Driftmann: Frauenquote hilft uns nicht weiter

Hans Heinrich Driftmann, geboren am  3. Januar 1948 in Bückeburg, ist Chef der Elmshorner Kölln flockenwerke. Seit 2009 ist er Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und   vertritt damit  dreieinhalb Millionen deutsche Unternehmen. Völz
Hans Heinrich Driftmann, geboren am 3. Januar 1948 in Bückeburg, ist Chef der Elmshorner Kölln flockenwerke. Seit 2009 ist er Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und vertritt damit dreieinhalb Millionen deutsche Unternehmen. Völz

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02. Januar 2013, 01:14 Uhr

Wie bewerten Sie das abgelaufene Jahr, war es aus wirtschaftlicher Sicht ein gutes? Die deutsche Wirtschaft ist 2012 um knapp ein Prozent gewachsen, die Beschäftigung um über 400 000 gestiegen - damit liegen wir im grünen Bereich. Wenig Positives gibt es in der Wirtschaftspolitik - die Hoffnung auf eine Steuerreform wurde enttäuscht und bei der Energiewende ist die Politik eindeutig in Verzug. Die Prognosen vieler Wirtschaftsexperten für 2013 sind hingegen nicht besonders optimistisch. Was erwarten Sie vom neuen Jahr? Ein wenig Auftrieb sehe ich auch im nächsten Jahr - steigende Konsumausgaben der Verbraucher und robuste Exporte außerhalb Europas wirken erneut stabilisierend. Die Zurückhaltung vieler Unternehmen bei den Investitionen und die schwache Konjunktur in Europa hingegen verhindern mehr. Die Gefahr einer Rezession sehen Sie für Deutschland also nicht? Die Wintermonate bringen für Teile der Wirtschaft eine spürbare Abkühlung. Auch wenn wir dadurch im letzten Quartal nur eine schwarze Null schaffen sollten, so erwarte ich insgesamt aber keine längere Schwächephase. Eine echte Rezession muss derzeit aber die Eurozone insgesamt durchstehen. Allerdings mehren sich die Zeichen, dass diese im Verlauf des Jahres 2013 überwunden werden kann. In Zahlen ausgedrückt: Mit welchem Wirtschaftswachstum rechnen Sie im kommenden Jahr? Der DIHK erwartet alles in allem für 2013 ein Wachstum von 0,7 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen ist 2012 erneut gesunken. Wird das so weitergehen? Wir erleben vorerst weiterhin steigende Beschäftigungszahlen, die sich allerdings nicht mehr in einem Abbau der Arbeitslosigkeit niederschlagen. Etliche Arbeitslose sind vielfach nicht genügend qualifiziert oder weisen sogar mehrere Vermittlungshemmnisse auf. Das Beschäftigungsplus in den Unternehmen speist sich daher momentan beispielsweise aus Frauen, die in den Arbeitsmarkt zurückkehren, sowie aus jungen Leuten, die früher ins Berufsleben einsteigen - und mittlerweile auch aus Zuwanderung. Mit welchen Zahlen rechnen Sie in diesem Bereich? Der DIHK rechnet mit einem Erwerbstätigenplus von etwa 180 000 Stellen. Vor allem die Dienstleister stellen ein. Gleichzeitig befürchte ich einen Anstieg bei den Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt um rund 50 000. Obwohl wir rund 2,7 Millionen Arbeitslose haben, können nicht alle Stellen in den Firmen besetzt werden. Ist das nicht ein Widerspruch? Viele Arbeitslose verfügen leider nicht über berufliche Qualifikationen, ein hoher Anteil hat keinen Berufsabschluss. Hier geht die Schere auseinander, denn die Betriebe brauchen in erster Linie Fachkräfte - und diese sind vielfach rar. Welche Kräfte werden am dringendsten benötigt? Fachkräfte fehlen vor allem in technischen Berufen, im IT- sowie im Gesundheitsbereich. Aber auch im Gastgewerbe suchen die Betriebe vielfach vergeblich. Dabei geht es nicht nur um "Akademikermangel", sondern es fehlen auch beruflich Qualifizierte, z.B. Techniker, Fachwirte oder Mechatroniker. Was muss getan werden, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen? Zur Fachkräftesicherung gilt es zum einen, heimische Potenziale noch besser zu nutzen - insbesondere Frauen und Ältere noch stärker am Arbeitsleben zu beteiligen. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt dabei eine wichtige Rolle. Zum anderen müssen wir stärker auf Zuwanderung setzen. Mit der Einführung der Blue Card wurden die richtigen Weichen gestellt. Jetzt müssen wir im Ausland für den Arbeitsort Deutschland werben und hierzulande eine wirkliche Willkommenskultur leben. Wie sieht es mit der Lohnentwicklung aus? Welche Steigerungen sind für die Beschäftigten drin? Die moderaten Lohnabschlüsse in den letzten Jahren haben zur guten Beschäftigungsentwicklung beigetragen. Auch deshalb hat der deutsche Arbeitsmarkt die Euro-Schuldenkrise bislang so gut überstanden. Da die künftige wirtschaftliche Entwicklung vor dem Hintergrund der Situation in Europa recht unsicher ist, sollte bei den Lohnabschlüssen weiter mit Augenmaß entschieden werden.

Trotz aller wirtschaftlichen Erfolge gibt es Menschen, die zwar einen Ganztagsjob haben, aber nur einen so niedrigen Lohn bekommen, dass sie auf staatliche Zuschüsse angewiesen sind. Was halten Sie von der Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns? Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Ein gesetzlicher Mindestlohn wird schnell zur Falle für gering Qualifizierte, die dann noch weniger Chancen am Arbeitsmarkt haben. Warum ist Deutschland eigentlich so gut durch die Krise gekommen, während andere Länder wie Spanien oder Italien große Probleme haben? Wir haben unsere Wettbewerbsfähigkeit schon vor der Krise erhöht. Im Hochtechnologiebereich sind wir nach wie vor Exportweltmeister. Die internationale Orientierung hat wiederum Impulse für Investitionen und Beschäftigung gebracht bis zum Konsum. Nur warne ich davor, jetzt die Hände in den Schoss zu legen. Auch wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit im Blick haben. Obwohl die Steuereinnahmen Rekordniveau erreicht haben, macht Deutschland immer noch neue Schulden. Wie sehr sorgt Sie das, schließlich vergeht kaum ein Tag, an dem nicht deutlich wird, siehe Griechenland, welche verheerenden Auswirkungen hohe staatliche Verschuldung haben kann? Ich rate der Politik die Haushaltskonsolidierung in Deutschland mit mehr Konsequenz anzugehen - das heißt wirklich zu sparen. Der Staat profitiert derzeit vor allem von den guten Unternehmensgewinnen und der stabilen Lage am Arbeitsmarkt - denn beides lässt die Steuereinnahmen sprudeln. Wir beobachten jedoch leider, dass die Mehreinnahmen vor allem zu neuen Ausgaben wie zum Beispiel dem Betreuungsgeld führen. Die FDP wollte Steuersenkungen, hat sich aber nicht wirklich gegen die Union durchsetzen können. SPD und Grüne haben für den Fall eines Wahlsiegs höhere Steuern, unter anderem einen höheren Spitzensteuersatz angekündigt. Welchen Weg halten Sie für richtig? Bürger und Unternehmen zahlen in diesem Jahr über 600 Milliarden Euro an Steuern - ein Rekord! Steuererhöhungen sind also überflüssig. Mehr noch: Sie wären Gift für Investitionen und Innovationen. Damit würden Sie letztlich Arbeits- und Ausbildungsplätze gefährden. Sinnvoller wäre es, das Steuersystem investitionsfreundlicher zu gestalten, zum Beispiel durch verbesserte Abschreibungsbedingungen. Die Verschuldung Griechenlands belastet zunehmend auch Deutschland. Seit bald drei Jahren wird herumgedoktert, ohne dass das Land seine Probleme in den Griff bekommt. Wäre ein Ende mit Schrecken, der Ausstieg des Landes aus dem Euro, nicht die bessere Lösung? Griechenland macht kleine, aber erkennbare Fortschritte. Die Exporte nehmen zu, das Leistungsbilanzdefizit sinkt. Ein Austritt aus dem Euro ist allenfalls auf den ersten Blick eine einfache Lösung. Griechenlands Probleme würden rapide zunehmen. Die Abwertung träfe Sparer hart, Rechnungen und Kredite im Ausland wären nicht mehr zu begleichen. Glauben Sie wirklich, dass Griechenland ohne einen radikalen Schuldenschnitt wirtschaftlich in absehbarer Zeit wieder auf die Füße kommen wird? Nach einer Wirtschaftspolitik, die Jahrzehnte in die falsche Richtung gelaufen ist, kann nicht von heute auf morgen Wachstum hervorgezaubert werden. Es dauert einfach länger, bis die Politik der griechischen Regierung ausreichend wirkt. Ein Schuldenschnitt hätte Griechenland zu schnell aus der Verantwortung entlassen. Deshalb haben die Euro-Partner das Griechenland-Paket angepasst. In der Politik wird über die Einführung einer Frauenquote für Führungspositionen in Unternehmen diskutiert. Unterstützen Sie eine derartige Quote? Es ist im ureigensten Interesse der Unternehmen, das Potenzial geeigneter Frauen auch zu nutzen. Doch diese stehen nicht in allen Branchen in dem Maße zur Verfügung, um eine Quote von 30 oder 40 Prozent zu erfüllen. Eine gesetzliche Quote kann solche Schwierigkeiten naturgemäß nicht berücksichtigen und hilft uns daher überhaupt nicht weiter. Im Mittelstand, der über 90 Prozent der Unternehmen ausmacht, haben wir in Führungspositionen bereits eine Frauenpräsenz von etwa 30 Prozent. Aber auch in den DAX-Unternehmen tut sich ohne Quote eine ganze Menge: Seit 2011 sind hier auf 40 Prozent der freigewordenen Aufsichtsratssitze Frauen nachgefolgt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung? Was war gut, was war schlecht? Es gibt in Sachen Krisenmanagement keine Blaupause. Die Politik muss leider auf Basis unsicherer Informationen entscheiden und das zugleich dem Steuerzahler gegenüber verantworten. Mit dem Wissen von heute hätte die Bundesregierung möglicherweise an der einen oder anderen Stelle anders reagiert, aber das ist Spekulation. Die Bundesregierung hat in Europa die Interessen des deutschen Steuerzahlers hart verteidigt. Nur ein konsequenter Reformen kurs - wie von Deutschland und anderen Ländern gefordert - sorgt für ein nachhaltiges Wachstum. Zwischen der neuen Landesregierung und der Wirtschaft hat es heftigen Krach wegen der A20 gegeben. Sind die Probleme beseitigt? Zumindest die SPD beteuert ja immer wieder, auf jeden Fall an dem Projekt festhalten zu wollen. Die Probleme sind keineswegs beseitigt. Die Koalitionsparteien sind sich bei der langfristigen Perspektive für die A 20 zwar uneinig, für diese Legislaturperiode gilt aber der Koalitionsvertrag. Dieser Vertrag bedeutet den faktischen Ausstieg des Landes Schleswig-Holstein aus der Vollendung der A 20. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Das Beispiel zeigt, dass der Bund die Möglichkeit haben muss, geplante Infrastrukturprojekte zügig im Ganzen durchzuziehen. Es kann nicht sein, dass die Länder über die so genannte Auftragsverwaltung die übergeordnete Planung des Bundes für die Bundesfernstraßen aushebeln können. Wie steht Schleswig-Holstein mit seiner mittelständisch geprägten Struktur in diesen wirtschaftlich turbulenten Zeiten dar. Womit müssen wir im kommenden Jahr rechnen? Auch die schleswig-holsteinische Wirtschaft ist gegen den starken Abschwung in vielen Partnerländern nicht immun. Trotz dieser schwierigen Bedingungen hat sich die Konjunktur im Jahr 2012 insgesamt robust entwickelt. Die Zukunftseinschätzungen haben sich bei den Unternehmen allerdings eingetrübt. Trotzdem erwarte ich, dass sich die Wirtschaftsentwicklung in Schleswig-Holstein 2013 nicht dramatisch verschlechtern wird. Zuversichtlich stimmt mich, dass es unseren Unternehmen gelungen ist, durch Steigerung der Exporte in Länder außerhalb des Euroraums die Rückgänge in der Eurozone abzufedern. Auch der in Schleswig-Holstein relativ starke Dienstleistungssektor erweist sich als Stabilisator. Ein Wort zu ihrem eigenen Unternehmen: Wie war das Jahr 2012 für die Köllnflockenwerke und mit welchen Erwartungen gehen Sie in das neue Jahr? Wir waren mit unseren Produkten am Markt erfolgreich. Die gute Konjunktur vor allem des ersten Halbjahres hat die Konsumfreude unterstützt und Qualitätsprodukte bleiben gefragt. Mit Blick auf das kommende Jahr wird viel davon abhängen, wie gut es gelingt, diese positive Stimmung aufrecht zu halten. Unsicherheitsfaktoren sind die Rohstoff- und Energiemärkte, die uns sicher auch 2013 beschäftigen werden. Persönlich gehe ich aber zuversichtlich und optimistisch ins neue Jahr.

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