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Das Sonntagsgespräch : „Die Bürokratie wird immer mehr zum Problem“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Gerhard Renner (Kreisvorsitzender des Sozialverbands).

Kreis Pinneberg | Gerhard Renner ist seit dem vergangenen Jahr Kreisvorsitzender des Sozialverbands (SoVD). Im Sonntagsgespräch erklärt er unter anderem, was sich in der Rentenpolitik ändern muss.

Wieso ist die Arbeit des Sozialverbands so wichtig?
Ich sehe unsere Erfolge mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich, dass unsere Mitgliederzahlen beständig wachsen. So haben wir im Kreis derzeit 21 Ortsverbände und 12.500 Mitglieder. Solche Zahlen erhöhen den Einfluss bei der Politik und helfen, etwas durchzusetzen. Mit einem weinenden Auge sehe ich, dass es in unserem Land immer mehr Probleme gibt. Die meisten Menschen werden Mitglied des Sozialverbands, weil sie Hilfe beim Umgang mit den Behörden brauchen.

In welchen Bereichen ist Hilfe erforderlich?
Rentenbescheide, Schreiben der Krankenkassen, Pflegeeinstufungen, Grundsicherung im Alter – das Themenfeld ist endlos. Wenn erforderlich, vertreten wir die Menschen auch vor den Sozialgerichten. Ich sehe in unserer Kreisgeschäftsstelle, dass diese Hilfe dringend gebraucht wird, da der Andrang immer größer wird und personell für uns kaum noch zu bewältigen ist.

Hat sich die Arbeit des Sozialverbands in den vergangenen Jahren gewandelt?
Auf jeden Fall. Die Behörden gehen sehr viel strenger mit denen um, die Rat und Hilfe suchen. Auch die zunehmende Bürokratie wird immer mehr zum Problem. Ständig neue Richtlinien und Gesetze erschweren die Arbeit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass da keiner mehr durchblickt. Deshalb werden die Menschen vermutlich häufig von der einen zur anderen Stelle und dann wieder zurück geschickt, weil keiner mehr weiß, wer überhaupt zuständig ist. Es sind wirkliche Dramen und Tragödien, die sich da abspielen.

Immer häufiger wird die drohende Altersarmut thematisiert. Wie wird sich die Situation nach Ihrer Auffassung entwickeln?
Die Altersarmut wird in den kommenden Jahren eines der größten Probleme werden. Sie ist jetzt schon da und wird sich weiter verschärfen. Ältere Menschen, die abends bei  Kerzenlicht sitzen, tun das nicht, weil es so romantisch ist. Sie haben Angst, dass sie die Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Das ist kein Wunder, wenn man sieht, wie sich die Renten entwickelt haben. Mitte der achtziger Jahre betrug das Rentenniveau 57 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Heute sind wir bei 48 Prozent. 2030 werden es voraussichtlich nur noch 43 Prozent sein. Ohne private Vorsorge wird keiner mehr über die Runden kommen. Erst recht nicht im Zeitalter von Teilzeitjobs und befristeten Arbeitsverhältnissen.

Wie kann gegengesteuert werden?
Wir brauchen mehr Solidarität. Höhere Einkommen und größere Erbschaften müssen höher besteuert werden. Das wird zwar immer noch nicht ausreichen, wäre aber zumindest ein Anfang. Außerdem muss wieder eine solidarische Sozialversicherung her. Es können nicht alle Lasten nur den Beitragszahlern und den Rentnern auferlegt werden. Auch dass bei steigenden Krankenkassenbeiträgen nur noch die Versicherten zur Kasse gebeten werden und die Beiträge der Arbeitgeber eingefroren wurden, halte ich für falsch.

Was muss sich in der Politik ändern?
Das Bemühen will ich niemandem absprechen. Das Denken reicht aber nur von Wahltag zu Wahltag. Dabei ist für die Renten eine langfristige Planung erforderlich. Wir leben schließlich in einem Sozialstaat und dazu gehört, dass die, die mehr haben für die einstehen, die weniger haben. Es kann nicht sein, dass immer nur eine bestimmte Klientel zur Kasse gebeten wird und Beamte und Selbstständige außen vor sind. Dabei stöhnen wir gerade wegen der zunehmenden Belastungen durch die Altersversorgung der Beamten.

Gerhard Renner (67) war vor seinem Ruhestand unter anderem Vorstandsmitglied der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und Bundesgeschäftsführer des Sozialverbands. Er ist auf Bundesebene  Vizepräsident des Sozialverbandes und seit 2014 auch Kreisvorsitzender. Renner wohnt in Uetersen, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
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erstellt am 01.Mär.2015 | 15:15 Uhr

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