Aus dem Deutschen WM-Lager : Auf der Suche nach der Euphorie

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Fußballexperte Gerhard Delling berichtet exklusiv aus dem deutschen WM-Lager. Heute wieder pünktlich zum Spiel unserer DFB-Elf. Er sucht die Euphorie.

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04. Juli 2014, 14:27 Uhr

Santo André | Wir sind im legendären „Maracana“. Verzückung pur bei jedem Fußballfreund, auch, wenn der morbide Charme, den wir hier erwartet haben, wegrenoviert wurde. Jetzt ist diese monumentale Legende unter den Fußballarenen dieser Welt ein sicherer, modernsten Anforderungen genügender Sportpalast. Und dann steht hier heute auch noch so ein großes Spiel an. Großartig! Aber bei aller Begeisterung: Irgendwo auf dem Weg hierher ist die ganz große Euphorie um die deutsche Mannschaft auf der Strecke geblieben. Mag ja sogar sein (und ich würde es mir wünschen), dass die Selbsteinschätzung der Spieler richtig ist und zum langersehnten Erfolg führt. „Der Zweck heiligt die Mittel!“ soll zur Strategie erhoben worden sein. Das „Wie“ ist nicht wichtig, sondern allein die Zielerreichung. Hauptsache die nächste Runde erreicht. Dem kann ich mich sogar anschließen. Nur vom Anspruch her erscheint mir das zu wenig. Warum sagt kaum einer: „Wir freuen uns riesig über das Weiterkommen, aber wir würden schon  gern besser auftreten. Das, was wir bisher gezeigt haben, genügt uns nicht!“?

Dabei fällt mir sofort das letzte Spiel gegen Frankreich vor eineinhalb Jahren in Paris ein. Vom Ergebnis her so wie die letzten Begegnungen hier: 2:1 - knapp gewonnen. Aber fußballerisch eine wahre Freude. Wir haben weiterhin individuell eine der am besten besetzten Mannschaften der Welt. Sie muss es sich nur wie damals selbst abverlangen.

Vielleicht ist es ganz gut so, dass Per Mertesacker seinem (wie ich meine überzogenen) Frust nach dem Algerien-Spiel freien Lauf gelassen hat. Er hat damit den Druck in jedem Fall für sich und die Mannschaftskollegen erhöht. Wenn allein der Erfolg wichtig ist, dann muss diese Mannschaft jetzt gegen Frankreich weiter liefern. Wenn die deutsche Mannschaft (anders als gegen Ghana und Algerien jeweils in der ersten Halbzeit) Druck ausüben und das Spiel bestimmen und kontrollieren will, dann braucht sie Außenverteidiger, die dabei mitmachen und immer wieder die Linie rauf und runter marschieren. Das hat mit Philipp Lahm auf rechts auch im letzten Spiel gut funktioniert. Deswegen ist die Diskussion über die Position des Kapitäns nicht nur nichts Ehrenrühriges sondern auch sinnvoll. Dass sie mittlerweile auch kontrovers in der deutschen Mannschaft geführt wird, das konnte man den Äußerungen von Torwarttrainer Andreas Köpke entnehmen.

Aber: Der Bundestrainer hat nicht nur die letzte Entscheidung, er hat auch seine eigene fundierte Spielidee. Und den besten , weil frischesten  Eindruck von seinen Spielern. Am Ende trägt er aber auch aus diesem Grund die Hauptverantwortung. Und schon deshalb ist die heutige Partie richtungweisend für das Spiel, das wir in den nächsten Monaten und Jahren von der Nationalmannschaft sehen werden.

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