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Das Sonntagsgespräch : „Die Probleme gibt es nicht erst seit der Silvesternacht“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Dorathea Beckmann, Gleichstellungsbeauftragte in Rellingen.

shz.de von
erstellt am 31.Jan.2016 | 15:00 Uhr

Rellingen | Dorathea Beckmann ist seit 1995 Gleichstellungsbeauftragte in Rellingen. Im Sonntagsgespräch erklärt sie, was sie von der Frauenquote hält, was für sie zu einem familienfreundlichen Klima gehört und weshalb sie mit den Vorfällen in der Silvesternacht gerechnet hat.

Wie sieht Ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte in Rellingen aus?
Ein wichtiger Teil sind die Einzelgespräche mit Frauen, die Rat suchen. Häusliche Gewalt, Trennung, Wohnungsnot, berufliche Existenzsicherung, Angst vor Altersarmut – die Sorgen sind vielfältig und haben sich in den vergangenen Jahren nicht verändert. Ein zunehmendes Problem ist, dass sich viele Frauen überfordert fühlen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist aus meiner Sicht ein Märchen. Die Strukturen in der Kinderbetreuung haben sich verbessert, aber die Anforderungen sind trotz allem extrem hoch und viele Frauen haben das Gefühl, dass sie den Ansprüchen nicht gerecht werden. Ich wünsche mir mehr echte Entlastung für Familien. Das neue ElterngeldPlus geht zum Beispiel in diese Richtung.

Was gehört noch zu Ihren Aufgaben?
Meine Arbeit wird auch durch die Vorbereitung von Veranstaltungen und Projekten geprägt. Dazu gehören zum Beispiel die Begleitung des Rellinger Frauentreffs und des Frauenkleidermarkts sowie die Organisation von Workshops, die Frauen das Leben erleichtern sollen. Aktuell steht am Sonntag, 7. Februar, von 11 bis 14 Uhr im Rathaus der Rellinger Frauenempfang an. Diese Veranstaltung gibt es bereits seit 20 Jahren.

Wieso kommt der Frauenempfang so gut an?
Er ist allein schon dadurch etwas Besonderes, dass es in Schleswig-Holstein einen solchen Empfang außer in Rellingen nur noch in Elmshorn gibt. Bei der Veranstaltung besteht die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und sich über interessante Themen zu informieren. Am 7. Februar referiert die Journalistin und Politologin Antje Schrupp über den Stand der Frauenbewegung und erklärt unter anderem, was die Feministinnen von früher und die aktuelle Generation voneinander lernen können.

Was macht den Reiz Ihrer Arbeit aus?
Ich habe einen besonderen Arbeitsplatz, der es mir ermöglicht, mein gesamtes Wissen und meine Ausbildung einzubringen. Ungewöhnlich ist sicherlich, dass ich weisungsunabhängig bin und selbst entscheiden darf, welche Akzente ich setzen will. Diese Freiheit ist Herausforderung und Verantwortung. Verpflichtet bin ich dem Grundgesetzartikel 3, Absatz 2 und der Hauptsatzung der Gemeinde Rellingen.

Haben sich die Ausgangsbedingungen für Frauen verbessert?
Ja, vieles hat sich für Frauen verbessert, auch wenn zum Beispiel das große Lohngefälle nicht hinzunehmen ist. Für Familien allerdings nicht wesentlich. Es ist ein Unding, dass Kinderbetreuung nicht kostenfrei angeboten wird. Das ist für mich familienfeindlich. Ich bin für die gebundene Ganztagsschule. Verlässliche Schulzeiten bis Klasse zehn wären für Mütter und Väter eine große Entlastung. Gebundene Ganztagsschulen würden übrigens einen großen Integrationsbeitrag leisten. Wir haben aber immer noch kein familienfreundliches Gesamtklima in Deutschland. Ansonsten hätten wir zum Beispiel das Geld zur Rettung der Banken für eine konsequente Familienförderung eingesetzt oder das Ehegattensplitting längst abgeschafft.

Was halten Sie von der Frauenquote?
Ich finde sie gut und notwendig. Die Beispiele aus Norwegen, Schweden und Frankreich zeigen, dass die Quote für die Privatwirtschaft etwas bewirkt. In Deutschland ist in vielen Parteien durch die Einführung von Quoten der Anteil von Frauen in der Politik gestiegen. Klar ist: Wenn etwas nicht freiwillig funktioniert, muss man gesetzlich nachsteuern.

Wie beurteilen Sie die sexuelle Belästigung von Frauen in der Silvesternacht in Köln und auch in Hamburg?
Ich habe damit leider gerechnet, wenn auch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Die Probleme gibt es nicht erst seit der Silvesternacht 2015/2016. Das Thema wurde bis dahin nur tot geschwiegen. Sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum ist kein neues Phänomen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass es in unserer Gesellschaft keinen fest verankerten Frauenschutz gibt. Dass manche glauben, nur die Flüchtlinge tragen das Thema nach Deutschland, macht mich fassungslos. Die Probleme gibt es schließlich schon seit Jahrzehnten. Frauenverbände weisen seit langem darauf hin, dass eine Eskalation droht. Die derzeitige Entwicklung kommt also nicht aus heiterem Himmel. Sexualisierte Gewalt wird einfach zu häufig kommentarlos hingenommen. Wir brauchen ein breites Bündnis der Solidarität. Die Silvesternacht hat gezeigt, dass wir uns wieder neu mit unseren Grundwerten auseinandersetzen müssen.

Dorathea Beckmann ist seit 1995 Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Rellingen. Die Diplom-Theologin ist verheiratet und wohnt in Pinneberg.
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