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Serie: Unser Glaube : Die Welt der „intensiven Christen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Soziale Projekte werden groß geschrieben: Mehr als 400 Mitglieder engagieren sich in den Gemeinschaften in der evangelischen Kirche.

Pinneberg | Angela Merkel habe sie einmal die „intensiven Christen“ genannt. Das sagt der Elmshorner Prediger Jürgen Wesselhöft (51) zur Beschreibung der Gemeinschaft in der evangelischen Kirche. „Das Glaubensleben ist intensiver als bei den Kirchenchristen.“

Die meisten Gemeinschafts-Glaubensgeschwister, zirka 95 Prozent, seien Mitglieder in der evangelisch-lutherischen Kirche. Zusätzlich sind sie in den Gemeinschaften aktiv, die mittlerweile mit Gemeindehäusern, eigenen Gottesdiensten, eigenen Predigern, eigenen Taufen und Konfirmandenunterricht ein Eigenleben entwickelt haben. Sie bezeichnen sich weder als Sekte noch als Freikirche: Es sind eben Gemeinschaften in der Kirche, die sich durch freiwillige Spenden finanzieren und davon auch ihre hauptamtlichen Prediger bezahlen.

Vor 150 Jahren entstand diese Bewegung, als Menschen sich zusätzlich zum Gottesdienstbesuch zu Bibelstudienkreisen in Wohnzimmern trafen, um ihren Glauben weiter zu vertiefen, sagt Wesselhöft. „Morgens ging es in den Gottesdienst der Kirche, abends in die Gemeinschaftsstunde“, erklärt der Prediger. Die Entwicklung nahm ihren Lauf. „Plötzlich entsteht ein Posaunenchor, Seelsorge, diakonische Arbeit. Ein Verein wird gegründet. Die Gemeinden werden größer, dann werden eigene Häuser gebaut“, beschreibt Wesselhöft das Wachstum der Bewegung, deren Ausbreitung niemals geplant gewesen sei und die dennoch mittlerweile in ganz Schleswig-Holstein mit festen Organisationsstrukturen vorzufinden ist. So gebe es im Kreis Pinneberg mittlerweile in Elmshorn 181 Mitglieder, 145 in Barmstedt, 79 in Uetersen und 12 in Pinneberg.

„Ursprünglich wollten die Gemeinschaften eine Ergänzung zur Kirche sein und die Pastoren in ihrer Arbeit unterstützen“, so Wesselhöft. Dann sei die Gemeinschaft größer geworden und der Gedanke aufgekommen: „Das können wir auch alleine machen.“ So gibt es mittlerweile eigene Gottesdienste. Sonntags um 10 Uhr in Elmshorn, in Uetersen und Barmstedt jeweils um 11 Uhr sowie um 17 Uhr in Pinneberg. „Ein Großteil der Mitglieder wird zum Gottesdienst da sein“, so Wesselhöft.

Jürgen Kölln (62), Vorstandsmitglied der Gemeinschaft in der evangelischen Kirche in Pinneberg, verdeutlicht: „In den Gemeinschaften tragen die Mitglieder die Veranstaltungen mit. In die Kirche kommen viele nur zu Weihnachten. Der aktive Kern ist oft kleiner als in unserer Gemeinschaft.“ Die Prediger in den Gemeinschaften übernähmen oft dieselben Aufgaben wie die Pastoren in den Kirchen, nur für einen kleineren Kreis an Gläubigen.

Wie gut kommt die Gemeinschaft bei den Vertretern der evangelischen Landeskirche an? „Die Pastoren haben nicht alle die gleiche Auffassung. Manche arbeiten gern zusammen, andere sehen es distanzierter“, sagt Kölln. In Pinneberg gebe es beispielsweise nicht so intensive Kontakte zur Landeskirche, jedoch gute Kontakte zu den im Fahltskamp ansässigen Baptisten. In Uetersen sehe es ganz anders aus. „Es gibt auch welche, die sich bewusst in der Landeskirche engagieren. Ich blase im Posaunenchor der Kirchengemeinde Kummerfeld“, sagt Kölln. Wesselhöft stellt klar: „Wir wollen keine Konkurrenz.“

Was sie möchten ist, „dass Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden, Gott kennenlernen“, so Wesselhöft. Die Gemeinschaften bieten dazu auch Glaubenskurse an. Zudem gebe es – oftmals im wöchentlichen Wechsel mit Bibelgesprächen im Gemeindehaus – auch Hausbibelkreise. Dazu treffen sich jeweils acht bis zwölf Menschen zuhause, um biblische Fragen zu erörtern. „Es gibt die Möglichkeit, das eine oder andere persönliche preiszugeben“, sagt Kölln. Wesselhöft ergänzt: „Die Hauskreise stabilisieren auch immer mal wieder Leute, die Probleme haben.“ Die Bibel bezeichnet Wesselhöft als Kompass fürs Leben, als Richtschnur und Kraftquelle. Kölln sagt, er versuche täglich in der Bibel einen Text anzusehen.

Durch eine ausgeprägte Jugendarbeit zeichne sich die Gemeinschaft in Elmshorn, Barmstedt und Uetersen aus. „In Pinneberg sind wir alle jenseits der 50“, sagt Kölln. Ehrenamtliches soziales Engagement werde an allen Gemeinschaftsstandorten groß geschrieben. Großen Andrang habe es gegeben, als das Elmshorner Gemeindehaus von November bis Februar einmal wöchentlich zum öffentlichen Indoor-Winterspielplatz umfunktioniert worden war. „Es musste wegen Überfüllung geschlossen werden“, berichtet Wesselhöft über die Aktion mit mehr als 100 Besuchern pro Tag. Auch die inoffiziellen Deutschkurse für Flüchtlinge sowie die diakonische Arbeit mit Alkoholkranken in Elmshorn, das Trauercafé in Uetersen sowie auch das Mittagessen für Uetersener Grundschüler in Kooperation mit der Tafel werden gut angenommen. „Unsere Häuser sind keine sakralen Räume, sondern Veranstaltungsräume“, sagt Wesselhöft.

In vielen Fällen sei die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft in der evangelischen Kirche aus familiärer Tradition heraus entstanden, aber auch „Quereinsteiger“ finden immer wieder ihren Weg in die Glaubensgemeinschaft, wie Wesselhöft und Kölln bestätigen. Zu der Frage nach den Aussteigern sagt Wesselhöft: „Es ist selten, dass Menschen wegbleiben, aber es kommt vor. Ich halte viel davon, dass man Menschen den Eingang zeigt, den Ausgang aber immer offen lässt mit der Option, gerne wiederzukommen.“

Auf die Frage, ob es im Gemeindeleben in den Gemeinschaften Tabus gebe, erläutert Wesselhöft: „Es gibt keine Regeln wie ein Verbot für Alkohol und Rauchen. Es ist eher die Frage: Wie gehe ich mit meinem eigenen Körper um. Einige rauchen, andere gewöhnen es sich glücklicherweise ab.“ Kölln sagt: „Wir praktizieren keinen ausschweifenden Lebensstil.“ Aber in seiner Kindheit sei Tanzen in den Kreisen der Gemeinschaft verpönt gewesen. Heute sei das anders, „das ist alles Geschichte.“

Homosexuellen gegenüber zeigt sich die Gemeinschaft offen. „Da würden wir sagen ,Herzlich Willkommen‘“, sagt Wesselhöft. In der Bibel stehe auch etwas zu den geizigen Menschen. Das sei schließlich auch kein Ausschlusskriterium. „Jesus nimmt alle Menschen an und macht keinen Unterschied.“ Doch Kölln verdeutlicht: „Eheschließungen unter Homosexuellen würden wir nicht machen. Wenn es um Amtshandlungen geht, geht es einfach nicht.“

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erstellt am 15.Apr.2015 | 16:00 Uhr

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