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Ängste reduzieren statt schüren : Die kindliche Angst vor dem Clown

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Clowns sind nur in Filmen Bösewichte. Klinikclowns sollen Kindern Angst vor Operationen und Klinikaufenthalten nehmen.

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2016 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Clowns lösen ebenso wie Bestatter, Sex-Shop-Besitzer und Tierpräparatoren Angst aus. Doch warum fürchten sich Menschen vor den lustigen Gesellen in ihren bunten Kostümen? Die kindliche Angst vor Clowns hänge laut einer Studie der englischen University of Sheffield mit ihrem unbekannten Ausstehen und Auftreten zusammen. Diese Angst vor dem Unbekannten kann sich auf viele Dinge beziehen und ist nicht spezifisch für Clowns, weshalb sie meistens im Zuge des Älterwerdens verschwindet. Anders sieht es bei Erwachsenen aus.

Seit den 1980er Jahren sind Clowns in der Populärkultur nicht nur die humorvollen Gestalten aus dem Zirkus. Stephen King schuf 1986 mit „Pennywise“ im Roman „Es“ wohl das Sinnbild des bösen Clowns. Rote Haare, weißes Gesicht, blutige Reißzähne im weit aufgerissenen Mund. Die gleiche Gesichtsfarbe und der überzeichnete Mund prägen auch das Aussehen von Batmans Erzfeind, dem „Joker“. In „Batman“ wurde er 1989 von Jack Nicholsen und 2008 in „The Dark Knight“ von Heath Ledger verkörpert. Die Vorlage zum „Joker“ ist aber schon mehr als 70 Jahre alt. In den Batman-Comics tauchte er bereits in den 1940er Jahren auf. Derartige Abbildungen sollen vor allem bei Erwachsenen die Angst vor Clowns geschürt haben. Diese Angst hat einen Namen: Coulrophobie. Psychologen vermuten, dass diese Filme das Bild von Clowns in der Gesellschaft negativ verändert haben, ob dadurch auch die Anzahl von Coulrophobie-Fällen anstieg, ist unbekannt.

„Lachen ist bekanntlich die beste Medizin. Das belegt auch eine aktuelle Studie der Universität Greifswald, nach der durch den Einsatz der Clowns Ängste von Kindern im Krankenhaus deutlich reduziert werden können“, sagt Bettina Moser, Leitende Ärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Regio Klinikum Pinneberg. In der Studie fanden Greifswalder und Berliner Wissenschaftler heraus, dass der Wert des Hormons Oxytocin, das auch als Kuschelhormon bezeichnet wird, bei Kindern, die vor einem Eingriff von Klinikclowns besucht wurden, um 30 Prozent höher liegt als bei Altersgenossen ohne Clownbesuch. Oxytocin soll das Vertrauen zu anderen Menschen stärken und Ängste reduzieren.

„Wir beobachten in unserer alltäglichen Arbeit, wie gut die Clowns unseren jungen Patienten tun. Selbst sehr niedergeschlagene Kinder und Jugendliche blühen nach dem Besuch der Klinikclowns richtig auf“, berichtet Moser. Auf der Kinderstation und auf der Neurologie sind die Spaßmacher im Einsatz. Finanziert wird das Projekt durch den Verein der Freunde des Regio-Klinikums Pinneberg. „Kinder fürchten sich aber weniger vor den Clowns, als vielmehr vor dem Fremden“, hat die Kinderärztin bei ihrer Arbeit festgestellt und weiß: „Die Klinikclowns wissen schon, wie sie vermeintliche Ängste nehmen und auch zurückhaltenden Patienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“

Bettina Moser.

Bettina Moser.

Einer davon ist Torsten Kiehne, der seit zwei Jahren als Fernando bei den Klinikclowns Hamburg auftritt. „Ich war von Anfang an überrascht, wie gut man Menschen erreicht“, sagt Kiehne. Durch ihre Naivität und das Scheitern bei banalen Dingen würden Clowns Kinder größer machen. „Dass sie Angst haben, habe ich noch nie erlebt. Manche sind vielleicht zu Beginn schüchtern“, sagt Kiehne, der bewusst auf eine Maskerade verzichtet, damit die Mimik weiterhin zu erkennen ist. Offen spricht der Autor und Übersetzer über die Ängste seiner Figur: „Fernando hat immer Angst, ohne Fahrkarte im Fahrstuhl erwischt zu werden.“

Die Gerüchte über Ängste vor Clowns kennt auch Jens Ewald, der seit 1989 in die Rolle von Clown Mücke schlüpft. „Sollte es wirklich ein Problem mit der Coulrophobie geben, wäre ich längst arbeitslos“, scherzt er. Bei mehr als 6000 Auftritten brachte er laut eigener Angaben mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Lachen. „Natürlich habe ich schon einige Male mit Menschen zu tun gehabt, die Angst vor mir hatten“, berichtet Ewald. Bei Kindern sei diese aber oftmals nach zehn Minuten verloren. „Erwachsene, die Angst haben, lassen sich nicht so leicht überzeugen, weil sie den direkten Kontakt eher meiden“, sagt Ewald und ergänzt: „Ich bin sehr bemüht, dass kein einziger Zuschauer, der mich gesehen hat, Angst vor einem Clown hat.“

Nur ein Clown sorgte weltweit wirklich für Angst und Schrecken: der amerikanische Serienmörder John Wayne Gacy trat als „Pogo der Clown“ auf. Er wurde 1994 hingerichtet, weil er mindestens 33 männliche Jugendliche vergewaltigt und ermordet haben soll. Während seiner 14 Jahre währenden Inhaftierung malte er zahlreiche Clownsbilder, die bei Auktionen weltweit Preise bis zu 20.000 Dollar erzielten.

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