Ehrenrunde: Status quo reicht aus

Kein gutes Zeugnis: Für die Versetzung reichen die Noten aber.
Kein gutes Zeugnis: Für die Versetzung reichen die Noten aber.

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06. März 2013, 01:14 Uhr

Kreis Pinneberg | Wer in der Schule keine Leistung erbringt, der muss eine Ehrenrunde drehen. So kennen es Millionen Menschen aus ihrer eigenen Schulzeit. Doch der Ruf des Sitzenbleibens hat in den vergangenen Jahren bundesweit immer stärker gelitten. So wurde die Praxis in Hamburg vor einigen Jahren für die Klassenstufen eins bis neun abgeschafft, in anderen Bundesländern wie Berlin und Baden-Württemberg gelten ähnliche Regelungen für einzelne Schultypen. Aktuell plant auch die niedersächsische Landesregierung, das Sitzenbleiben als Strafmaßnahme dauerhaft aufzuheben.

Und Schleswig-Holstein? Hier sind die Zügel in den vergangenen Jahren wieder leicht angezogen worden. Wurde noch bis 2008 jeder Schüler der Klassenstufen sieben bis zehn versetzt, so ist das seitdem nicht mehr zwangsläufig der Fall. "Die Regeln sind aber immer noch sehr weich", sagt Peter Rosteck, Leiter des Gymnasiums Bismarckschule in Elmshorn, der das Sitzenbleiben nicht für ein Relikt vergangener Zeiten, sondern weiterhin für eine sinnvolle Maßnahme hält. "Es muss für Schüler eine Grundmotivation geben, ein gemeinsames Klassenziel zu erreichen", sagt er. Damit der aus Schülerperspektive größte aller anzunehmenden Unfälle überhaupt eintreten könne, müsse über einen längeren Zeitraum hinweg freilich schon allerhand vorfallen. So werde nach der fünften Klasse grundsätzlich jeder Schüler versetzt, nach der sechsten ebenfalls - mit der Option des Abgangs auf einen anderen Schultyp. In der siebten Klasse dürften sich Schüler immerhin eine fünf auf dem Zeugnis ohne Konsequenzen leisten. Sind es mehr, sei auch das aber noch nicht gleichbedeutend mit einer Ehrenrunde. "Dann", so Rosteck, "berät die Schulkonferenz mit den betreffenden Eltern, die aber das letzte Wort haben". Entschieden sich diese gegen eine Wiederholung des Schuljahres, komme es zu einer Versetzung auf Probe für das nächste halbe Jahr. Erst wenn sich die Noten danach noch immer nicht besserten, müsse ein Schüler dann doch wiederholen. "Dass ein Schüler sitzenbleiben kann, ist also ohne Einwilligung der Eltern frühestens ab dem zweiten Halbjahr der achten Klasse möglich", so Rosteck.

Auch Rostecks Kollegin Ortrud Bruhn vom Pinneberger Johannes-Brahms-Gymnasium sieht keine Notwendigkeit, dem Vorstoß aus Niedersachsen zu folgen. "Die Voraussetzungen sind hier ganz andere , denn wir haben ja auch jetzt schon kaum Sitzenbleiber. Das sieht man am besten daran, dass es am Ende des vergangenen Schuljahres erstmals nach vielen Jahren wieder einen Schüler erwischt hat", so Bruhn gegenüber dieser Zeitung.

Jens Gercken, für dei vier Regionalschulen im Kreis Pinneberg zuständiger Vorsitzender des Kreiselternbeirats, ist kein großer Freund des Sitzenbleibens. "Es ist auffällig, dass viele Heranwachsende in der siebten, achten Klasse eine Leistungskrise durchlaufen, dann aber darüber hinwegkommen und wieder Fuß fassen", so Gercken. Die Strafe der Schuljahreswiederholung sei daher unangemessen hoch. Notwendig sei stattdessen mehr individuelle Betreuung, damit betroffene Schüler verpasste Lerninhalte wieder aufholen können. Am System an sich will er aber genauso wenig rütteln wie sein für Grund- und Förderschulen zuständiger Kreiselternrats-Kollege Sven Hauenstein, der sich für mehr Flexibilität statt für reinen Formalismus ausspricht. "Es darf nicht sein, dass jemand wegen einer vergessenen Mappe in einem absoluten Nebenfach letztlich durchfällt. Auf der anderen Seite ist die Möglichkeit zur Wiederholung aber durchaus sinnvoll, wenn ein Schüler dauerhaft nur Fünfer schreibt. Dann muss die Entscheidung aber in einem Dialog zwischen Schule und Eltern individuell getroffen werden", so Hauenstein. Wichtiger als das Sitzenbleiben prinzipiell abzuschaffen sei es, präventiv zu verhindern, "dass Kinder und Jugendliche leistungsmäßig überhaupt in eine solche Situation geraten können". Dafür müssten mehr Ressourcen bereitgestellt werden.

Das findet auch Wilhelm Bußmann, der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Kreis Pinneberg, die sich vehement dafür einsetzt, die Ehrenrunden als "Instrument von gestern" abzuschaffen. "Das durch das Sitzenbleiben eingesparte Geld könnte für vorbeugende Maßnahmen eingesetzt werden, für schulinterne Nachhilfeangebote beispielsweise. Oder im Bereich der Schulsozialarbeit", sagt er. Ihn ärgere ganz besonders die Glorifizierung prominenter, ehemaliger Sitzenbleiber wie Albert Einstein oder Thomas Gottschalk. "Solche Fälle sind absolute Ausnahmen und keineswegs vorbildhaft", so Bußmann.

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