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Pinneberger Tageblatt

17. August 2017 | 00:21 Uhr

Die Gefühlswelt der Soldaten darstellen

vom

Appen | "Gilt der Schwur auch, wenn das Volk gar nicht tausende Kilometer von Deutschland entfernt verteidigt werden will?", fragte der Journalist Marco Seliger am Dienstagabend in der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen. Seliger stellte im Zuge der "Appener Gespräche" sein Buch "Sterben für Kabul - Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg" vor und ging dabei auch auf den Eid ein, den alle Soldaten leisten müssen. Sie schwören zwar, Deutschland tapfer zu verteidigen. Ob dieser Schwur sich auch auf den Einsatz am Hindukusch erstrecken sollte, bezweifelt der Autor indes. Zahlreiche Soldaten sowie lokale Prominenz aus Pinneberg, Moorrege, Wedel und Appen waren in der Marseille-Kaserne dabei, als Seliger über den Afghanistan-Krieg referierte.

Der Journalist war selbst mehrmals im Krisengebiet, führte dort unzählige Gespräche mit Soldaten und bekam hautnah das Kriegsgeschehen mit. Sein ernüchterndes Fazit: "Wenn das Militär bald das Land verlässt, wird alles eingerissen, was bisher aufgebaut wurde." 54 Bundeswehrsoldaten seien dann nur getötet worden, um eine teilweise verbrecherische Clique an der Macht zu halten.

Seliger ging es aber nicht nur um Sinn und Unsinn des Krieges. Er wollte außerdem darstellen, mit welchen Problemen und Gefühlen die Soldaten sich auseinandersetzen müssen. "Es wurden Gefechte geführt, die seit 1945 nicht mehr geführt werden mussten", erklärte der Journalist. Die politische und militärische Führung mag teilweise immer noch nicht sehen, dass sich das Militär mitten in einem Guerillakrieg befindet - teilweise sogar ohne ausreichend Munition, so Seliger weiter. Ohnehin sei es für die Soldaten bitter, dass Politik und Gesellschaft sie zwar in einen Krieg schicken, ihnen aber nicht zuhören wollten. Es interessiere niemanden, dass der Einsatz am Hindukusch jeden nachhaltig verändere. "Wir haben aber die verdammte Pflicht, uns um die Soldaten zu kümmern, wenn wir sie dorthin schicken", betonte der Journalist.

Seliger berichtete auch von eigenen traurigen Erfahrungen. So schrieb er die Geschichte eines Sanitäters auf. Wenige Wochen nach dem Treffen mit dem Journalisten wurde dieser von einem Selbstmordattentäter getötet. In seinem Buch schildert der Autor außerdem, wie ein Soldat den Tod eines Kameraden dessen Freundin mitteilte. "Die Bundeswehr musste lernen, wie Angehörige informiert werden", sagte Seliger.

Das Fiasko in Afghanistan komme für jemanden, der sich mit der Geschichte des Landes beschäftigt habe, nicht überraschend, sagte er. Das sei aber vor dem Beginn des Afghanistan-Einsatzes Ende 2001 offenbar unterlassen worden. "Die Politik hielt das für die Aufgabe der militärischen Führung und die erklärte, das müsse die Politik übernehmen", so der Autor.

Von dem Vortrag waren die Besucher beeindruckt. "Es ist uns wichtig, dass auch einmal die Gefühlswelt der Soldaten dargestellt wird", sagte Oberst Klaus Kuhle, Standortkommandeur der Unteroffizierschule, zu den Ausführungen Seligers.

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erstellt am 01.Aug.2013 | 03:14 Uhr

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