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Europäischer Tag der jüdischen Kultur : Die heilige Schrift bleibt meist im Schrank

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Synagoge am Clara-Bartram-Weg ist das Zentrum des jüdischen Glaubens in Pinneberg. Die Gemeinde setzt auf Offenheit statt Abschottung.

Pinneberg | Es ist ein freundliches Erscheinungsbild, das sich dem Passanten am Clara-Bartram-Weg in Pinneberg bietet. Ein Gebäude, in weiß getüncht, davor ein Meer aus Blumen, jedenfalls in der warmen Jahreszeit. Doch der Eindruck irritiert auch ein wenig. Das soll eine Synagoge sein? Die strahlend weiß-blaue Flagge des Staates Israel auf dem Dach verrät es. Jedoch: Müssen die Sakralbauten nicht höher sein als alle anderen Gebäude am Ort? So steht es immerhin im Talmud, dem wichtigsten jüdischen Gesetzeswerk. Wolfgang Seibert wiegelt ab. „Das ließ sich in der Diaspora, also außerhalb Israels, nicht realisieren“, sagt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Pinneberg. Aufgrund kaum vorhandener Vorschriften seien Synagogen stattdessen weltweit ausgesprochen vielgestaltig. Um Höhe zu simulieren, liege in manchen der Gotteshäuser der Gebetsraum unterhalb der Grasnarbe und eine Treppe führe hinab.

In Pinneberg ist das allerdings nicht der Fall. Nur der Schrein mit der Tora, der heiligen Schrift im Judentum, weist, wie in allen Synagogen, in Richtung Jerusalem. Hierzulande heißt das, nach Südosten. „Wir sind erst vor vier Jahren an diesen Ort gezogen. Das Gebäude war vorher eine Altentagesstätte des Roten Kreuzes und wurde in den 1960er Jahren errichtet“, erzählt Seibert. Zuvor sei man in verschiedenen Einrichtungen untergebracht gewesen, unter anderem auch bei der Evangelischen Gemeinde in der Oeltingsallee.

Wie von außen, regiert auch im Inneren der Synagoge eine geradezu asketische Schlichtheit, von Prunk ist wenig zu sehen. Der Gebetsraum: lichtdurchflutet, aber eher zweckmäßig. Die Torarolle, auf der die fünf Bücher Moses in hebräisch von Hand aufgeschrieben sind: nicht zu sehen. „Die Rolle darf nur ausgepackt werden, wenn mindestens zehn Juden anwesend sind“, so Seibert. Zum Sabbat-Gottesdienst jeden Sonnabendmorgen rezitiere ein Rabbiner einen Teil der Schrift. Anspruch sei es, in einem Jahr die gesamte Tora zu lesen.

Neben dem Gebetsraum, in dem religionsbedingt im Übrigen keinerlei Bilder aufgehängt werden dürfen, befindet sich eine Küche, in der koscher gekocht wird: Schweine- und Pferdefleisch sind beispielsweise nicht erlaubt, Meeresfrüchte auch nicht. Ebenfalls tabu: der gleichzeitige Verzehr von Fleisch- und Milchprodukten. Die Bedeutung der Küche ist nicht zu unterschätzen: Das gemeinsame Essen nach dem sonnabendlichen Gottesdienst spielt im Judentum eine wichtige Rolle.

Der Hauptraum der Synagoge ähnelt indes einer kleinen Bibliothek. Beinahe ringsum sind die Wände gesäumt mit Bücherregalen, die Literatur ist dabei keineswegs nur geistlicher Natur. Eine Couch und ein Fernseher vermitteln so etwas wie Wohnlichkeit. Das ist auch notwendig, denn die Synagoge ist derzeit Domizil von Ashraf O. Dem Flüchtling aus dem Sudan gewährt die Jüdische Gemeinde Pinneberg Unterschlupf – solange, bis der 34-Jährige in Deutschland Asyl beantragen darf.

Wer aufmerksam durch die Synagoge wandelt, dem dürften darüber hinaus mehrere baumartige Leuchter mit sieben Armen auffallen. Bei diesen „Menorot“ (Singular: „Menora“) handelt es sich um eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums, das sich auch im Wappen des Staates Israel wiederfindet. An jüdischen Festtagen werden sechs der sieben Leuchter-Arme angezündet – jedoch niemals der in der Mitte. „Alle sieben haben nur im ersten und zweiten Tempel in Jerusalem gebrannt, vor deren Zerstörung“, sagt Seibert.

Apropos Festtage: Davon gibt es im jüdischen Jahreskalender eine ganze Menge, die auch in der Pinneberger Gemeinde allesamt begangen werden. Allen voran Jom Kippur. Am höchsten jüdischen Feiertag, zehn Tage nach Neujahr gemäß dem jüdischen Kalender, das heißt, alljährlich im September, wird traditionell gefastet – und dass 25 Stunden lang. „Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang“, wie Seibert betont. Ein anderes wichtiges Fest wird im März zelebriert: „Pessach“ dauert sieben Tage und erinnert an die Auswanderung der Israeliten aus Ägpten und damit an die Befreiung aus der Sklaverei. Das Fest beginnt mit einem Abendgottesdienst, an den sich ein großes Festmahl anschließt. Während der gesamten Feierlichkeiten darf nichts Gesäuertes zu sich genommen werden – darunter fällt jedes Getreide, das länger als 18 Minuten mit Wasser in Berührung gekommen ist. Für diese beiden und andere Feste sind jüdische Kinder vom Unterricht befreit. Das, so Seibert, regele ein Staatsvetrag zwischen dem Land Schleswig-Holstein und dessen jüdischen Gemeinden.

Ist die Synagoge zu den Gottesdiensten anlässlich der Festtage in der Regel sehr gut gefüllt, so kann der Gemeindevorsitzende dies von den „normalen“ Tora-Lesungen am Sonnabend nicht behaupten. „Von den etwa 250 bis 260 Mitgliedern, die unsere Gemeinde umfasst, kommen dann höchstens zehn Prozent regelmäßig“, so der 67-Jährige. Etwa 70 Prozent der Gemeindemitglieder seien russische Juden mit oftmals schlechten Deutschkenntnissen, der Altersschnitt sei hoch. Wie viele Menschen jüdischen Glaubens es in Pinneberg insgesamt gibt, kann Seibert allerdings nicht sagen: „Wir erreichen mit unserer Gemeinde nur einen Teil“.

Im Spannungsfeld zwischen Orthodoxie und Offenheit tendiert die jüdische Gemeinde Pinneberg im Übrigen eindeutig zu letzterem. Seibert, der auch die Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer, nur zu besonderen Anlässen trägt, ist ein gutes Miteinander verschiedener Religionen wichtig. So seien die Kontakte zur – deutlich größeren – islamischen Gemeinde in Pinneberg hervorragend, auch christliche Konfirmandengruppen seien häufig zu Gast, um seine Religion kennenzulernen.

Dass die Synagoge trotzdem schon Zielscheibe antisemitscher Umtriebe geworden ist, mag da auf den ersten Blick verwundern. Aber der 67-Jährige hat sich mit der Zeit ein dickes Fell angeeignet und will am liebsten gar nicht darüber reden. „Es gab schon Schmierereien und auch die ein oder andere Fensterscheibe ist leider schon zu Bruch gegangen“, lässt er sich immerhin entlocken. Ein Zeichen gelte es allerdings trotzdem zu setzen. Am heutigen „Tag der jüdischen Kultur“ begibt sich Seibert mit seiner Gemeinde deshalb nach Berlin, um dort gegen Antisemitismus zu demonstrieren. Die bundesweite Demo wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert.

Der Europäische Tag der jüdischen Kultur ist ein Aktionstag, der seit 1999 jährlich begangen wird. Er findet normalerweise am ersten Sonntag im September statt – in diesem Jahr ausnahmsweise erst am 14. Der Tag soll dazu dienen, das europäische Judentum, seine Geschichte, Traditionen und Bräuche aus Vergangenheit und Gegenwart besser kennenzulernen. Außerdem gibt es stets ein Leitthema – in diesem Jahr „Frauen im Judentum“. 
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erstellt am 14.Sep.2014 | 10:00 Uhr

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