Die Kraft der Musik als Brückenbauer

Mit demVize-Kulturminister von Nordkorea verstand sich Cord Garben prächtig.
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Mit demVize-Kulturminister von Nordkorea verstand sich Cord Garben prächtig.

Zwölftägiges Abenteuer in Nordkorea: Cord Garben, international gefeierter Pianist und Dirigent, reist als Jurymitglied für Gesangswettbewerb nach Pjöngjang

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26. Mai 2018, 16:00 Uhr

Zwölf Tage im April als Jury-Mitglied des 1. Internationalen Gesangswettbewerbs in Pjöngjang, der Hauptstadt von Nordkorea – das hätte sich der weitgereiste international gefeierte Pianist, Dirigent, Produzent und Arrangeur Cord Garben nicht träumen lassen. Doch der 75-Jährige – den Kreis Pinnebergern seit Jahren bekannt als Künstlerischer Leiter des Kulturvereins Pinneberg und virtuoser Dirigent des Neujahrskonzerts im Cap Polonio – ließ sich nicht lange bitten. Der Besuch in einem Land am „Ende der Welt“, das noch schwer an seiner tragischen Vergangenheit trägt, „war von erheblicher Wirkung auf mich. Und ich bin froh, nicht auf Warnungen einiger Freunde gehört zu haben, das Unternehmen sei lebensgefährlich.“

Garben hat seine Erlebnisse, die Begegnungen mit Menschen, mit Botschafter Thomas Schäfer (kleines Foto) samt Gattin sowie tägliche Verstörungen aufgeschrieben. Die „Persönlichen Reisenotizen“ stellte der berühmte Musiker, der mehr als zwei Jahrzehnte als Schallplattenproduzent der Deutschen Grammophon unter anderem mit Mstislav Rostropovich, Dietrich Fischer-Dieskau, Arturo Benedetti Michelangeli und Herbert von Karajan betreut hat, unserer Zeitung zur Verfügung.

Die Reise in die 3,7 Millionen Menschen-Metropole Pjöngjang, wo 16 Prozent von 24 Millionen Einwohnern des Landes leben, hielt Garben in Atem. Es dürfte ein Privileg gewesen sein, als Bürger des Westens in eine Atmosphäre einzutauchen, die geprägt ist durch die Herrschaft von Kim Jong-ils (1994–2011). Und das Land seit 2011 von dessen Sohn, dem Obersten Führer und Marshall Kim Jong-un mit harter Hand regiert wird. Doch Garben, dem begehrten Liedbegleiter großer Sängerpersönlichkeiten wie Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau und Kurt Moll, ging es vor allem um Musik. Deshalb – und gerade wegen seiner beeindruckenden Biografie – wurde Garben nach Pjöngjang eingeladen. Und geschätzt.

Die Jury war hochgradig besetzt (siehe Bild links unten). Garben schreibt dazu: „Das Ungewöhnliche an dem Wettbewerb war, dass alle Sänger auch mit koreanischen Liedern antreten mussten. Koreanische Lieder, das sind Arien aus patriotischen Opern, stilistisch in keinem Takt mit koranischer Folklore in Berührung gekommen, im Stil zwischen Lehárs Operetten und Rachmaninoff.“ Die Jury bewertete mit einer Punktzahl von 1 bis 5. „Mit einem sprachlichen Heimvorteil für die koreanischen Teilnehmer, versteht sich“, betont Garben schmunzelnd.

Parallel zum Besuch aus dem Westen liefen Vorbereitungen für das Kulturfestival aus Anlass des Geburtstags von Kim Il-sung. Garben notiert dazu: „Die Straßen wurden herausgeputzt. Noch mehr große Plakate wurden aufgestellt, Tausende von Frauen hockten an Straßen und entfernten das Unkraut aus dem spärlichen Gras, Männer zogen in der ganzen Stadt von freier Hand die Begrenzungen der Radwege nach.“

Die Reisegruppe habe nur die Stadt erlebt, von den Fahrten zum Flughafen abgesehen. „In der Stadt schießen die Hochhäuser in großen Gruppen wie Pilze aus dem Boden.“ Garben weiter: „In langen, sehr informativen Gesprächen mit dem Deutschen Botschafter Schäfer erfuhren wir, dass den Nordkoreanern derzeit besonders an der Außenwirkung gelegen ist. Es ist daher bekannt, dass manche Hochhäuser noch leer stehen oder nur spärlich besiedelt sind.“

Für Garben ging es auf seiner Tour – natürlich – primär um Musik. Auch als Pianist war er gefordert, vor etwa 2000 Menschen spielte er eine Polonaise von Chopin und mit einer jungen Pianistin Walzer von Brahms. Fünf Tage lang musste sich der Pianist gedulden, bevor ihm ein Klavier zum Üben, im „Revolvering“ Restaurant, Stock 47, zur Verfügung gestellt wurde. „Ich saß oben im Drehrestaurant und schaute beim Üben des Klavierauszugs eines horror-schweren Kampfliedes auf die Nordkoreanische Hauptstadt herab. Keine alltägliche Prozedur für den Vorsitzenden der Hamburger Brahms-Gesellschaft“, erinnert sich Garben an das Szenario.

Empfänge und Partys – daran mangelte es während der Tour nicht. Aber, so Garben, „am Morgen nach derartigen Fröhlichkeiten wurde es immer ganz schnell wieder grau. Kaum dem Fahrstuhl entstiegen, kam der persönliche Übersetzer, wünschte guten Morgen, um mir dann bis zur Rückkehr am Abend und dem Aufsuchen des für die Jury reservierten Restaurants im Hotel nicht von der Seite zu weichen.“ Gibt es doch so etwas wie Freiheit? Auch das konnte Garben beobachten: „Frei dürfen sich die auf allen Plätzen Tanzenden fühlen. Eine koreanische Tradition.“

Dem „Supreme Leader“ Kim Jong-un ist Garben nicht begegnet. „Aber der Marshall, wie er offiziell genannt wird, will das Musikleben stark fördern, um den Menschen Kraft zu verleihen, die großen vaterländischen Aufgaben zu erfüllen.“ Das international besetzte Symposion habe deshalb den Rang hoher Diplomatie gehabt.

Garben hat eines gelernt: Will sich Nordkorea musikalisch mit dem Rest der Welt messen, muss „sich das Sinfonie-Orchester auf die internationale Klassik konzentrieren und weniger Patriotisches spielen. All das wäre den Einsatz westlicher Berater wert.“ Garben, der musikalische Diplomat, hat gezeigt, wie es gehen könnte.

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