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Pinneberger Tageblatt

18. November 2017 | 05:50 Uhr

Durch den deutschen Dschungel

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ehrenamtliche Starthilfe in der neuen Heimat: Marita Nagel aus Wedel unterstützt Nana Alieva aus Aserbaidschan

Als Nana Alieva (52) aus ihrer Heimat Aserbaidschan nach Deutschland kam, hatte sie ein Ziel: in Sicherheit leben. Wegen der Konflikte unterschiedlicher Volksgruppen in ihrer Heimat wollte sie weg. „Egal in welches Land“, sagt Alieva. Ihre Odyssee führte sie über Moskau schließlich 2002 nach Deutschland. Da stand sie nun: in einem fremden Land. Auf sich gestellt. Ohne ein Wort deutsch zu sprechen.

„Ohne die Sprache zu verstehen, war alles schwer. Es war wie in einem bodenlosen Raum. Es gab Momente der Verzweiflung“, schildert sie ihre Gefühle nach der Ankunft in Deutschland. „Ich weiß, dass Sprache nicht meine Sache ist. Ich bin von Beruf Chemie-Ingenieurin, bin gut in Mathe und im logischen Denken“, so Alieva, deren Muttersprache Russisch ist. Doch um einen Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden, musste sie die Sprachbarrieren überwinden. Sie besuchte Kurse in der Wedeler Volkshochschule. „Am Anfang hatte ich Angst zu sprechen, Fehler zu machen. Das gefällt mir nicht. Ich hatte Sorgen, dass die Leute mich nicht verstehen, auf mich warten müssen“, sagt Alieva. Schließlich wandte sie sich an die Migrationsberatung der Diakonie in Wedel auf der Suche nach einer deutschen Sprachpatin.

Dort traf sie auf Marita Nagel (52) aus Wedel, die sich neben ihrer Arbeit als Moderatorin ehrenamtlich als Sprachpatin engagiert. Seit Jahren treffen sich die beiden Frauen regelmäßig, um deutsch zu sprechen „Sympathie und Vertrauen haben den Boden bereitet“, so Nagel. „Anfangs haben wir uns alle ein bis zwei Wochen zuhause besucht und einfach gesprochen, keine bestimmten Übungen gemacht. Nach einem Jahr konnte sie sich gut verständigen“, berichtet Nagel. Gemeinsam stellten sie sich den Hürden des deutschen Alltags für Migranten. Nagel half, behördliche Briefe zu verstehen, ein eigenes Bankkonto anzulegen – und suchte sogar einen Job für Alieva.

„Ich mache es, weil ich die deutsche Sprache wichtig finde. Wer hier leben möchte, muss deutsch können. Und wenn man dahinter steht, sollte man sich auch einbringen. Außerdem bin ich ein Gerechtigkeitsfanatiker“, so Nagel. „Ich habe ihr das Gerüst gegeben, durch den deutschen Dschungel zu finden.“ Alieva nickt: „Man versteht, in welchem Land man lebt.“ Nagel verdeutlicht, dass auch sie viel über kulturelle Unterschiede gelernt habe. „Die Regeln in der Gesellschaft sind ganz andere als hier. Als ich das erste Mal bei Nana Alieva zu Besuch war, habe ich ein Gastgeschenk mitgebracht. Das war völlig verpönt. Eigentlich wollte ich auch nur auf einen Kaffee bleiben. Doch der Tisch bog sich. Es gab sogar Kaviar.“ Beide Frauen lachen, als sie sich an dieses Ereignis zurückerinnern. Inzwischen haben sie ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt und laden sich auch zu Familienfeiern ein.

Alieva spricht fließend Deutsch und arbeitet inzwischen bei der Stiftung Lebenshilfe Südholstein als Integrationshelferin mit schwerbehinderten Kindern im Kreis Pinneberg. Entsprechende Kurse hatte sie zuvor besucht. „Der Job macht echt Spaß“, so Alieva. Und es sei unmöglich, hier als in Aserbaidschan ausgebildete Chemie-Ingenieurin Arbeit zu finden. „Das Sprachpatenprojekt bedeutet echt viel für mich. Es war eine Überraschung, dass es Leute gab, die ehrenamtliche Unterstützung bieten. Ohne die Diakonie hätte ich es nicht geschafft.“

Auch Marita Nagel sagt: „Ich würde mir wünschen, dass es mehr Paten gibt, die wildfremden Menschen unter die Arme greifen.“

Einige tun es bereits jetzt. Dazu gehört auch Holger Jörns (72) aus Wedel, der einen 39-Jährigen Iraner unterstützt, mit ihm für Prüfungen lernte, ihn bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz half und mit ihm zusammen inzwischen einmal die Woche zum Fitness geht. „Ich habe auch viel gelernt. Er hat viel von seiner Heimat erzählt, von der Landschaft, der Politik. Und ich habe die negativen Seiten an Deutschland kennengelernt wie den Umgang der Behörden mit ausländischen Mitbürgern.“

Auch die 67-jährige Regina Beisheim aus Wedel, die mehr als 30 Jahre als Pastorin in Niedersachsen arbeitete, ist seit 2007 als ehrenamtliche Sprachpatin in Wedel aktiv. Sie unterstützte bereits afrikanische, kurdische und türkische Frauen und Familien auf ihren Wegen in die deutschsprachige Gesellschaft, reiste gar in ihre Heimatländer, um sie besser zu verstehen. Sie las damals in der Zeitung über die Suche nach Sprachpaten. „Ich würde mir auch von anderen wünschen, dass sie mehr auf die Migranten zugehen und mehr Rücksicht auf Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse nehmen, auf Augenhöhe mit ihnen reden, sich selbstverständlicher der Kinder annehmen, sie integrieren. Wir sagen immer: ‚Die sollen Deutsch lernen.‘ Aber wo denn? Wir haben schon selbst ein Stück Verantwortung.“

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