Hier dürfen die Kinder mit abstimmen : „Dolli-Einstein-Haus“ - die Kita für ganz junge Entscheider

Was wird wie gemacht? Im „Dolli-Einstein-Haus“ wird in den Gruppen abgestimmt oder im achtköpfigen Kinderrat.

Was wird wie gemacht? Im „Dolli-Einstein-Haus“ wird in den Gruppen abgestimmt oder im achtköpfigen Kinderrat.

In einer Pinneberger Kita herrscht Demokratie auf allen Ebenen. Alle dürfen mitbestimmen. Ein bundesweit einmaliges Projekt.

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10. Januar 2017, 12:00 Uhr

Pinneberg | Auf dem Tisch in einem Gruppenraum der Awo-Kita „Dolli-Einstein-Haus“ in Pinneberg steht ein Glas voller bunter sogenannter Muckelsteine. Jeder Stein entspricht einer abgegebenen Kinderstimme. Es ist eine Art Wahlurne, wie man sie von den Bundestags- und Landtagswahlen her kennt. Was steckt dahinter? Im „Dolli-Einstein-Haus“ in Pinneberg dürfen Kinder mitentscheiden. „Partizipation“ nennt sich das Konzept, das darauf setzt, Kindern früh die Grundlagen der Demokratie näher zu bringen. Mit Erfolg: Sogar Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) hat das Modellprojekt „Demokratie-Kita“ bereits zertifiziert. Das „Dolli-Einstein-Haus“ ist die erste Kita in Schleswig-Holstein, die diese Auszeichnung bekommen hat. Die leiste Pionierarbeit, erklärte die Ministerin.

„Wir brauchen so etwas für unsere Zukunft. Da fängt man am besten bei den Kindern an“, betonte Bürgermeisterin Urte Steinberg (parteilos) während der Verleihung. „Ich freue mich total und wünsche mir, dass es in ein bis zwei Jahren nichts Besonderes mehr ist“, so Ministerin Alheit. „Wenn Kinder ernst genommen werden, sind das Erfahrungen, die sie für das ganze Leben mitnehmen können.“

Ausgangspunkt und Grundlage für die „Demokratie-Kita“ sind die hohen Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern in Kindertagesstätten, die vom Institut für Partizipation und Bildung in Kiel im Zuge des Konzeptes „Kinderstube der Demokratie“ in Schleswig-Holstein entwickelt wurden. Das bundesweit einmalige Projekt wird unterstützt vom Land, der Aktion Mensch sowie der Robert-Bosch-Stiftung und in Kooperation mit der Caritas und dem Deutschen Kinderschutzbund durchgeführt.

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“

Awo-Kita-Leiterin Ute Rodenwald zitierte den SPD-Politiker Willy Brandt (1913-92) in ihrer Rede: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, sagte Rodenwald.

„Kinder in unseren Kitas sind schon seit langem an Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt“, sagte Michael Selck, Geschäftsführer der Awo Schleswig-Holstein. Als ehemaliger Leiter des Fachbereichs Kindertagesbetreuung war Selck verantwortlich für die Implementierung einer strukturellen Demokratiebildung als Grundausrichtung in den Awo-Kitas. Es gelte allerdings auch, die „eigene Haltung partizipativ auszurichten“. Das ist die Anforderung an die Erzieherinnen. „Dazu gehört etwas“, sagte er. Alheit gab ihm völlig recht: „Nichts, das man so eben mal macht.“ „Wir haben 2002 angefangen, das Konzept zu entwickeln. In 15 Jahren hat sich so viel getan. Es ist ein Quantensprung, den wir heute erleben,“ sagte Rüdiger Hansen vom Institut für Partizipation und Bildung.

Wie funktioniert nun die „Demokratie-Kita“ im Alltag? Die tragenden Säulen sind eine Kita-Verfassung und ein Beteiligungsprojekt, das gemeinsam mit Fachkräften entwickelt wird. Im „Dolli-Einstein-Haus“ wird in den Gruppen abgestimmt oder im achtköpfigen Kinderrat. „Da geht es dann um ganz banale Fragen wie „Wer hat Tischdienst“ oder „Was gibt es zum Frühstück“, erklärte Erzieherin Morina Maaß. Beim Mittagessen gibt es keine Mitbestimmung, was gekocht wird. Aber beim Kauf eines Spielgeräts hatten die Jungen und Mädchen ein Wörtchen mitzureden.

Es gibt Grenzen

Wenn die Kinder aber mit etwas nicht zufrieden sind, dann kommt es aufs Tapet. So sollten wegen der Brandgefahr keine Kerzen mehr in der Kita angezündet werden. „Das fanden wir nicht gut“, sagte Anuk (5). Also wurde darüber debattiert und schließlich ein Kompromiss ausgehandelt: „Zu den Geburtstagen wird wieder eine Kerze angezündet“, sagte Maaß. Allerdings gibt es auch Grenzen – und zwar, „wenn es eine Gefährdung der Gesundheit gibt“, so Erzieherin Irina Keil.

Sozialministerin Kristin Alheit (Dritte v. l.) hat die Kita „Dolli-Einstein-Haus“ ausgezeichnet. Darüber freuen sich Kita-Leiterin Ute Rodenwald, Michael Selck, Geschäftsführer der Awo Schleswig-Holstein (Zweiter v. l.), Rüdiger Hansen vom Institut für Partizipation und Bildung sowie die Kinder Noah (v. l.), Anuk, Emma und Maren.
Erbrügger
Sozialministerin Kristin Alheit (Dritte v. l.) hat die Kita „Dolli-Einstein-Haus“ ausgezeichnet. Darüber freuen sich Kita-Leiterin Ute Rodenwald, Michael Selck, Geschäftsführer der Awo Schleswig-Holstein (Zweiter v. l.), Rüdiger Hansen vom Institut für Partizipation und Bildung sowie die Kinder Noah (v. l.), Anuk, Emma und Maren.
 

Kai Vogel, Landtagsabgeordneter, Vorsitzender der Pinneberger SPD sowie ehemaliger Awo-Kita-Elternvertreter, ist der Meinung, dass durch das Projekt das „demokratische Bewusstsein geschult wird“. Seine Tochter Lisa beispielsweise besuchte das „Dolli-Einstein-Haus“. „Später wurde sie Klassensprecherin in der Grundschule, und sie war auch in der Schülervertretung“. Vogel führe das auf die frühe Partizipation zurück.

Das „Dolli-Einstein-Haus“ wird nicht der einzige Preisträger sein. „Wir sind stolz, im Januar den ersten acht Kitas ihr Zertifikat überreichen zu können“, betonte Selck. Alle weiteren folgen bis zum Jahr 2020.

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