Ein Badetag in Appen-Etz

Mark Thomalla warnte seine Kinder vor dem steilen Uferbereich.
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Mark Thomalla warnte seine Kinder vor dem steilen Uferbereich.

Wie unterschiedliche Interessengruppen den Baggersee nutzen, haben wir einen Vormittag lang erkundet

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11. August 2018, 16:33 Uhr

Morgens um 10 Uhr ist die Luft noch frisch am Baggersee in Appen-Etz und einzelne Schwimmer ziehen ihre Kreise im Wasser, hinterlassen v-förmige Spuren auf der glatten Oberfläche. Ein Bild der Ruhe. Plötzlich dringen Kinderstimmen vom anderen Ufer herüber – Zählreime und fröhliche Lieder. Von der Liegewiese aus gesehen am rechten Seeufer, ein bisschen versteckt zwischen den Bäumen, kampieren die gut gelaunten Sänger: Es sind Hendrik (6), Juliana (10) und Isabell (8) zusammen mit ihrem Vater Mark Thomalla (39). „Wir verbringen hier den Morgen und werden vor der Mittagshitze gehen“, erläutert Thomalla. Juliana und Isabell haben bereits das Seepferdchen, sind Anwärterinnen auf das bronzene Schwimmabzeichen. Hendrik trägt Schwimmflügel. „Im Freibad üben wir schwimmen“, sagt der Papa. „Hier ist uns das zu heikel.“ Auch das Stehpaddelbrett, mit dem Thomalla sonst den See gern besucht, hat er zu Hause gelassen, um die Kinder besser im Blick zu haben. „Das Ufer fällt steil ab. Ich habe mit den Kindern darüber gesprochen, dass sie aufpassen müssen und vertraue ihnen, dass sie das beherzigen“, sagt Thomalla.

Daran tut der Vater dreier Kinder gut: Der oft steile Uferbereich an Baggerseen ist für Schwimmanfänger heikel. Der Appener See hat nach Angaben des Angelvereins Rellau bereits in unmittelbarer Ufernähe teils eine Wassertiefe von bis zu drei Metern. An der tiefsten Stelle ist er zwischen zehn und 25 Metern tief. Eine Badeaufsicht gibt es nicht. Für kleine Kinder eignet sich der See als Badeplatz daher nur unter wachsamer Begleitung Erwachsener. Gerade aufblasbare Schwimmhilfen können gefährlich werden: Schnell gerät ein Kind damit in tiefes Wasser, obgleich es doch eben noch stehen konnte. Verliert es überraschend den Kontakt zur Schwimmhilfe, droht Lebensgefahr.

Entsprechend können Thomalla und seine Kinder hier zwar weniger gut schwimmen üben. Dafür erleben sie aber, anders als im Freibad, dessen Öffnungszeiten in den Ferien in Pinneberg für Thomalla „unmöglich“ sind, die Natur. Libellen und viele Insekten haben die Kinder mit wechselnder Begeisterung entdeckt. „Und eine Wasserschlange haben wir gesehen, die war grün und hatte einen gelben Kopf“, berichtet Hendrik. Sie sei armlang gewesen und zügig geflüchtet. Tatsächlich bietet der See vielen Fischen und Wassertieren einen Lebensraum – der vom Parkplatz aus gesehen hintere Teil ist als Biotop und Vogelnistgebiet ausgewiesen, an dem Baden und Angeln verboten sind. Der Angelverein Rellau, der den See befischt, gibt auf seiner Website einen vielfältigen Speisefischbestand von unter anderem Karpfen, Zander, Aal, Hecht und Barsch an. Obwohl der Verein den See als Angelplatz nutzt, seien laut dem Vereinsvorzitzenden Thies Klingenberg Konflikte zwischen Anglern und Badegästen selten. Der Angelverein ruft seine Mitglieder dazu auf, den Badegästen bei gutem Wetter den Vortritt zu lassen und sich auf kühle und regnerische Tage zu beschränken – dann würden auch die Fische besser beißen. Die von den Thomallas gesichtete Schlange könnte nach Vermutung Klingenbergs eine Ringelnatter gewesen sein. Sie würden schwimmen und tauchen, seien aber weitestgehend harmlos.

Zurück zum See: Ein Stück weiter, unweit der Thomallas, sitzt eine Frau mit kleinem Hündchen am Ufer – in Badebekleidung mit ihrem vierbeinigen Liebling gemeinsam zur Erfrischung. Es handelt sich um Angelika Lotse (64) aus Sülldorf mit ihrer schwarzweißen Hündin Ranja. „Ich komme hierher, weil es so schön und ruhig ist“, sagt Lotse. „Und natürlich des Hundes wegen, weil das hier keinen stört.“ Ranja hat sie am Liegestuhl angebunden. „Früher war es hier sehr ungepflegt und die Hunde wurden unkontrolliert laufen gelassen, haben überall hingemacht“, erinnert sie sich. Deswegen sei sie auch zehn Jahre nicht mehr gekommen. Durch Ranja, die nun ein halbes Jahr alt ist, hat sie es noch einmal probiert: „Jetzt ist es viel gepflegter und ordentlicher.“ Ranja und Lotse bleiben aber nicht allein. Im Laufe des Tages, tauchen bis Mittags 14 Uhr in etwa zehn weitere Hunde auf. Alle waren friedlich und sorgen beim Baden mit ihren Besitzern auch für reizende Szenen – wenn man Hunde mag. Allerdings ist die Anzahl der spielenden Hunde am Ende selbst für Hundefreunde eine kleine Herausforderung. Am Appener See scheint man sich zu arrangieren. Nach Auskunft des Amtes Geest und Marsch Südholstein sind Hunde am Appener See toleriert – genauso wie das Baden an sich auch schlicht geduldet wird. Eine offizielle Badeanstalt ist der See nicht, weswegen auch keine offizielle Badeordnung besteht. Wer hier schwimmen geht, tut das auf eigene Gefahr. Hundeverbot herrsche, nach Amtsauskunft, nur in offiziellen Badeanstalten. Irritierend ist allerdings ein Schild, das, trotz gegenteiliger Amtsauskunft, das Mitbringen von Hunden untersagt.

Sportler allerdings nutzen den See gern: Ein Mann steigt in voller Fahrradmontur aus dem Wasser und kehrt zurück zu seinem auf der Wiese liegenden Rennrad: Max Peters ist Triathlet aus Kölln-Reisiek. Von dort fährt er mit dem Rad rund 22 Kilometer zum Appener See und gönnt sich hier dann kurz eine Abkühlung. Unter dem Fahrradhemd trägt er den Triathlon-Anzug. „Es gibt wenig Alternativen mal irgendwo kurz ins Wasser zu springen“, sagt er. Hier könne man unkompliziert baden. Außerdem nutze er den See für Freiwassertraining.

Ein Mann, liegt mit Hut und Buch unweit des wieder aufbrechenden Rennradfahrers auf seinem Handtuch. Torsten B. aus Hamburg, ehemals wohnhaft in Waldenau-Datum, berichtet, dass er schon damals den Appener See geliebt habe und deswegen auch noch mit dem Fahrrad aus Hamburg hierher kommt. „Wo gibt es denn in Hamburg so natürliche und nicht überfüllte Badestellen?“, fragt er. In der Tat sind auf dem Parkplatz einige Hamburger Kennzeichen zu sehen. Außerdem bade er auch gerne mal ganz natürlich, ohne Bekleidung. Und dazu gebe es drüben, links vom Parkplatz wo die Büsche sind, Gelegenheit. Tatsächlich liegen dort, geschützt vor den Blicken der Gäste auf der Hauptwiese, lauter nackte Menschen. Das hat sich anscheinend ohne Eingreifen von offizieller Seite so sortiert. Ein älterer Herr mit Zeitung bietet ein besonders friedliches Bild: Carsten Meyer aus Wedel. „Ich kann nicht verstehen, wer in das gechlorte Wasser im Schwimmbad geht mit seinen Kindern.“ Für ihn ist das eine Frage der Einstellung: „Hier kommt immer frisches Grundwasser von unten nach. Das Wasser ist viel weicher als das im Schwimmbad, das spüren Sie richtig“, sagt der Dauergast am See. Dass ein Zeitungsbericht über den See erscheinen soll, sieht er allerdings ambivalent. „Gerade am Wochenende ist es hier schon oft überfüllt, man wird beim Parken regelrecht eingekeilt“, berichtet er. Auf ein Foto will er, angesichts seiner Blöße, aber nicht.

Das von Meyer so geliebte Naturwasser ist trübe, im Uferbereich schwimmt einiges an natürlicher Materie herum – auch aufgewirbelt durch die Badenden. Aber es riecht nicht unangenehm, es ist weder zu kalt noch zu warm. Ob man hier tauchen kann, ohne eine Bindehautentzündung zu riskieren? Immerhin ist der See gut besucht – aber Toiletten gibt es keine. Dennoch sind Bedenken unbegründet: Das Seewasser wird mindestens alle 30 Tage behördlich untersucht. So ist es laut Badegewässserverordnung vorgeschrieben. Die letzte Probe im Appener See fand am Montag, 30. Juli, statt. Im gesamten Kreis werden die Grenzwerte der Badegewässerverordnung eingehalten, und es gibt keine Hinweise auf hygienisch bedenkliche Verunreinigungen.


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