränderter Mensch“, so Krüger. „Ich konnte keinen Weihnachtsbaum mehr brennen sehen und habe mich verkrochen.“

Mit seinen zwei Geschwistern im Kreis Pinneberg angkommen, wird Krüger „als Flüchtling zunächst ein eisiger Empfang bereitet“. Doch in den kommenden Jahren gewinnt er in seiner neuen Heimat viele Freunde, wird bekannt und beliebt. So ist seit den vergangenen Jahrzehnten ein Uetersener Stadtfest oder Markttag ohne Krüger quasi undenkbar. Besonders verdient hat er sich zudem um das Haus Ueterst End gemacht, dessen Gruppenraum den Namen „Erwin-Krüger-Raum“ trägt. Auch privat hat Krüger sein Glück gefunden: Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder, sechs Enkel und einen Urenkel.

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