Aus dem deutschen WM-Lager : Urlaub, Fußball und – ach ja – Arbeit

Fußballexperte Gerhard Delling berichtet exklusiv aus dem deutschen WM-Lager. Heute über die Arbeit in einem Urlaubsland.

shz.de von
20. Juni 2014, 12:12 Uhr

Urlaub, Fußball und – ach ja – Arbeit. Letzteres kann man hier schon manchmal ein wenig vergessen. Oder besser: Unter diesen Bedingungen mit Sonne satt und endlosen Stränden kommt mir die Arbeit meist gar nicht wie Arbeit vor. Es mutet an wie purer Luxus. Morgens bei mindestens 27 Grad in den Tag gestartet, dann sportliche Fachsimpeleien mit den Kollegen und immer wieder auch zum Teil vertrauliche Einzelgespräche mit den deutschen Nationalspielern. Es ist einfach zu schön hier rund um das Camp der Nationalelf, insbesondere nach dem wunderbaren Auftakt. Dazu die tägliche Anreise über eine Fähre zum „Arbeitsplatz“. Spätestens dabei wird uns der Zahn der hektischen Zeit gezogen. Denn manchmal dauert es tatsächlich deutlich mehr als eine Stunde, bis endlich ein Platz frei ist auf dem begehrten schwimmenden Ponton, der von einem rostigen Lastkahn gezogen wird.

Der Rhythmus ist hier ein ganz anderer. Und Zeit ist relativ. Aber jetzt kommt dann doch ein wenig Hektik auf. Es geht in den nächsten Spielort nach Fortaleza. Eine 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole mit 15 Stränden. Hier im Nordosten Brasiliens beträgt der Anteil der Bürger mit europäischer Abstammung mehr als 70 Prozent. Ein Vorteil für unsere Mannschaft für das Spiel am Sonnabend gegen Ghana. Ein Nachteil ist jedoch auch schnell ausgemacht: Hier ist es noch schwüler als im Stammquartier bei Porto Seguro. Denn das hat sich bei dieser WM immer mehr bewahrheitet: Wer nicht absolut fit und auf die Verhältnisse eingestellt ist, der hat keine Chance auf den Titel. Die Spanier haben das schmerzlich erfahren. Das frühzeitige Ausscheiden des Titelverteidigers war sichtbar auch die Folge einer mangelnden körperlichen Verfassung im Vergleich zu den Niederländern und besonders Chile.

Die deutsche Elf  ist mental und physisch gut vorbereitet, aber das Tempo könnte sie dauerhaft noch nicht mitgehen, so mein Eindruck. Das muss kein Problem sein. Denn erstens wird es mit jedem Tag hier besser, und – was wichtiger denn je zu sein scheint – viel kann man durch taktische Disziplin ausgleichen. Das muss auch der Schlüssel zum Erfolg gegen Ghana sein. Alles ist bereitet für ein großes Turnier der deutschen Nationalelf, wenn die Konzentration hoch gehalten wird – trotz der lockeren Urlaubsatmosphäre. Die Strände sind wunderschön, aber mit Verlaub: Der Gewinn des Titels ist trotzdem schöner. Und der große Coup scheint tatsächlich möglich. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht so, als hätte ich zu viel Sonne abbekommen...

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