Ein Blick in Pinnebergs Zukunft

Streifzug durch die Stadt im Jahr 2048 / Drohnenverkehr und Kinofestival / Elektroautos in der Innenstadt

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01. September 2018, 16:44 Uhr

Auf dem Weg nach St. Peter Ording fällt die Klimaanlage im IC aus. Zwischenstopp in Pinneberg. Auf dem dritten Gleis. Das Thermometer zeigt 36 Grad an. Unglaublich, 30 Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal hier war. Der Bahnhof ist viel größer und vor allem sehr modern. Ein Gepäckroboter bringt meinen Koffer zu den Schließfächern und händigt mir eine Schlüsselkarte aus. Von dort aus gelangt man in eine Passage, die direkt zum Busbahnhof führt. Es ist herrlich kühl hier, verwundert schaue ich mich um. Ah, die Überdachung ist begrünt.


Kostenloses Fahren mit dem Shuttlebus

Ein autonomer Elektro-Shuttlebus in die Stadt steht auf dem Busbahnhof bereit. „Was kostet die Fahrt in die Stadt?“, frage ich einen Fahrgast neben mir. „Der Bus ist umsonst“, antwortet er. Dass es keinen Fahrer gibt, empfinde ich als ein wenig gewöhnungsbedürftig. An meinem Platz befindet sich ein digitaler Bildschirm. „Willkommen in Pinneberg. Seit 2020 nehmen wir am Projekt „Grüne Städte – saubere Luft“ teil. ‚Elektroautos only‘ heißt es in der Innenstadt. „Die Fahrt für Sie ist kostenlos. Genießen Sie Ihren Aufenthalt!“

Eine digitale Übersicht der Busroute erscheint auf dem Bildschirm. Ich klicke „Drostei-Plaza“ an und drücke auf Enter. Wir fahren die Bahnhofstraße hinunter und kommen an der Christuskirche vorbei. Weiter geht es durch die Verbindungsstraße und dann biegt der Bus links ab zum Damm Richtung Friedrich-Ebert-Straße. Das Beig-Verlagsgebäude steht noch, dort habe ich mein Volontariat gemacht. Lange Zeit als Redakteur gearbeitet. Die Fassade wurde begrünt. Eine gute Idee, im Sommer haben sich die Redaktionsräume immer sehr stark aufgeheizt. In den Auslagen sehe ich Abo-Werbung für Tablets, Apps und online. Neben dem Beig-Verlagsgebäude befindet sich ein Park. Ich glaube, dort war früher ein Parkplatz. Eine Seniorengruppe macht Gymnastikübungen, ein Stück weiter wird Basketball gespielt und mehrere junge Frauen absolvieren einen Trimmpfad. Auf einer Parkbank im Schatten hoher Bäume sitzt ein Mann, der ein Buch liest. Auch die Rathauspassage scheint eine begrünte Fassade bekommen zu haben. An der Station Drostei-Plaza steige ich aus. Ich schlendere über den Platz vor der Drostei. Die Menschen sitzen draußen, essen ihr Eis, trinken Kaffee und schauen ihren Kindern zu, die an einem künstlichen Bachlauf im Schatten hoher Bäume spielen. Es gibt Blühstreifen und Staudenbeete, die von Schmetterlingen und Bienen angeflogen werden.

Wie schön, es gibt ihn noch, den Bücherwurm. Einige eingefleischte Buchliebhaber scheinen ihn am Leben zu halten. Im Schaufenster liegen Hardcover-Ausgaben. Ich gehe weiter die Dingstätte hinunter und bleibe vor einem Kino stehen. Als ich Redakteur war, war das noch Zukunftsmusik. Pinnau-Filmfestival vom 3.  bis zum 17. Juni ist auf einem Plakat an der Fassade zu lesen. Junge Filmemacher aus dem Norden stellen ihre Arbeiten vor.


Konzerte und Theater in der Ernst-Paasch-Halle

Mein Weg führt zur Pinnau. Sauber gemähte Rasenflächen säumen das Ufer, wie man es aus englischen Städten wie Oxford oder Cambridge kennt. Die Bäume spenden Schatten. Eine Oase der Ruhe. Hier ist die Hitze erträglich. Gemächlich gehe ich zurück in die Fußgängerzone. In der Lindenstraße komme ich an der Ernst-Paasch-Halle vorbei. Offensichtlich hat man ein Kulturzentrum daraus gemacht. Theateraufführungen des Forum-Theaters, Konzerte und Ausstellungen werden auf der Programmübersicht am Eingang angekündigt. Es gibt eine Töpferwerkstatt und ein Malstudio. Nicht nur in punkto Umwelt, auch kulturell hat sich in der Stadt viel getan. Ich bin neugierig, ob auch die Schulen von dieser Entwicklung profitiert haben.

Ich mache einen Abstecher zum Fahltskamp, zur Johannes-Brahms-Schule. Der Hausmeister arbeitet draußen auf dem Schulhof und ich frage ihn, ob ich einen Blick in die Klassenräume werfen darf. Er führt mich herum und zeigt mir voller Stolz sein Reich. „Interaktive Whiteboards und 3-D-Visualisierungsgeräte sowie Laptops für alle Schüler. Ein Besuch des Natural History Museums in London, kein Problem, dank Virtual Reality. Sämtliche Fachbücher sind online verfügbar. Alle Schulen sind jetzt tiptop“, sagt er. Also, auch bei den Bildungseinrichtungen kann Pinneberg punkten.

Plötzlich höre ich ein Summen über mir. Ich blicke nach oben und entdecke fünf Paketdrohnen, an einem der Pakete kann ich den Schriftzug Amazon erkennen. „An den Anblick habe ich mich schon lange gewöhnt“, sagt der Hausmeister und ergänzt: „Sie sollten sich das Landesgartenschaugelände anschauen, jeder Besucher ist davon begeistert“, rät er mir. Ist das weit von hier? „Ich rufe Ihnen einen Shuttle, dann sind Sie in fünf Minuten dort.“

Es dauert gar nicht lange und eine Art Golf-Cart kommt angefahren. Auf dem Bildschirm gebe ich das Ziel ein. Das Landesgartenschaugelände befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Wasserskiarena und einer Industriebrache an der Ottostraße und der Hermanstraße. Die Idee dafür hatte die damalige Bürgermeisterin Urte Steinberg vor 30 Jahren. Am See gibt es einen Ruder- und Tretbootverleih. Auf der Promenade befindet sich ein Café. Die Menschen sitzen unter Bäumen mit schirmartiger Krone. Ich aktiviere den digitalen Führer, der mir erklärt, dass Pflanzen ausgewählt wurden, denen Trockenperioden und starke Sonne nichts ausmachen und die den Insekten viel Nahrung bieten. Man habe Insektenhotels aufgestellt und damit Wildbienen angelockt. Es gebe Gemüsebeete und Apfelbäume. Die Kindergärten und Schulen bekommen das Obst und Gemüse.


Wohnanlage mitten im Grünen

Leider muss ich die Tour abbrechen, ich muss zurück zum Bahnhof. Am Bahnsteig entdecke ich einen Wegweiser: Unterführung zum Ilo-Park. Ich bin neugierig, was aus dem alten Gelände der Motorenwerke geworden ist. Es dauert noch eine halbe Stunde, bis mein Zug abfährt und ich beschließe, einen kurzen Blick auf die andere Seite des Bahnhofs zu werfen. Wow, das nenne ich Wohnen im Grünen. Eine Wohnsiedlung am Ufer der Mühlenau, umgeben von Bäumen und Blumenbeeten. An Hochbeeten stehen einige Bewohner und ernten Gemüse, andere gießen oder jäten. Ein friedvolles Bild. Kaum zu glauben, dass die Bahngleise nur wenige Meter entfernt verlaufen.

Es ist höchste Zeit, meine Reise fortzusetzen. Ich beginne, all die Eindrücke zu verarbeiten. Pinneberg ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Es hat sich zu einer Stadt mit großer Lebensqualität und hohem Freizeitwert entwickelt. Doch mein Zug nach St.  Peter Ording läuft in den Bahnhof ein. Tschüss, Pinneberg. Vielleicht sehen wir uns bald wieder.


Dem Artikel voraus ging ein Gespräch mit Carl-Eric Pudor (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung.


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