Ein Bufdi allein reicht nicht

„Es fehlen Leute und Geld“: GSH-Leiter Jens Schmidt würde den Jugendlichen – Einheimischen und Geflüchteten – gern ein größeres Angebotsspektrum bieten.
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„Es fehlen Leute und Geld“: GSH-Leiter Jens Schmidt würde den Jugendlichen – Einheimischen und Geflüchteten – gern ein größeres Angebotsspektrum bieten.

Jens Schmidt berichtet von alltäglichen Problemen der geflüchteten Jugendlichen und von Personalnot im GSH

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07. Februar 2018, 16:00 Uhr

Nach den großen Flüchtlingsströmen, der Registrierung und Unterbringung hat jetzt die Zeit der tatsächlichen Integration für die Geflüchteten begonnen. Aber die Vorstellung, wie es laufen sollte, weicht manchmal von der Realität ab. Wie gelingt die Integration in Pinneberg? Jens Schmidt, Leiter des Pinneberger Jugendzentrums Geschwister-Scholl-Haus, berichtet heute von seiner Arbeit mit Geflüchteten.

„Das war wirklich super“, erinnert sich Jens Schmidt, Leiter des Pinneberger Jugendzentrums Geschwister-Scholl-Haus (GSH). Er meint die Zeit, als sich Schüler der Johannes-Brahms-Schule mit jungen Geflüchteten getroffen haben. „Immer freitags haben die Jugendlichen zusammen Tischtennis, Kicker, Schach oder Dart gespielt oder einfach nur Tee getrunken. Hundert Schüler haben mitgemacht und den jugendlichen Geflüchteten nebenbei auch bei recht alltäglichen Sachen wie einer Kontoeröffnung, beim Beantragen einer HVV-Monatskarte oder beim Lernen geholfen.“

Doch das vielgelobte „Projekt Frei-Zeit“ lief mit Start im Oktober 2015 nur ein Jahr. „Danach ist es abgeebbt“, sagt Schmidt, der das Ganze gemeinsam mit einer Lehrkraft begleitet hat. „Ich hätte als Ergebnis gern einen Freundeskreis aus Schülern und Geflüchteten gehabt, die auf freiwilliger, privater Basis gemeinsame Themen entdecken, sich beispielsweise auch politisch austauschen.“ Trotz gegenseitiger Sympathien hätten sich die Jugendlichen über das Projekt hinaus aber nicht auf privater Ebene freundschaftlich verbunden. Schmidt: „Jeder Mensch hat Vorurteile gegenüber anderen. Das ist normal. Man muss nur die Bereitschaft mitbringen, die Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen. Das funktioniert nicht ohne jemanden, der diesen Prozess begleitet und anleitet.“

Aber dafür war kein Geld da. Und für den studierten Diplom-Pädagogen und Psychologen Schmidt, der sich im GSH von der Organisation über die Finanzen bis hin zur Kaffeeausgabe um alles kümmert, nicht leistbar. „Wir bräuchten mehr bezahlte Stunden“, sagt er. Das gelte allerdings nicht nur für Projektbegleitungen, sondern auch für das ganz normale Alltagsgeschäft im Jugendzentrum.

Das GSH ist mittlerweile für viele junge Geflüchtete zur ersten Freizeiteinrichtung und zur Heimat in Pinneberg geworden. „Das freut mich“, sagt Schmidt, „aber ein offener Jugendbereich, der den Ansprüchen moderner Jugendarbeit gerecht werden möchte, kann nicht durch einen Bufdi bestehen, der die Theke bedient.“ Die Geflüchteten bräuchten viel mehr Betreuung, das erlebe er tagtäglich: „Sie wenden sich mit Fragen und Anliegen zu Bewerbungen, Ausbildung oder Wohnungssuche an uns. Wir würden da gern mehr und unbürokratisch helfen, haben die Zeit aber nicht. Das ist frustrierend.“

Um auch einheimische Jugendliche aus Pinneberg wieder vermehrt ins GSH zu locken, bräuchte es mehr und attraktivere Angebote. „Die Voraussetzungen sind da“, sagt Schmidt. „Wir haben einen ganzen Keller voller Möglichkeiten – eine toll ausgestattete Siebdruckwerkstatt und eine Holzwerkstatt mit richtig guten Maschinen. Wir könnten Rap- und Musikproduktionen am PC anbieten, einen HipHop-Tanzkursus gründen und noch viel mehr tolle Sachen machen. Aber es fehlen Leute und Geld.“

Der Stadtjugendpfleger Raimund Bohmann nimmt an, dass die Annäherung der geflüchteten und einheimischen Jugendlichen noch kommt, aber Zeit braucht. Er sieht’s gelassen: „Die Jugendlichen leben noch zu unterschiedlich. Die Einheimischen halten sich nicht so viel auf der Straße auf, sondern müssen viel für die Schule lernen oder sind in sozialen Medien unterwegs. Und die Geflüchteten leben in prekären Verhältnissen und sind froh, das GSH als Treffpunkt nutzen zu können.“ Es kämen eben immer die, die es brauchen. Seiner Erfahrung nach benötigt man viel Geduld, bis Menschen aus verschiedenen Kulturen in einer Gesellschaft aufgingen. Er erinnere sich noch gut, wie lange es gedauert hätte, bis sich junge Russlanddeutsche und einheimische Jugendliche befreundet hätten.

Auch Schmidt ist in Sachen Integration generell optimistisch: „Es ist eine Herausforderung für beide Seiten“, sagt er. „Ich möchte, dass es klappt, aber manchmal tu ich mich schwer und habe auch Horrorszenarien im Kopf. Das alles hängt ja nicht nur an uns hier in Pinneberg, sondern von der Stabilität in Europa und der ganzen Welt ab.“

Im nächsten Teil unserer Serie am Mittwoch, 14. Februar, geht es zum Valentinstag um ein junges deutsch-syrisches Pärchen.

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