Illegale Schützen : Die Wilderei im Kreis Pinneberg nimmt zu

Die Jäger sind auf der Hut: Wilderer sind fast ausschließlich auf frischer Tat zu erwischen.
Die Jäger sind auf der Hut: Wilderer sind fast ausschließlich auf frischer Tat zu erwischen.

Laut Jäger gibt es vermehrt Hinweise auf Wilderei im Kreis Pinneberg. Polizei registriert erheblichen Anstieg. Motive sind vielseitig.

shz.de von
16. Januar 2015, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | 64 Fälle von illegaler Jagd hat das Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein 2013 verzeichnet. Damit schlugen Wilderer 39-mal mehr zu als noch im Jahr 2012, in dem 25 Fälle registriert wurden. Bei der Polizeidirektion Bad Segeberg, die auch für den Kreis Pinneberg zuständig ist, wurde 2014 ein Fall von Wilderei gemeldet. „Der Anstieg der Zahlen dürfte auf eine erhöhte Anzeigenbereitschaft durch die Jagdaufsichtsberechtigten zurückzuführen sein“, sagt LKA-Sprecher Stefan Jung. Die Jäger gehen davon aus, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist: Sie nehmen vermehrt Hinweise wahr, dass illegale Schützen in ihren Revieren unterwegs sind – so auch im Kreis Pinneberg. Das bestätigt Hans Hewicker, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Pinneberg, auf Anfrage.

Zahlen zu konkreten Vorfällen gibt es nicht. Doch die Jäger sind stets aufmerksam und kennen ihre Tiere: Und deren Verhalten zeigt laut Hewicker, dass die Verdachtsmomente in den vergangenen zwei Jahren – insbesondere im Norden des Kreises Pinneberg – zugenommen haben. Es ist die scheue Reaktion des Wildes, die die Aufmerksamkeit der Weidmänner weckte. „Eigentlich ist künstliches Licht für Wildtiere nichts Besonderes, denn sie sehen es ständig. Aber es ist auffällig, dass manche Rehe in letzter Zeit vor Autos die Flucht ergreifen“, so Hewicker. Die Tiere entwickelten ein Gefahrenbewusstsein. Fällt ein Reh innerhalb einer Gruppe beispielsweise einem Wilderer zum Opfer, dann merken sich die anderen laut Hewicker diesen Vorfall und passen sich an die Gefahr an.

Aber es ist nicht nur das Verhalten der Tiere, weshalb die Jäger davon ausgehen, dass illegale Schützen in der Region ihr Unwesen treiben. „Wir hören auch Schüsse, bei denen es sich eindeutig um Gewehrsalven handelt“, sagt Hewicker. „Wenn sich dann herausstellt, dass keiner von uns in Frage kommt, dann verfestigt sich der Eindruck, dass es unberechtigte, stille Teilhaber gibt.“ Zeitweise hätten die Jäger verabredet, diese Vorfälle an zentraler Stelle zu dokumentieren.

Wilderer hängt Rehkadaver über Zaun

Zu einem besonderen Ereignis kam es im März vergangenen Jahres: Hewicker berichtet von einer E-Mail, in der sich ein Mann über die Vorgehensweise der Weidmänner beschwerte. Im Anhang befand sich ein Bild, das zwei Rehdecken mit Köpfen über einen Schlagbaum gehängt zeigte – und das in der Schonzeit. „Das war eine Provokation und völlig eindeutig, dass es sich um Wilderei handelte“, so Hewicker.

Dem Vorsitzenden der Kreisjägerschaft zufolge gehen Wilderer so geschickt vor, dass man sie kaum erwischt. Sie warten in der Dunkelheit. In Sicherheit, denn sie können jeden sehen, aber niemand sie. Sobald sich etwas in ihrem Sichtbereich bewegt, schalten sie das Licht ein – und schießen. Dann laden sie das tote Tier auf und sind  weg. „Das geht blitzschnell“, sagt Hewicker. Dabei sind Rehe offenbar beliebte Objekte, da sie von einem Menschen problemlos getragen werden können.

Warum gehen einige Menschen nachts illegal auf die Jagd? Hewicker findet mehrere Antworten: „Wenn man systematisch wildert, kann man sich Geld dazuverdienen“, sagt er. Etwa 60 Euro würden für ein Reh auf dem Schwarzmarkt gezahlt. Aber auch den Jagdtrieb nennt der Experte als ein Motiv. Er vermutet hinter einem Wilderer gar jemanden, der einen Jagdschein, aber zu wenig Zeit zum Jagen habe. Auch Abenteuerlust könne illegale Schützen in die Dämmerung locken. Und nicht zuletzt komme Provokation in Frage. Hewicker hat erlebt, wie jemand einen Kopf eines Wildes auf einem Pfosten aufgespießt bei einem befreundeten Jäger in dessen Garten platziert hat, um diesen zu ärgern.

Die Jäger können nur weiterhin wachsam sein, um die Schützen auf frischer Tat zu erwischen. Im Fall schwerer Wilderei kann den Tätern eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren drohen.

Der Paragraf 292 des Strafgesetzbuches beschreibt „Jagdwilderei“ als die Verletzung fremden Jagdrechts, indem der Täter „...Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet...“. Dabei ist eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, in schweren Fällen sogar bis zu fünf Jahren möglich. Schwere Fälle liegen vor, wenn die Tat gewerbsmäßig oder gewohnheitsmäßig,  zur Nachtzeit, in der Schonzeit, unter Anwendung von Schlingen oder in anderer nicht weidmännischer Weise oder gemeinschaftlich begangen wird. Aber auch der Autofahrer kann sich schnell strafbar machen: Denn unter den Begriff der Wilderei fällt auch jeder, der nach einem Wildunfall das „erlegte“ Reh einfach in den Kofferraum verlädt. Die Polizei und der zuständige Jäger sind in so einem Fall die richtigen Ansprechpartner. Allein deshalb, weil die Versicherung eine offizielle Bestätigung des Wildunfalls für die Regulierung benötigt.
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