Reportage : Die Räder müssen nach unten zeigen

Die Hände immer „viertel vor drei“ Uhr am Steuer: ADAC-Trainer „Butschi“ (rechts) erläutert Volontär Jakob Koch die richtige Haltung im Auto.
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Die Hände immer „viertel vor drei“ Uhr am Steuer: ADAC-Trainer „Butschi“ (rechts) erläutert Volontär Jakob Koch die richtige Haltung im Auto.

Autofahren unter Extrembedingungen: Volontär Jakob Koch war mit dem Kreisjugendring Pinneberg beim ADAC-Fahrsicherheitstraining.

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04. Juni 2014, 22:00 Uhr

Boksee | „Es geht heute darum euer Auto im Grenzbereich auszuprobieren – und auch mal darüber hinaus zu gehen. Die Reifen werden also auch mal quietschen.“ Die Worte von Trainer „Butschi“ klingen spannend. In den neun Jahren, die ich nun schon Auto fahre, sind mir derartige Situationen bisher zum Glück erspart geblieben – bis auf beim ein oder andere Reh auf der Straße, musste ich bisher nie wirklich in die Eisen gehen. Was es aber bedeutet, wenn das Fahrzeug unkontrolliert in einer Kurve ausbricht, das will ich heute erfahren. Zusammen mit einigen Teilnehmern des Pinneberger Kreisjugendrings (KJR) habe ich mich nach Boksee aufgemacht – einem kleinen Örtchen am Rande der Bundesstraße 404 bei Kiel. Dort liegt das Verkehrsübungsgelände des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC).

Trainer „Butschi“ heißt eigentlich Joachim Umbach und ist seit 23 Jahren Mitarbeiter beim ADAC. Er ist es, der uns einen Tag lang über das Gelände scheuchen wird. Doch sein Humor lockert die nervöse Stimmung in der Gruppe vor dem Training spürbar auf. „Es wird spätestens heute das erste Mal sein, dass ihr mit eurem Auto reden werdet“, sagt Umbach an diesem sonnigen Morgen.

In dem Seminarraum abseits des Platzes sitzt eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus zwölf Teilnehmern – aus dem Kreis Pinneberg sind etwa Patrick Grosse und Emin Abay von der Jugendfeuerwehr Quickborn dabei. „So etwas wollte ich immer mal machen, außerdem fahren wir viel mit Jugendlichen“, sagt Jugendwart Grosse. Auch Simon Schütt aus Horst ist mit seinem VW Caddy dabei. Schütt ist Mitarbeiter beim KJR und will sein Gefährt einmal bei Extremsituationen erleben. Auch er transportiert regelmäßig Heranwachsende. Außer weiteren Teilnehmern des KJR haben sich an diesem Morgen sich völlig fremde Menschen aus ganz Schleswig-Holstein eingefunden – von Mutter „Melli“, die mit ihrem Familien-Van gekommen ist, über Jannick samt kleinem VW Polo, der gerade erst seinen Führerschein gemacht hat, bis hin zu Moritz, der mit seinem Porsche Carrera da ist.

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Nach einiger Theorie zu Bremsverhalten und der Elektronik an Bord geht es zu unseren Fahrzeugen. Ich bin mit einem Ford Fusion gekommen, einem vergleichsweise kleinen Gefährt, das sonst dieser Zeitung als treuer Firmenwagen dient. Eher behäbig also. In Kolonnenfahrt geht es auf den vor zwei Jahren eröffneten Platz, der neben dem Verkehrsübungsgelände errichtet wurde. Zum Aufwärmen müssen wir erst einmal mit Tempo 40 im Slalom um aufgestellte Hütchen fahren. Trotz geringer PS-Zahl reagiert der Wagen in den scharfen Kurvenfahrten heftiger als ich dachte. Ich fahre direkt hinter dem Porsche Carrera. Bloß nicht zu dicht auffahren, denke ich – das könnte teuer werden.

Nach und nach variieren wir dabei Sitzposition und Lenkverhalten. „Ihr merkt: Das Auto ist kein Sofa“, resümiert „Butschi“ nach der Runde, in der wir unsere Sitzposition so nach hinten verstellt haben, dass wir mit ausgestreckten Armen gerade noch ans Lenkrad gekommen waren. Das stimmt tatsächlich: Mit ausgestreckten Armen sind großzügige und schnelle Lenkradbewegungen kaum möglich. Bei der optimalen Sitzposition sollte das linke Bein, mit dem die Kupplung bedient wird, angewinkelt sein – genauso wie die Arme. Die Hände sollte man zudem „auf viertel vor drei“ Uhr ans Lenkrad halten, „damit der Airbag auch genug Platz hat, wenn er aufgeht“, sagt Trainer „Butschi“. Der Gurt sollte nicht zu tief und zu locker sitzen.

Nach dem Test von Bremsbedingungen bei trockenen Straßenverhältnissen und Glätte, bei der besonders schwere Fahrzeuge einen langen Bremsweg haben, geht es als nächstes darum im Kreis zu fahren. „Ein Kreis ist nichts anderes als mehrere Kurven hintereinander“, merkt „Butschi“ mit einem Augenzwinkern an. Doch diese Fahrt habe ich eindeutig unterschätzt: Es ist unglaublich, was für Kräfte bei permanenten Kurvenfahren auf Fahrzeug und Fahrer wirken – selbst bei „nur“ Tempo 40. Den Muskelkater habe ich noch Tage später gemerkt. Jetzt weiß ich zumindest auch mal im Ansatz, was Rennfahrer durchmachen. Bei der nächsten Übung, der Vollbremsung in einer Kurve, wird ein Manko meines Fahrzeugs deutlich – denn die Reifen jaulen und quietschen von allen Teilnehmern am lautesten. „Überprüf’ mal den Luftdruck deiner Reifen“, rät mir der Trainer. Und tatsächlich: Die Anzeige der Luftdruckanlage am Rande des Geländes zeigt 0,7 Bar zu wenig an. Mit vollgepumpten Reifen klappt die Gefahrenbremsung in der Kurve dann schon um einiges besser.

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Wie es sich anfühlt, bei Glätte einem plötzlich auftauchenden Hindernis auszuweichen, erfahren wir mit dem Einsatz von viel Wasser: Trainer „Butschi“ hat dabei per Fernsteuerung bestimmt, wann Wasserfontänen aus dem Boden schießen. Wir Fahrer müssen dann blitzschnell bremsen und ausweichen – bei dem Glätte-Untergrund ein verdammt schwieriges Unterfangen. Und bei einer Geschwindigkeit von mehr als Tempo 50 fast unmöglich. Wie es sich dann noch anfühlt, wenn das Heck des Fahrzeugs ausbricht, dürfen wir zumindest mal testen, obwohl es eigentlich nicht zu unserem Programm gehört: Mittels einer sogenannten Schleuderplatte, einer bewegbaren Plattform im Boden, wird das Heck des Fahrzeugs zum Ausbrechen gebracht. Ich hoffe, dass mir eine solche Situation – etwa durch einen Reifenplatzer – erspart bleiben wird.

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Am späten Nachmittag geht es zum Ende noch einmal in die Nachbetrachtung des Trainings. Die Erkenntnis der Teilnehmer: Das eigene Auto kann viel mehr, als sie ihm vorher zugetraut hatten. Bordelektronik und Fahrverhalten sorgen dafür, dass sich in vielen Situationen das Fahrzeug sicher führen lässt. Zum Schluss wünscht uns Trainer „Butschi“ auf seine ganz eigene Weise alles Gute: „Ich wünsch’ euch für die Zukunft, dass die Räder immer nach unten zeigen werden.“

Faustformeln

Bremsweg ist der Weg, der von Beginn der Bremsung bis zum Stillstand des Fahrzeugs benötigt wird. Hier rechnet man zum Beispiel für Tempo 50: (50 km/h : 10) x (50 km/h : 10) = ein Bremsweg von 25 Metern. Hinzu kommt der Reaktionsweg, also der Weg, der zwischen Erkennen einer Gefahr und Beginn der tatsächlichen Bremsung zurückgelegt wird. Für Tempo 50 rechnet man: (50 km/h : 10) x 3 = ein Reaktionsweg von 15 Meter pro Sekunde. Wer sich also mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h bewegt, legt 15 Meter zurück, bevor er überhaupt mit der Bremsung beginnt. Dann braucht er nochmal 25 Meter bis zum Stillstand des eigenen Fahrzeugs.

Elektronik

Im Fahrzeug gibt es je nach Modell verschiedene elektronische Helfer, die für die Sicherheit bei der Fahrt und explizit bei Extremsituationen helfen sollen. Am bekanntesten ist wohl das Elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP), ein Fahrassistenzsystem, das durch gezieltes Abbremsen einzelner Räder dem Ausbrechen des Wagens entgegenwirkt. Das ESP ist mit dem Antiblockiersystem (ABS) verknüpft. Dieses verhindert ein Blockieren der Räder durch Verminderung des Bremsdrucks. Ebenfalls verknüpft mit dem ESP ist die Antriebsschlupfregelung (ASR), die dafür sorgt, dass die Räder beim Beschleunigen nicht durchdrehen.

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