zur Navigation springen
Pinneberger Tageblatt

15. Dezember 2017 | 22:51 Uhr

„Die Gefahr liegt im Alltag“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit den Leitern des „Freundeskreis für Suchtkranke“ in Rellingen, Annette Ebert und Jürgen Behnke

shz.de von
erstellt am 01.Dez.2013 | 16:04 Uhr

Seit 33 Jahren gibt es den Freundeskreis für Suchtkranke in Rellingen, eine Selbsthilfegruppe für suchtkranke Menschen, in erster Linie aber für Alkoholiker. Im Sonntagsgespräch erklären Gruppen-Leiterin Annette Ebert und Gründer Jürgen Behnke, warum alltägliche Sorgen für sie gefährlicher als Schicksalsschläge sind.

Wie sind Sie zum Freundeskreis für Suchtkranke gekommen?
Jürgen Behnke: Ich habe die Gruppe im Oktober 1980 gegründet, weil es in Rellingen damals keine Hilfsangebote gab. Vorher hatte ich mich zu Hause nach zehn Jahren Alkoholismus selbst entgiftet. Ich wollte nämlich nicht ins Pinneberger Krankenhaus. Die Angst, dass mich dort jemand kennt, war zu groß. Da ich vorher vom Suchtberater nicht informiert wurde, wie die Entgiftung ablaufen muss, fiel ich ins Delirium und hätte in der Folge sterben können.
Annette Ebert: Ich bin selbst Alkoholikerin und habe eine Langzeittherapie in einem Drogenhaus im Westerwald gemacht. Das war für mich als Hausfrau und Mutter von zwei Kindern eine entsetzliche Erfahrung. Nach einem schlimmen Rückfall bin ich vor 13 Jahren in die Rellinger Gruppe gekommen und habe vor drei Jahren die Leitung übernommen.
Was bringen Ihnen die Treffen?
Ebert: Ich erfahre sehr viel über mich selbst und lerne, gelassener zu leben. Als Leiterin versuche ich die Menschen dort abzuholen, wo sie sind und nicht wo ich sie haben will. Niemand muss Angst haben, dass etwas nach außen dringt. Alles, was in der Gruppe gesprochen wird, bleibt in der Gruppe.
Wie hat sich die Sucht täglich ausgewirkt?
Behnke: Es war grauenhaft. Ein Grund für meine Sucht war der Druck in meinem Job, mit dem ich nicht klar kam. Eine kleine Flasche Cognac am Morgen war für mich eine Erleichterung. Dabei blieb es nicht. Fünf Jahre lang habe ich den Alkohol wie Wasser in mich reingeschüttet. Das hat mich zwei Mal den Arbeitsplatz gekostet. Zudem wollte mich meine Frau verlassen. Ich musste etwas für mich trun.
Ebert: Meine Eltern hatten einen Gastronomiebetrieb und deshalb war Alkohol für mich nichts Ungewöhnliches. Als meine beiden Kinder zur Welt kamen, war ich überfordert und fing an zu trinken. Dadurch fiel mir alles leichter. Zwei Jahre lang ging das so. Dann machte ich eine Therapie und habe danach mein Leben wieder gut in den Griff bekommen. Zwölf Jahre später fing ich aber aus Leichtsinn wieder an zu trinken und als dann meine Mutter schwer krank war, wurde es wieder richtig schlimm. Alles, was uns Alkoholiker belastet, kann dazu führen, dass wir wieder zur Flasche greifen. Seit 13 Jahren bin ich nun wieder trocken und weiß: Wer die Grenze einmal überschritten hat, kann nicht mehr kontrolliert trinken.
Behnke: Alkoholiker bleibt man ein Leben lang.
Wie kann der Freundeskreis helfen?
Ebert: Anfangs hat einem der Alkohol ja nach eigenem Empfinden sogar gut getan und ist sozusagen ein Werkzeug oder Hilfsmittel, um Probleme zu lösen. In der Gruppe suchen wir gemeinsam nach anderen Werkzeugen, um mit Hindernissen fertig zu werden.
Behnke: Wichtig ist, über die kleinen Probleme zu sprechen und einfach mal darüber zu reden, was einen bedrückt. Es hilft außerdem enorm, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Wir sind ja sozusagen eine Art Schicksalsgemeinschaft.
Haben Sie Angst, in Zukunft nochmals rückfällig zu werden?
Behnke: Ich lege für mich nicht die Hand ins Feuer, auch wenn ich trotz einiger Schicksalsschläge in den vergangenen Jahren nicht rückfällig geworden bin.
Ebert: Meistens sind es nicht die Schicksalsschläge, sondern die stetigen Sorgen, die gefährlich sind. Ärger mit dem Chef, Streit mit dem Ehepartner, das Kind läuft aus dem Ruder – solche Probleme können wieder zum Griff zur Flasche führen. Es sind die Kleinigkeiten, die zermürben. Ich selbst habe aber jetzt keine Angst mehr, rückfällig zu werden, aber der Respekt vor dem Alkohol ist immer da.
■ freundeskreise-sucht-sh.de

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen