Digitales „Deutschland 4.0“

Brigitte Zypries zeigte sich während des Gesprächs gut gelaunt. Dennoch sprach sie ernste Themen wie die Digitalisierung oder die Energiewende an.
Brigitte Zypries zeigte sich während des Gesprächs gut gelaunt. Dennoch sprach sie ernste Themen wie die Digitalisierung oder die Energiewende an.

Brigitte Zypries (SPD) spricht beim ersten Kadener Gespräch über die Entwicklung der Wirtschaft in der Bundesrepublik

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23. August 2018, 16:00 Uhr

Brigitte Zypries (SPD) spricht ausführlich. Sie gibt Ausblicke und Einblicke in Wirtschaft und Politik und versucht die ihr gestellten Fragen zu beantworten. Davon hatte es beim ersten Kadener Gespräch des Rotary Clubs Quickborn eine Menge gegeben. Fragen zu „Deutschland 4.0“. Fragen, wie die Bundesrepublik künftig die Wirtschaft und Industrie digitalisieren will. Wie Gesellschaft, Technik und Umwelt miteinander vereinbart werden können.

Eine Art „Kamingespräch“ sollte es zwischen Stefan Liebing, Inhaber und Geschäftsführer der Conjuncta GmbH und ebenfalls Rotarier, und der ehemaligen Bundesministerin für Wirtschaft und Energie sowie der Justiz sein.

Moderator Liebing steigt direkt mit dem Thema Digitalisierung in das Gespräch ein. Wie sich künftig die Arbeit auf Mensch und Maschine verteilt, möchte er wissen. „Ehrlich gesagt habe ich da keine genauen Vorstellungen“, erläutert Zypries. Doch sie wird konkreter: „Es wird meiner Einschätzung nach alles digitalisiert, was digitalisiert werden kann.“ Wichtig sei es, dass Menschen und Technik zusammenarbeiten. Kommunikation sei das Stichwort. „Man muss die Menschen für die Technik sensibilisieren“, sagt die Bundeswirtschaftsministerin a.D. Das sei allerdings ein langer Prozess. Zypries stellt zudem klar, dass auch in Zukunft Empathie eine wichtige Rolle spielen wird: „Emotionen wird man durch Computer nie wirklich ersetzen können.“

Liebing hakt nach und fragt, wie sich die Gesellschaft der Bundesrepublik organisieren muss, wenn einfache Dinge wie beispielsweise das Bezahlen an der Supermarktkasse digitalisiert würden. „Man muss eine Mischung aus regional und digital finden“, antwortet Zypries. Das könne gelingen, indem man den stationären Handel in der Region stützt. „Wir müssen zudem große Plattformen wie Amazon besser regulieren“, fordert die ehemalige Politikerin. Andernfalls habe es der Mittelstand noch schwerer, als ohnehin schon.

Das nächste Thema: Grundsicherung. „Ich halte nichts vom Grundeinkommen“, macht Zypries deutlich. Sie ergänzt: „Um die Menschen abzusichern, müsste jeder mindestens 1500 Euro erhalten. Ich weiß nicht, wie das finanziert werden soll.“

Liebing spricht das Thema Start-up-Förderung an. Der Geschäftsmann möchte wissen, wie Deutschland mit anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten diesbezüglich mithalten kann. „Das nächste Google wird nicht aus Deutschland oder Europa kommen“, stellt Zypries klar. Dennoch stehe man momentan sehr gut da: Beim Export konnte man erneut einen Rekordüberschuss erzielen, die Auftragsbücher sind voll. „Wir müssen vor allem die Industrie und unser Know-how behalten und weiterentwickeln“, sagt Zypries. Die Forschung und Entwicklung in Deutschland sei zuletzt vernachlässigt worden. „Gerade den Mittelstand müssen wir dazu bekommen, dass er sich über die Digitalisierung informiert“, fordert die ehemalige Justizministerin.

Der Moderator lenkt das Gespräch in Richtung Politik. Strafzölle, Protektionismus – laut Liebing wird die Wirtschaft immer politischer. Länder wie die USA, China und Russland gäben den Ton an. Wie wirkt sich das auf Deutschland aus? „Allein sieht die Bundesrepublik gegen diese Nationen keinen Stich“, macht Zypries deutlich. Man müsse als vereintes Europa auftreten. „Zusammen reißen wir was“, sagt Zypries. Ruhe bewahren, klare Kante zeigen und Meinungen offensiv vertreten – das sei bei globalen Diskussionen und Verhandlungen wichtig. „Wir dürfen nie unsere moralischen Standards verkaufen“, sagt Zypries und spricht damit die Menschenrechtsthematik an.

Nicht nur die internationale, sondern auch die nationale Politik ist laut Liebing im Wandel. Vor allem Populismus mache sich breit. Was sich im politischen System in Deutschland verändert habe, wolle er wissen. „Das ist schwer“, antwortet Zypries. Ihr sei vor allem aufgefallen, dass sich die Streitkultur verändert habe. „Es gibt kaum noch sachliche Auseinandersetzungen“, behauptet Zypries. Alles werde direkt persönlich. Das liege vor allem an den sozialen Medien. Fake News seien dort das Stichwort. „Es kann nicht sein, dass teilweise blind irgendwelchen Thesen hinterhergelaufen wird“, sagt die 64-Jährige. Laut Zypries helfe dort nur „Bildung, Bildung, Bildung“.

Letztes großes Thema des Gesprächs ist die Umwelt. Liebing spricht die Energiewende an. Worauf müssten sich die Menschen in Schleswig-Holstein einstellen? „Für Schleswig-Holstein ist es relativ einfach“, antwortet Zypries. Wind- und Solarenergie seien hier zukunftsweisend. Schwerer hätten es da Mittel- und Süddeutschland. Denn: Leitungen fehlen, die den aus Wind produzierten Strom durch das Land transportieren. Der Ausbau der Stromnetze komme nur schleppend voran. „Doch die Energiewende muss durchgedrückt werden“, macht Zypries deutlich. Sie fügt an: „Uns bleibt ja nichts anderes übrig.“

Nun ist Zypries nicht mehr Ministerin. Was denn jetzt komme, möchte Liebing zum Abschluss wissen. „Es gibt für mich die Möglichkeit im Aufsichtsrat des European Institute of Innovation and Technology zu sitzen“, antwortet Zypries. Dort könne sie ihr Interesse und Wissen an Digitalisierung einbringen. Auch die Start-up-Szene und die Frauenrolle innerhalb der Wirtschaft wolle sie mit Projekten vorantreiben. „Das muss aber zunächst einmal alles geprüft werden“, sagt die ehemalige Wirtschaftsministerin. Die Karenzzeit von 18  Monaten für Politiker unterbindet den unmittelbaren Wechsel von Spitzenbeamten in Lobbytätigkeiten.

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