"Die Krankenkassen mobben mit"

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Sabine Hachmann wurde gemobbt, gekündigt und erhielt dann kein Geld. Erst nach drei Monaten gab es Krankengeld und eine Genesungskarte.Jacobi (2)

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22. September 2012, 01:14 Uhr

Kreis Pinneberg | Die DAK als zweitgrößter Versicherer im Kreis Pinneberg vermeldete jüngst einen drastischen Anstieg der psychischen Erkrankungen um 28 Prozent. Das ruft Günther Kollenda auf den Plan. Der Gründer der Mobbing-Selbsthilfegruppe im Kreis Pinneberg klagt die Krankenkassen an, die Situation Betroffener noch zu verschlimmern, statt ihnen zu helfen. Verletzung der Meldepflicht, Schikanen, Abwälzen von Zahlungen - die Liste Kollendas ist lang. "Ich habe schon oft zu den Verantwortlichen der Kassen gesagt: Ihr mobbt hier mit."

So kam es auch Sabine Hachmann vor. Ihr Fall ist schon ein paar Jahre her - sodass sie jetzt offen darüber sprechen kann. Die heute 48-Jährige war Mitarbeiterin einer Berufsgenossenschaft. "Dort wurde ich 16 Jahre lang gemobbt", sagt sie. Hachmann wurde krank. Innere Unruhe, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Haarausfall - der Stress am Arbeitsplatz wirkte sich auch körperlich aus. Dreimal schickte ihr Arzt sie zu Kur, zweimal musste sie in die Klinik. Als ihr Arbeitgeber ihr im November 2009 fristlos kündigte, brach Hachmann zusammen. Ihr Arzt schrieb sie krank. Doch Krankengeld erhielt das Mobbingopfer erst einmal nicht. Bis die DAK zahlte, sollten knapp drei Monate ins Land gehen. "Ich musste von meinem Ersparten leben und mich für 150 Euro im Monat auch noch selbst versichern", erinnert sich Hachmann.

Arbeitsagentur, Jobcenter, Krankenkasse - sie rannte von einer Behörde zur anderen, doch zahlen wollte niemand. "Die DAK wollte den Arbeitsgerichtstermin im April abwarten", erinnert sich Hachmann genau an das Datum. "Der 8.April - mein Geburtstag." Doch dann hätte Hachmann fünf Monate ohne Einkommen überbrücken müssen. "Da habe ich mich eingeschaltet", erinnert sich Kollenda. Er übte gemeinsam mit Hachmanns Anwalt Druck aus. Die Versicherung zahlte, schickte Hachmann eine Karte als Entschuldigung. "Der Blumenstrauß war aber nur aufgedruckt", sagt Hachmann ironisch.

Die DAK schildert Hachmanns Fall etwas anders. Laut Thomas Ehlert, Leiter des DAK-Servicezentrums Pinneberg, habe Hachmann keinen Krankengeldanspruch gehabt, da sie sich erst einen Tag nach der Kündigung krankgemeldet habe. "Wäre sie noch am gleichen Tag zum Arzt gegangen, hätte der Anspruch bestanden", so Ehlert. Erst als Hachmanns Firma am 27. Januar 2010 gegenüber der Krankenkasse eingeräumt habe, dass die fristlose Kündigung nicht rechtens war, habe Krankengeldanspruch bestanden. Es sollte dennoch Mitte Februar werden, bis Hachmann das Geld ausgezahlt wurde. "Solche Fälle kommen vor", sagt Ehlert. Nicht häufig, aber die Krankenkasse sei schließlich auf die Informationen des Arbeitgebers angewiesen. Und diese seien eben verspätet gekommen. Leid habe es ihm trotzdem getan, sagt Ehlert - daher die Karte.

Hachmanns Fall, sagt Kollenda, ist keineswegs ein Einzelfall. Er legt Schreiben von anderen Krankenkassen vor. Die Empfänger möchten anonym bleiben. Ihre Fälle sind noch zu frisch. Doch die Inhalte der Schreiben sprechen Bände: "Vielmehr dient die Attestierung der Arbeitsunfähigkeit nach unserer Einschätzung eher dazu, sich der derzeitigen Arbeitsplatzsituation nicht aussetzen zu müssen", heißt es in einem der Redaktion vorliegenden Schreiben. Die Krankenkasse erkenne die Arbeitsunfähigkeit nur noch für zwei weitere Wochen an.

In einem anderen Fall schaltete die zuständige Kasse den Medizinischen Dienst ein, der - obwohl ein ärztliches Attest vorlag - nach Aktenlage urteilte: "Ihr Gesundheitszustand hat sich so verbessert, dass sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können." Solche Schreiben, weiß Kollenda, schicken Versicherer gern vor dem Wochenende heraus. "Da braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, wie es den ohnehin angeschlagenen Menschen das Wochenende über ergeht", sagt Kollenda. Dieses Vorgehen sei ein flächendeckendes Schema.

Was ihn besonders empört: Statt zu schikanieren, sind die Krankenkassen rechtlich verpflichtet, durch Mobbing ausgelöste Erkrankungen der Berufsgenossenschaft zu melden. Deren Aufgabe wiederum wäre es, mit dem Arbeitgeber Maßnahmen zum Schutz des Arbeitnehmers zu ergreifen. Diese Mitteilungspflicht der Krankenkassen ist im Sozialgesetzbuch verankert. "Doch nicht einmal zehn Prozent der Fälle melden die Krankenkassen meiner Erfahrung nach an die Berufsgenossenschaften", sagt Kollenda. Oft werde eine Meldung erst auf sein Drängen veranlasst. Wichtig sei daher, rät Kollenda, dass die Betroffenen bei ihrem Arzt darauf drängen, den Diagnoseschlüssel "Z 56" auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu vermerken. Dieser Diagnoseschlüssel steht für Mobbing und gibt der Krankenkasse den Hinweis, dass sie tätig werden müsste.

"Wenn alle Krankenkassen dies tun würden, kann man sich bei deutschlandweit geschätzten 5,7 Millionen Mobbingopfern vorstellen, was los wäre", so Kollenda. Er habe den Eindruck, dass sich Krankenkassen, aber auch Berufsgenossenschaften des Themas nicht annehmen wollen. "Mit ein paar Streicheleinheiten oder einem Coaching für Führungskräfte ist es nicht getan."

Hachmann geht es übrigens mittlerweile wieder gut. Sie arbeitet wieder - als Bürokauffrau. Ihr "Mobbing-Tagebuch", wie sie ihre Aktensammlung aus der Zeit ihrer Krankheit nennt, hat sie jedoch aufbewahrt.

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