Aus dem Deutschen WM-Lager : Ein extremes „Wir-Gefühl“

Fußballexperte Gerhard Delling berichtet exklusiv aus dem deutschen WM-Lager. Heute über die Gefahr eines Lagerkollers.

shz.de von
07. Juli 2014, 13:19 Uhr

Santo André | Die Nationalspieler „hocken“ nun schon einen Monat aufeinander. Genauso wie wir, die Berichterstatter. Da ist ein Lagerkoller eigentlich programmiert. Und tatsächlich zieht sich bei uns der eine oder andere immer auch mal wieder kurz zurück und lässt ein gemeinsames Abendessen oder den berühmten „Absacker“ aus. Aber durchweg hat sich eine „mannschaftliche Geschlossenheit“ ergeben, die für unsere Arbeit wichtig, aber für das Wohlbefinden insgesamt unbezahlbar ist. Ich schreibe das, weil ich den Eindruck habe, dass es bei den Nationalspielern gerade ähnlich verläuft.

Auch am Tag vor dem großen Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien treffe ich auf einen offenen, aufgeräumt wirkenden Bundestrainer. Per Mertesacker, der im letzten Spiel überraschend auf der Auswechselbank Platz nehmen musste, hatte ja schon erklärt, dass er anfangs sehr erschrocken war über die Maßnahme, aber speziell diese Erfahrung nicht missen möchte. „Ob als Wasserträger oder aktiver Spieler“ – in dieser Mannschaft dabei zu sein, das lohne sich. Es ist offensichtlich tatsächlich etwas entstanden, mit dem man auch Titel gewinnen kann: ein extremes „Wir-Gefühl“!

Und das trotz der weiterhin spürbaren Konkurrenz. Bastian Schweinsteiger schwärmte nun auf seiner ersten Pressekonferenz hier von diesem Zusammenhalt. Aber er erklärte auch, dass er sich fit fühle für 90 oder sogar 120 Minuten – auf eine selbstbewusste Art und Weise, die keinen Zweifel daran lässt, dass er auch davon ausgeht, zu spielen. Das heißt aber unweigerlich, dass ein anderer wieder draußen bleiben muss. Ein schmaler Grat, auf dem die deutsche Mannschaft hier eindrucksvoll wandelt. Natürlich nur möglich durch den gemeinsamen Erfolg. Aber auch durch die Geradlinigkeit des Trainergespanns. Joachim Löw wollte sich für das Brasilien-Spiel morgen nicht in die Karten schauen lassen. Ich bin gespannt, ob es wieder Veränderungen in der Startformation geben wird. Viele werden es meiner Ansicht nach nicht sein.

Außergewöhnlich wichtig scheinen bei diesem Turnier  nicht die Taktik oder die handelnden Personen zu sein, sondern das einheitliche Arbeiten. Jede Partie ist Schwerstarbeit. Und auf dieser Basis macht dann manchmal nur eine einzige herausragende Aktion den Unterschied. Dafür hat die deutsche Mannschaft nicht nur die richtige Einstellung, sondern auch die zugehörigen Einzelkönner. Brasilien dagegen hat seine mit Abstand größte Kreativkraft durch Körperverletzung verloren. Anders kann man das Foul des Kolumbianers Zuiga nicht bezeichnen. Vielleicht wird Neymars Fehlen die Brasilianer noch mehr zusammenschweißen, aber der Qualitätsverlust ist dadurch sicher nicht auszugleichen.

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