Deutschland-Türkei : „Die Sichtweise hat sich verändert“

Baris Karabacak ist 30 Jahre alt und wurde in Pinneberg geboren. Seine Familie lebt in dritter Generation in Deutschland.
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Baris Karabacak ist 30 Jahre alt und wurde in Pinneberg geboren. Seine Familie lebt in dritter Generation in Deutschland.

Pinnebergs CDU-Politiker Baris Karabacak spricht im Interview mit shz.de über das schwierige Verhältnis zwischen den beiden Ländern. Er erläutert, warum es immer wieder zu Irritationen zwischen den Staaten kommt.

shz.de von
07. Februar 2018, 10:00 Uhr

Ist die Türkei noch eine Demokratie?
Baris Karabacak: Auch wenn vieles in die falsche Richtung läuft, existieren definitiv noch demokratische Strukturen. So gibt es beispielsweise ein Parlament, das Entscheidungen trifft. Es sind außerdem Zeitungen da, die sich kritisch über Erdogan äußern dürfen und keine Repressalien befürchten müssen. Es ist also nicht so, dass die Meinungsfreiheit komplett abgeschafft wurde – auch, wenn sie eingeschränkt ist.

Wie passt dazu die Inhaftierung des Welt-Journalisten Deniz Yücel und anderer Regimegegner?
Das hat nichts mit fehlender Meinungsfreiheit zu tun. Betroffen sind meines Wissen Personen mit einem nachweisbaren Terrorhintergrund. Das muss man sorgfältig unterscheiden. Bei Yücel ist es so, dass er die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft hat und deshalb auch unter die türkische Gerichtsbarkeit fällt. Er wurde verhaftet, weil er ein Interview mit einem PKK-Führer geführt hatte und sich die Frage stellte, wie seine Kontakte zu der Terrorgruppe entstanden sind. Wenn wirklich ein Terrorismusbezug da sein sollte, ist die Entscheidung der Türkei richtig, ihn zu verhören.

Aber reicht das aus, um ihn ein Jahr zu inhaftieren?
Das Problem ist, dass er sich nicht äußert. Ansonsten hätte sich das Thema vielleicht längst erledigt.

Sind Sie selbst häufig in der Türkei?
Ja. Ich habe aufgrund meiner Wurzeln eine enge Bindung zur Türkei und mag das Land sehr.

Mit welchen Gefühlen fliegen Sie in die Türkei?
Es ist schon anders als früher. Wenn man sich wie ich kritisch über die Regierung geäußert hat, stellt man sich die Frage, ob das Folgen haben könnte. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf. Wirkliche Angst habe ich aber nicht. Schließlich habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich setze mich für die deutsch-türkische Freundschaft ein. Das ist auch im Sinne der Türkei.

Mussten Sie sich nach kritischen Äußerungen schon mit Anfeindungen auseinandersetzen?
Nicht, wenn es um die türkische Regierung ging. Einen Shitstorm gab es allerdings, als ich mich für ein Burka-Verbot in öffentlichen Räumen aussprach.

Die Auseinandersetzungen mit der Türkei sind in den deutschen Medien omnipräsent. Wie sieht es in der Türkei aus?
Auch dort ist es ein großes Thema. Die Türken sahen die Deutschen lange als enge Freunde an. Diese Sichtweise hat sich verändert. Die Menschen haben aufgrund der Konflikte inzwischen eher ein negatives Bild von Deutschland und auch von Europa.

Ergibt es da überhaupt noch Sinn, die EU-Beitrittsverhandlungen fortzusetzen?
Im Moment bestimmt nicht. Da müssen erst einmal ganz andere Probleme gelöst werden. Auch wenn die Beitrittsverhandlungen laufen, ist das momentan weder für die EU noch für die Türkei ein großes Thema. Die Türkei braucht nicht die EU und die EU nicht die Türkei. Eine gute Partnerschaft ist allerdings wichtig. Schließlich ist die Türkei die Brücke zwischen Europa und Asien. Ob als Nato-Partner, in der Wirtschaft oder in Friedensprozessen – die Türkei ist in vielen Bereichen unverzichtbar. Enge Bindungen zu Deutschland sind schon allein deshalb da, weil mehr als drei Millionen Türken in Deutschland leben. Umgekehrt leben viele Deutsche in der Türkei. Das ist den meisten gar nicht bewusst.

Baris Karabacak, 30 Jahre alt, ist gebürtiger Pinneberger. Seine Familie lebt in dritter Generation in Deutschland. Karabacak arbeitet als Niederlassungsleiter bei der afg Personal Technical Services GmbH in der Kreisstadt. Außerdem ist er Mitglied der CDU und gehört als Beisitzer dem schleswig-holsteinischen Landesvorstand an. Dazu ist er Mitglied des Pinneberger Stadtrats, Vorsitzender des Vereins „Brücken der Kulturen“ und des Netzwerks Integration der schleswig-holsteinischen CDU.

Derzeit wird diskutiert, ob Deutschland Waffen an die Türkei verkaufen soll. Was halten Sie davon?
Die Türkei ist in erster Linie ein Nato-Partner. Deshalb ist es normal, dass Deutschland dorthin Waffen liefert.

Auf Kritik stößt, dass die Türkei deutsche Waffen bei ihren Angriffen auf die syrische Region Afrin nutzt. Ist diese Kritik berechtigt?
Zur Wahrheit gehört dazu, dass ebenso Waffen an die Gegenseite geliefert wurden. Unabhängig davon sehe ich den Einsatz nicht wie von vielen Medien kommuniziert als Krieg gegen die Kurden an. Die Angriffe richten sich vielmehr gegen die Terrororganisationen PKK, PYD und den IS. Dabei bezieht sich die Türkei auf ein UN-Gesetz zur Selbstverteidigung. Ziel ist unter anderem, den 3,5 Millionen Flüchtlingen in der Türkei die sichere Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen.

Ist ein Krieg dafür der richtige Weg?
Eine schwierige Frage. Die Türkei hat jahrelang versucht, die Probleme friedlich zu lösen und ist gerade auf die Kurden zugegangen. Das hat aber trotz aller Erdogan-Bemühungen letztendlich nicht funktioniert. Das zeigen die vielen Anschläge, die die Türkei besonders 2016 trafen.

Warum hat Erdogan so eine starke Position?
Das ist eine Frage der Kultur. In Deutschland leben wir die Demokratie. Die Mehrheit der Menschen in der Türkei wünscht sich dagegen einen Alleinherrscher, der auch mal auf den Tisch haut. Eine solche Führungs-Figur hätte in der Bundesrepublik keine Chance. In der Türkei mit ihren patriarchalischen Strukturen sieht es anders aus.

Was halten Sie persönlich von Erdogan?
Ich bin bestimmt kein Erdogan-Fan. Es ist aber auch nicht alles schlecht, was er getan hat. Deshalb stimmten beim Referendum im vergangenen Jahr 56 Prozent der in Deutschland lebenden Türken für ihn. Ich habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft und durfte deshalb nicht wählen. Ich hätte aber ohnehin nicht abgestimmt, weil ich nicht von hier entscheiden will, wie die Menschen in der Türkei leben.

Wie hat sich das Verhältnis von Deutschland und der Türkei in den vergangenen Monaten entwickelt?
Es ist besser geworden. Das ist auch dringend notwendig. Deutschland und die Türkei waren immer Freunde. Das muss so bleiben.

Wie kann das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken dauerhaft verbessert werden?
Wichtig ist, dass Partnerschafts-Projekte weiter unterstützt werden. Nur der regelmäßige Austausch ermöglicht, Vorurteile abzubauen. Dafür müssen sich beide Seiten aufeinander zu bewegen. Das ist aufgrund der unterschiedlichen Mentalität schwer. Die Türken sind warmherzig und nehmen einen in den Arm, während der Deutsche dann eher zurückweicht.

Was können Sie persönlich tun, um das deutsch-türkische Verhältnis zu verbessern?
Ich engagiere mich für Projekte, die zum Beispiel von der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert werden. Zudem arbeite ich mit Vereinen zusammen, die sich für bessere deutsch-türkische Beziehungen einsetzen. Es muss allerdings sichergestellt sein, dass diese Vereine keinen terroristischen Hintergrund haben.

Gerade Gemeinschaften wie der Moscheeverband Ditib stehen für den Dialog. Ihnen wird aber auch vorgeworfen, nur Anweisungen aus der Türkei zu befolgen. Werden die Beziehungen so nicht eher beschädigt?
Die Ditib ist ein in Deutschland gegründeter Verein, der auf dem Boden des Grundgesetzes steht und kein Befehlsempfänger. Der Verband sucht den Dialog mit der Bundesregierung. Das ist richtig und wichtig. Genauso wie der Staatsvertrag mit den muslimischen Organisationen Ditib und Schura in Hamburg. Die Forderungen, die Gespräche zu beenden, halte ich für falsch. Auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist: Was ist denn die Alternative zum Dialog? Wer akzeptiert werden will, muss akzeptieren. Allen Beteiligten muss klar sein, dass Deutschland und die Türkei zwei Länder mit völlig unterschiedlichen Kulturen und Eigenheiten sind.

Sind bei Ihnen die Eigenheiten beider Kulturen vorhanden?
Definitiv. Ich bin mit beiden Kulturen aufgewachsen und hatte das Glück, dass meine Eltern mich zweisprachig erzogen und mir verschiedene Sichtweisen nahebrachten. So lernte ich den Islam kennen, habe aber in der Schule auch am normalen Religionsunterricht teilgenommen.

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