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"Hairspray" im Cap Polonio : Die Musical-Enthusiasten von Pinneberg

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Sie verdienen keinen Cent und opfern doch ihre gesamte Freizeit: 70 Theateramateure begeistern täglich 200 Zuschauer.

Hektische Betriebsamkeit im Festsaal des altehrwürdigen Hotels Cap Polonia im Pinneberger Fahltskamp. Wenn 70 Leute, meist sehr junge, dabei sind, ein Musical auf die Beine zu stellen, die Beleuchtung an eine in fünf Metern Höhe schwebende Traverse anzuschrauben, eine 38 Quadratmeter große Vorbühne, die sich jetzt vor der eigentlichen erhebt, zusammenzusetzen und eine 2,10 Meter lange, selbst gebaute Hairspray-Dose aufzurichten, aus der später unter pyrotechnischen Effekten der Star springen soll, dann wuselt es unter der stuckverzierten Decke wie in einem Ameisenhaufen.

Hier packt jeder mit an – Sänger, Musiker, Schauspieler, Praktikanten, Bühnenbildner, Regisseure, die Souffleuse, die Kassierer, Kartenabreißer, Ton- und Lichttechniker. Doch die Bezeichnungen sind eher Nebensache. Als sich am vergangenen Freitag Abend der Vorhang hob und das Musical „Hairspray“, dargestellt ausschließlich von Amateuren, in der Kreisstadt Premiere feierte, hatten vorher alle alles gemacht. Und es war sich niemand für nichts zu schade. Denn die Produzentin „Musical-Company“ agiert seit August 1999 als eingetragener Verein. Niemand verdient mit der Schinderei, die bereits im Mai diesen Jahres mit den zwei Mal in der Woche abends stattfindenden Proben begann, auch nur einen Cent. „Wir sind froh, wenn eine Produktion so viel abwirft, dass wir uns neue Technik oder Ausstattungsgegenstände anschaffen können“, erklärt der Pinneberger Andreas Hettwer, im richtigen Leben IT-Berater, im Fahltskamp jedoch Regisseur. Er nahm sich in der vergangenen Woche und bis zum kommenden Sonnabend, wenn der letzte Vorhang fällt, in der Firma Urlaub.

Das gilt auch für einen der Hauptdarsteller, Sebastian „Gniechel“ Christ, der normalerweise in einem SB-Warenhaus im Kreis Pinneberg arbeitet, jetzt als mütterliche „Edna Turnblad“ auf der Bühne glänzt. „‚Gniechel‘, der sich so nennt, weil man bei Google wegen der Eimmaligkeit dieser Buchstabenkombination sofort auf ihn stößt, kommt ursprünglich aus dem niedersächsischen Einbeck und ist aus Liebe zur Kunst hierher gezogen. Wir haben alle Altersgruppen und Berufe dabei – und Studenten aller Coleur“. sagt Hettwer, während er mit ausgestrecktem Arm zeigt, wo was noch überall installiert werden muss. Unten werkelt derweil Baugrund-Bodengutachter Friedhelm Schlesch, mit 52 Jahren der älteste Aktive im Verein, am Bühnenbild, oben kraxelt der Schüler Ole Güllich – professionell gesichert und mit 16 Jahren der jüngste männliche Mitstreiter – an der Traverse herum. Trotz all dieser Anstrengungen bezahlt der Gast gerade Mal 17 Euro Eintritt. Ein Klacks, wenn man bedenkt, dass Disney im Hamburger Hafen für den „König der Löwen“ in der Kategorie eins bis zu 135 Euro verlangt.

Die aktuelle Inszenierung ist das 15. Stück, das die „Musical-Company“ in den vergangenen 14 Jahren einstudierte. In „Hairspray“ (Erstaufführung 2002 am New Yorker Broadway) geht es um die übergewichtige Schülerin Tracy (Jessica Göttmann), die ihren Traum verwirklichen möchte, bei der in den 1960er Jahren schwer angesagten „Corny Collins Show“ im Fernsehen aufzutreten. Obwohl ihre Mutter (Sebastian „Gniechel“ Christ) versucht, sie davon abzuhalten, gelingt es ihr mit Hilfe eines schwarzen Freundes (Edem Hounkali), den Moderator der Sendung (Arny Oprotkowitz) auf sich aufmerksam zu machen. Er holt sie in die Show. Doch dann kommt es zu einer Massenverhaftung, weil sich Tracy öffentlich für die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß stark macht. Wird sie wieder freikommen?

Ein finanzielles Risiko gehen Hettwer und die anderen Vereinsmitglieder mittlerweile nicht mehr ein, weil die zehn bereits gegebenen Aufführungen von „Hairspray“ im März allesamt ausverkauft waren. Doch die Kosten sind enorm. Hettwer: „Allein die Miete für den Saal beträgt mehrere tausend Euro – von den Lizenzgebühren ganz abgesehen.“

Am Sonntag beginnt die Vorstellung bereits um 17 Uhr (Montag ist geschlossen). Das Musical läuft noch bis zum 2. November täglich um 19.30 Uhr (Abendkasse ab 19 Uhr). Karten gibt’s auch telefonisch unter (0 41 01) 23 211.

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erstellt am 27.Okt.2013 | 16:53 Uhr

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