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Pinneberger Tageblatt

18. Dezember 2017 | 02:57 Uhr

Serie: Unser Glaube : Die Evangelische Kirche

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Demographischer Wandel macht der evangelischen Kirche zu schaffen. Pinneberger Luthergemeinde hält mit Engagement dagegen.

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2015 | 14:00 Uhr

Pinneberg | Manche entnehmen ihr Bibelwissen aus amerikanischen Animationsfilmen wie „Der Prinz von Ägypten“. Einige entscheiden sich gegen die Konfirmation oder die Institution Kirche. Und der demographische Wandel ist nirgends so anschaulich nachzuempfinden wie in den sonntäglichen Gottesdiensten: Die evangelische Kirche hat es in diesen Tagen nicht leicht. Für den Pastor der Pinneberger Lutherkirchengemeinde Harald Schmidt (46) mit 4500 Mitgliedern ist das aber kein Grund zur Panik. Er sieht trotz allem: „Wir sind eine bunte Gemeinde, in der viele Menschen aktiv sind – in einer geistlichen Spannweite.“ Er spricht von Menschen, zu denen eine große Frömmigkeit gehört, und von denen, die ganz praxisnah mit anpacken oder einfach auch die zahlreichen Angebote der Kirchengemeinde nutzen.

Zum regelmäßigen Programm gehören etwa Meditation, bibelorientierte Gesprächskreise, der Spielenachmittag für ältere Menschen, die Tanzgruppe, der Gospelchor, das Vokalensemble, Angebote der Frauenhilfe sowie Kinder- und Jugendgruppen. Eine Zusammenarbeit existiert auch mit der Pinneberger Tafel. „Für mich hat Kirche den Auftrag, Menschen verständlich zu machen, dass wir an einen liebenden Gott glauben, vor dem wie keine Angst haben müssen, der stärkt“, sagt Schmidt. „Luther hatte nichts anderes als einen geistlichen Burnout. Er wollte nicht immer Panik haben, nicht genug zu tun, Angst vor Strafe oder Versagen haben zu müssen.“

Schmidt weiß: „Es gibt einen großen Druck von außen nach dem Motto: ‚Du musst mehr machen.‘ Der eigene Perfektionsdrang führt zu innerem und äußerem Druck. Wo gibt es das denn noch, dass jemand sagt: ,Hey, du bist okay. Lass dir von diesem Druck nicht das Lebensfundament unter den Füßen wegziehen.‘“ Schmidt sieht darin Beginn und Zukunft der evangelischen Kirche: „Da liegen unsere Wurzeln. Die Ideen der Reformation tragen mich bis heute.“

„Die evangelische und katholische Kirche leben in volkskirchlichen Strukturen. Sicherlich kennen wir nicht jeden Menschen persönlich. Es gibt eine Kerngemeinde, die regelmäßig den Gottesdienst besucht und in vielen Gruppen aktiv ist. Sonst begegnen wir ihnen punktuell zur Taufe, Hochzeit, bei Geburtstagsbesuchen älterer Mitbürger und in der Trauer.“ Das seien Begegnungen, aus denen manchmal mehr wachsen könne. Es sei eine Chance, Kontakt zu sehr vielen Menschen zu haben und mache die Hemmschwelle der Kontaktaufnahme gering, sagt der Pastor.

Erbaut wurde die Kirche bereits 1954. Die Kirchengemeinde ist seit 1960 selbstständig und feiert am 5. Juli ihren 55. Geburtstag mit einem großen Gemeindefest. Die kirchliche Verbundenheit im „Nachkriegsstadtteil“ der Luthergemeinde sei groß, aber unterschiedlich ausgeprägt. Dazu gehören viele kirchennahe Menschen aus Schlesien, West- und Ostpreußen, aber auch Menschen, die aus Hamburg oder den neuen Bundesländern zuziehen, wo eine Kirchenzugehörigkeit nicht so selbstverständlich sei. Zwischen 70 und 90 Gottesdienstbesucher nähmen regelmäßig sonntags um 11 Uhr auf den Kirchenbänken Platz. „Man freut sich über jeden, der kommt. Als Gemeinschaft zusammenzufinden, darauf kommt es an.“

Schmidt sagt: „Insgesamt werden wir schon weniger. Das hat schon mit der rein demographischen Entwicklung zu tun. Die spüren wir sehr deutlich.“ Auch sei die Zugehörigkeit zur Kirche nicht mehr so selbstverständlich oder Menschen möchten nicht mehr Mitglied der Institution Kirche sein. „Ich vermute, dass es eine stärkere Verschiebung geben wird, dass Spenden anstelle von Mitgliedsbeiträgen fließen.“ Das schränke natürlich die Planungssicherheit ein. „Ich empfinde Zwiegespaltenheit bei Menschen. Sie brauchen diese Institution irgendwie, aber die Bereitschaft für verbindliche Verantwortung nimmt nicht unbedingt zu.“ Schmidt erkennt: „Oft entdecken Menschen in Krisensituationen, dass Kirche eine Ort ist, den man braucht. Nach dem schrecklichen Flugzeugabsturz in Frankreich, da finden auch Menschen, die von der Institution sehr weit weg sind, ein Rest Hoffnung sowie Raum und Zeit, um Trauer auszudrücken.“

Die Mitgliederzahlen der evangelischen Kirche im Kreis Pinneberg lagen 2014 bei zirka 115000, teilten die Kirchenkreise Hamburg West-Südholstein und Rantzau-Münsterdorf mit. Das sind mehr als ein Drittel der etwa 302 500 Einwohner des Kreises. „Wir haben in ganz Schleswig-Holstein hohe Mitgliederzahlen. Je ländlicher, desto mehr Mitglieder“, sagte Natalie Lux, Sprecherin des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf. Doch seien die Zahlen durch Austritte und Todesfälle rückläufig.

Schmidt sagt: „Ich glaube, dass Gottesdienste schon ein Angebot sind, das sich an viele Generationen richtet. Man muss sie nur kennenlernen, reinwachsen.“ Kenntnisse der Rituale und Gebete seien nicht mehr so allgegenwärtig.

„Die Jugendlichen entscheiden sich heute sehr bewusst dafür, zum Konfirmandenunterricht zu gehen. Das ist längst nicht mehr die Mehrheit in einer Klasse. Da hat sich etwas verändert. Natürlich gibt es auch die Freude auf ein großes Fest, bei dem man reich beschenkt wird. Aber das steht nicht mehr allein im Mittelpunkt“, sagt Schmidt. Ein bis zwei Jugendliche pro Jahrgang, die am Konfirmandenunterricht teilnehmen, entschieden sich letztendlich gegen die Konfirmation und damit dagegen, nach der Taufe persönlich „Ja“ zum Glauben zu sagen. „Wir helfen auch, wenn Gespräche darüber mit den Eltern schwierig werden. Glaube und Entscheidung sind immer miteinander verbunden.“

Auf die Frage nach der Bibelfestigkeit der Kirchenmitglieder von heute sagt Schmidt: „Fundierte Bibelkenntnisse sind nicht mehr so da. Viele Menschen beziehen ihr Wissen aus anderen Quellen wie einer Moses-Verfilmung zum Beispiel. Manchmal sind solche Filme gut erzählt, manchmal Quatsch. Darüber kommt man aber ins Gespräch.“ Für ihn ist die Bibel der Maßstab. Diese sei nicht immer ganz leicht zu verstehen, wenn man keine moderne Übersetzung habe. „Für mich ist die Bibel das Buch, um herauszufinden, mit was für einem Gott ich es zu tun habe und wie ich mein Leben gestalten kann, dass es im Einklang mit Gott und den Menschen steht.“

3000 Jahre biblische Geschichten

Die biblischen Geschichten seien teils 3000 Jahre alt. Eins zu eins ließe sich das nicht auf die heutige Gedankenwelt übertragen. „In der Bibel begegnet mir Gottes Wort, aber ich muss mir die Mühe machen, mich damit auseinanderzusetzen.“ Die „Frömmigkeitsstile“ in der Gemeinde seien unterschiedlich, so Schmidt. „Das hängt manchmal auch von der Lebenssituation ab. Manchmal kann einem ein frommer Lebensstil Halt geben. Manchmal hindert er einen daran, Dinge auszuprobieren.“

Die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche entsteht automatisch durch die Taufe. „Wir verstehen uns aber als offene Gemeinde und kontrollieren keine Tickets am Eingang“, sagt Schmidt scherzhaft. „Es gibt auch Erwachsene, die sich für die Taufe entscheiden.“ Pastoren treffen sich mit ihnen, um ihnen den Glauben zu erklären.

Wer austreten wolle, könne das jederzeit auf dem Standesamt regeln. „Wenn jemand vorher mit mir sprechen will, freue ich mich zu erfahren: ‚Was ist der Grund?‘“ Er erläutert: „Mir tut es um jeden Menschen leid, der geht, aber ich muss Respekt vor jedem haben, der auch diese Entscheidung trifft.“ Rausgeschmissen wird niemand. Aber Schmidt betont: „Ich würde sicherlich sehr ernsthaft ins Gespräch gehen, wenn jemand menschenverachtend auftritt.“

Zum Thema Homosexualität sagt er: „Es hat eine lange Debatte gegeben, aber wir sind zumindest in Norddeutschland an einen Punkt gekommen, der ziemlich große Offenheit ermöglicht. Es besteht die Möglichkeit, dass Paare gesegnet werden. Es gibt homosexuelle Pastoren.“

Schmidt ist ein Fan der Ökumene. Es gebe eine wunderbare Vernetzung mit der katholischen Kirche und den Baptisten am Fahlt. Kontakte beständen außerdem zur muslimischen und jüdischen Gemeinde. Schmidt sagt: „Ich finde es positiv, dass wir in einer Zeit leben, in der Unterschiede nicht mehr so betont werden müssen.“

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