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Im Interview: Petra Thies-Klapp : Die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises über ihre Arbeit und die Vorfälle in der Silvesternacht

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Elf Jahre lang war die Mutter eines Sohnes und einer Tochter, die mit ihrer Familie in Borstel-Hohenraden wohnt, Gleichstellungsbeauftragte.

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erstellt am 06.Feb.2016 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Ein paar Kisten hat sie schon gepackt. Petra Thies-Klapp, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Pinneberg, räumt am 1. März ihr Büro im vierten Stock der Kreisverwaltung in Elmshorn. Die Juristin wird künftig das Personalteam leiten. Dafür muss die 50-Jährige nur wenige Zimmer weiterziehen. Elf Jahre lang war die Mutter eines Sohnes und einer Tochter, die mit ihrer Familie in Borstel-Hohenraden wohnt, Gleichstellungsbeauftragte. Im Interview spricht sie über die Herausforderung in diesem Amt und bezieht noch ein letztes Mal Stellung zu einem aktuellen Thema: sexualisierte Gewalt.

Wie haben sie die ersten Wochen des neuen Jahres nach den Vorfällen in der Silvesternacht wahrgenommen?
Petra Thies-Klapp: Im ersten Moment habe ich es gar nicht realisiert. Dann kam die fachliche Auseinandersetzung und die Dimension wurde klarer. Ich finde es sehr bedrohlich, dass es anscheinend möglich ist, dass sich hunderte Männer organisieren und solche Taten begehen. Ich kann ein Stück weit verstehen, dass die Polizei überfordert war bei all dem Durcheinander. An solchen Vorfällen zeigt sich, welche Folgen der Stellenabbau bei der Polizei hat.

Glauben Sie, dass diese Art der sexualisierten Gewalt – Frauen auf einem öffentlichen Platz zu umzingeln und zu belästigen oder gar zu missbrauchen – ein neues Phänomen ist?
Ja. Es hat durch die andere Kultur noch einmal eine andere Dimension angenommen. Aber das Thema sexualisierte Gewalt ist nicht neu. Es begleitet uns Gleichstellungsbeauftragte seit Jahrzehnten. So wie häusliche Gewalt. Es wird immer noch verleugnet, dass jede vierte Frau davon betroffen ist. Das ist ein großes gesellschaftliches Problem. Wir müssen uns jetzt auch mit der Gewalt an weiblichen Flüchtlingen auseinandersetzen. Wenn wir im Kreis Pinneberg eine Gemeinschaftsunterkunft bekommen sollten, brauchen wir eine Unterkunft nur für Frauen.

Nach der Silvesternacht wurde Kritik laut, dass die Vorfälle zum „Ausländerproblem“ gemacht werden und die Männer, die hier aufgewachsen sind, ihr Verhalten nicht hinterfragen.
Egal wer Frauen belästigt oder missbraucht, beides ist gleich schlimm. Und der Rechtsstaat muss entsprechend antworten.

In Köln werden jetzt während des Karnevals viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen. In der Innenstadt gibt es einen „Frauen-Security-Point“ und dunkle Ecken sollen beleuchtet werden. Kann man Frauen so schützen?
Die Vorstellung, dass wir solche Maßnahmen brauchen, finde ich sehr gruselig. Das macht mich betroffen. Es ist fraglich, ob sie wirklich helfen.

In einer EU-weiten Studie geben 50 Prozent der befragten Frauen an, sexuelle Belästigung erfahren zu haben. Warum reden Frauen darüber so wenig?
Ich glaube, es ist die Angst vor der Auseinandersetzung. Die Angst, Verantwortung zugeschoben zu bekommen. Dazu kommt die Unsicherheit: Habe ich vielleicht Signale ausgesendet? Belästigung ist anscheinend akzeptiertes Verhalten. Frauen müssen sich klar machen, dass es keine Banalität ist.

Sprechen wir über einen konkreten Fall. Beim Tanzen reibt ein Mann seinen Unterleib an einer Frau bis er zum Höhepunkt kommt. Er hält sie fest. Sie bleibt still und spricht mit niemandem darüber. Was kann man da machen?
Schon junge Mädchen müssen auf diesen Überraschungsmoment vorbereitet werden. Man muss sich vorher genau überlegen, was man in einer solchen Situation macht und wie man sie umgehen kann. Man sollte sich klar machen, dass einem das jederzeit passieren kann. Ich glaube übrigens, dass solche Männer, die für die Vorfälle in Köln und Hamburg verantwortlich sind, genau wissen, dass Frauen sich schämen. Sie wollen Verunsicherung und Angst bei Frauen schüren.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Gleichstellung. Sie haben im Jahr 2012 gemeinsam mit Politik und Verwaltung einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, um bis 2015 die Frauenquote in den Führungsetagen der Kreisverwaltung zu erhöhen. Ist das gelungen?
Wir haben noch keine 50-50-Quote, aber der Aktionsplan war erfolgreich, weil er in die Köpfe der Beschäftigten der Kreisverwaltung gedrungen ist. Derzeit sind sieben der 16 Fachdienstleitungen weiblich. Die drei Fachbereiche leiten Männer. Wir müssen weiter dranbleiben. Meine Aufgabe war ja vor allem, auch darauf zu achten, dass sich gleichviele Männer wie Frauen bewerben. Letzten Endes ist die Eignung entscheidend. In vielen Fällen haben sich Frauen durchgesetzt.

Seit 1987 gibt es das Gleichstellungsbüro in der Kreisverwaltung. Sie waren elf Jahre lang Gleichstellungsbeauftragte. Was macht dieses Amt aus?
Der Kreis Pinneberg war tatsächlich einer der ersten in Schleswig-Holstein, der eine Gleichstellungsbeauftragte installiert hat – noch vor dem Gleichstellungsgesetz, das erst 1994 eingeführt wurde. Die Herausforderung ist, dass diese Position immer in der politischen Diskussion ist. Es geht immer wieder darum, die Aufgabe oder den Aufgabenumfang in Frage zu stellen. Das ist anstrengend. Was Gleichstellungsbeauftragte für eine Lobbyarbeit für ihr Anliegen und ihre Aufgabe betreiben müssen, ist enorm. Positiv ist dagegen die Weisungsunabhängigkeit. Ich muss selbst Aufgaben finden und Themen setzen. Das ist gleichzeitig interessant und fordernd.

Welche Schwerpunkte haben Sie sich gesetzt?
Für Frauen in der Kreisverwaltung gute Arbeitsverhältnisse zu schaffen – etwa Kinder und Beruf zu vereinbaren – war immer mein Hauptaugenmerk. Ich fand den Organismus Kreisverwaltung schon immer spannend.

Sie bleiben ihm auch erhalten und übernehmen die Leitung des Personalteams. Freuen Sie sich auf Ihre neue Aufgabe?
Ja, sehr. Nachdem ich bisher eher Einzelkämpferin war, freue ich mich auf die Arbeit mit den Kollegen. Darauf, Ideen zu initiieren, die die Kreisverwaltung als Arbeitgeber voranbringen. Zudem gibt es einige Herausforderungen zu meistern, wie den demografischen Wandel. Werden wir auch in Zukunft die Fachkräfte bekommen, die wir benötigen?

Was wünschen Sie sich von Ihrer Nachfolgerin?
Es gibt zwei Bereiche, mit denen ich mich aktuell beschäftige: weibliche Flüchtlinge und eine landesweite Initiative mit dem Ziel, dass mehr Frauen in die Kommunalpolitik gehen. Ich wünsche mir, dass meine Nachfolgerin da anknüpft.

In der Kreisordnung für Schleswig-Holstein ist festgelegt, dass die Gleichstellungsbeauftragte vom Kreistag bestellt wird. In der nächsten Sitzung am Mittwoch, 10. Februar, wird Petra Thies-Klapp abberufen. Die Stelle soll dann extern ausgeschrieben werden. Bisher gibt es laut Thies-Klapp noch keine potenziellen Nachfolgerinnen.
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