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Pinneberger Tageblatt

18. November 2017 | 13:28 Uhr

Die pure Art des Fliegens

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Selbstversuch Ein Tag bei den Segelfliegern des LSV Pinneberg

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2017 | 16:00 Uhr

Schönwetter-Flieger. Leichtsinnige Draufgänger. Prestige-Piloten. Allgemein kursieren zahlreiche abwertende Betitelungen für Segelflieger. So recht glauben wollte ich zwar keine davon. Dennoch entwickelten sich in mir gemischte Gefühle, nachdem ich einen Anruf erhielt mit den Worten „Halt’ uns für verrückt, aber wir fliegen heute“. Am anderen Ende der Leitung: Howard Mills, Segelflugreferent im Luftsportverein Pinneberg (LSV) und mein Pilot an diesem Tag. „Viel zu windig“, dachte ich und blickte auf die hin und her schwankenden Äste vor meinem Fenster. Offen ausgesprochen habe ich dies natürlich nicht. Mills hebt schließlich seit mehr als 30 Jahren regelmäßig ab, ich dagegen stand vor meinem ersten Segelflug. Seine Erfahrung und meine Neugier verdrängten letztlich etwaige Zweifel. Zweifel, die sich schon bei meiner Ankunft am Flugplatz Uetersen-Heist restlos in Vorfreude verwandelten.

Mit offenen Armen empfingen mich Mills und seine LSV-Crew, die zu meiner Überraschung nicht nur aus erfahrenen Fluglehrern, sondern auch aus ambitionierten Flugschülerinnen und -schülern besteht. Knapp 120 Mitglieder zählt der LSV aktuell, ist damit ähnlich groß wie der benachbarte Segelflugclub Uetersen. Nicht alle davon würden aber gleichzeitig auch fliegen, berichtet Mills. So seien unter den Mitgliedern auch zahlreiche Förderer. Letztlich konzentriere es sich auf einen „harten Kern“ von etwa 30 Personen, die regelmäßig auf oder eben über dem Platz zu finden sind.

Schnell merke ich, dass Segelfliegen bei weitem kein reiner Männersport für die ältere Generation ist. Auch Jugendliche begeistern sich offenbar zunehmend für das lautlose Fliegen. Die Jugendgruppe des LSV umfasst derzeit 27 Mitglieder im Alter zwischen 14 und 25 Jahren. Darunter die 17-jährige Merrit, die derzeit ihren Flugschein macht. „Mir gibt der Sport unheimlich viel Selbstvertrauen“, sagt sie. Kein Wunder: Bereits ab dem 14. Lebensjahr kann mit der Segelflugschulung begonnen werden. Die Ausbildung dauert in der Regel zwischen eineinhalb und drei Jahren. Abhängig von Talent und Engagement ist aber bereits nach 50 bis 70 Starts ein Alleinflug ohne Lehrer möglich. Geschult werden jedoch nicht nur die fliegerischen Künste. Auch die Arbeit am Boden ist fester Bestandteil des Lehrplans. Dazu gehören die Abwicklung von Start und Landung sowie die Bedienung der Seilwinde, mit deren Hilfe die Maschinen meist in die Luft befördert werden.

Ausführlich und mit viel Humor erklären mir Mills und seine fachkundigen Vereinskollegen alles rund ums Thema Segelfliegen. Nein, von Draufgängern, die einzig aus Prestige-Gründen hochsteigen, kann wahrlich nicht die Rede sein. Auch den Vorwurf, dass Segelfliegen eher etwas für die elitäre Einkommensschicht sei, lächelt Mills müde weg: „Es ist nicht teurer als Golf oder Tennis.“ Dass einzige, was man in großem Maße fürs Segelfliegen braucht, sei Zeit, betont er. Fluglehrer Andreas Wendland pflichtet ihm bei: „Am Wochenende sind wir meist von 9 bis 18 Uhr auf dem Platz. Danach weiß man, was man gemacht hat.“


Katapultartig geht es in die Luft


Ich merke, wie sich die Freude, die die gesamte Crew versprüht, zunehmend auch auf mich überträgt. Den ständig um mich pfeifenden Wind auf der grünen Flugplatzwiese nehme ich schon längst nicht mehr als Bedrohung wahr. Dann wird es ernst. Mills zeigt auf eine weiße Maschine des Typs ASK-21. Nach einer kurzen Einweisung zwänge ich meine 1,90 Meter als erstes in das enge Cockpit des Doppelsitzers. Pilot Mills nimmt vor mir Platz. Die Cockpit-Dachklappen schließen, der Startwagen erteilt die Freigabe zum Abheben. Los geht’s. Und wie. Innerhalb von wenigen Sekunden wird die Maschine mit Hilfe des Stahlseils von null auf knapp 100 Stundenkilometer steil nach oben katapultiert. Dafür sorgen Lukas Näfken (26) und Falk Centner (21), die die etwa einen Kilometer entfernt stehende 320 PS starke Seilwinde bedienen. Eine Kraft, die mich in den Sitz presst. Bei rund 500 Metern Flughöhe wird das Seil ausgeklinkt und fällt mittels Fallschirm kontrolliert zu Boden. „Wir haben Glück“, sagt Mills und verweist auf die durchbrechende Sonne, die mir einen imposanten Ausblick über den Kreis Pinneberg und weit darüber hinaus bietet.

Mir wird schlagartig klar, warum Segelflieger so viel Zeit in ihr Hobby investieren. Diese Aussicht ist mehr als nur Entschädigung. Mills nutzt den thermischen Aufwind, um uns bis auf 750 Meter zu bringen. Dann ist Schluss. Einerseits, weil darüber der Luftraum des Hamburger Flughafens beginnt. Und andererseits, weil mir die stetigen spiralförmigen Flugbewegungen auf Dauer doch etwas zu schaffen machen. Aber alles eine Frage der Gewöhnung.

Nach rund zehn Minuten setzen wir wieder auf dem Boden auf. Geschafft, aber hochzufrieden und immer noch tief beeindruckt ob des gebotenen Panoramas. Auf der Heimfahrt erinnere ich mich zurück an den Anruf von Howard Mills. Verrückt? Ja, durchaus. Allerdings im positivsten Sinn. Verrückt nach dem Fliegen. Ich zumindest verstehe jetzt, warum.


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