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Erschreckende Entwicklung im Kreis Pinneberg : Die Bürger in der Region bewaffnen sich

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Zahl der Anträge explodiert. Die Polizei warnt vor Risiken. Verkäufer von Pfefferspray sagen: Kunden fürchten Kriminelle.

shz.de von
erstellt am 26.Jan.2016 | 12:15 Uhr

Kreis Pinneberg | Die Zahlen sind erschreckend: Während 2014 gerade einmal 51 Bürger einen kleinen Waffenschein beantragten, waren es 2015 bereits 111. Doch 2016 wird die Zahl um ein Vielfaches höher sein. Bis gestern beantragten 155 Bürger das Dokument, wie die Waffenbehörde der Kreisverwaltung auf Anfrage mitteilte. „Das Telefon klingelt fast durchgehend“, sagte deren Sprecher, Oliver Carstens.

Der kleine Waffenschein berechtigt dazu, Schreckschuss-, Gas- und Signalwaffen in der Öffentlichkeit zu tragen. Ausgenommen sind davon Veranstaltungen wie etwa Demonstrationen, Fußballspiele, Jahrmärkte und Kinobesuche. „Zu den Gründen können wir nichts sagen. Der Verwendungszweck muss nicht angegeben werden“, sagte Carstens.

 Hinweise gibt ein Verkäufer von Pfefferspray in Elmshorn: „Die Leute haben das Gefühl, der Staat tut nichts für ihre Sicherheit.“ Vor allem nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln hätten viele Kunden Reizgas gekauft. Die Polizei warnt vor einer Bewaffnung: Potenzielle Täter könnten sich provoziert oder bedroht fühlen und zu einem Angriff verleitet werden.

Das Geschäft boomt

Es ist ein kleines Geschäft in der Elmshorner Einkaufspassage CCH. „Stadtschuhmacher Maik Oltmann, Fachbetrieb seit 1931“ steht über dem Eingang. Doch außer Schuhcreme und Schnürsenkeln gibt es dort auch Softairwaffen und Pfefferspray zu kaufen. Und das Geschäft boomt.

„Früher habe ich vielleicht 20 Dosen Pfefferspray im Monat verkauft. Kürzlich gingen 60 Stück innerhalb von zwei Tagen weg. In ganz Deutschland ist alles ausverkauft“, sagt Inhaber Maik Oltmann. Bereits im vergangenen Herbst habe die Nachfrage zugenommen. „Aber im Januar ist sie nochmal deutlich größer geworden.“ Das Klientel sei gemischt, bei Alter und Geschlecht gebe es keine Unterschiede. „Das geht durch die Bank“, sagt Oltmann.

Der Geschäftsmann aus Elmshorn hat auch sogenannte Softairwaffen im Angebot. Das sind täuschend echt aussehende Nachbauten echter Waffen, die mit Druckluft etwa Kunststoffkugeln verschießen. Sie können, je nach Kategorie, bereits von 14-Jährigen gekauft werden. „Bei diesen Waffen habe ich bisher keinen Anstieg der Verkaufszahlen festgestellt. Das ist eher saisonabhängig und zieht im Sommer an“, sagt Oltmann. Für Softairs braucht man keinen Waffenschein. Sie dürfen nur auf dem eigenen Grundstück oder in der eigenen Wohnung benutzt und in der Öffentlichkeit nicht getragen werden.

Händler: Die Leute haben Angst

Und was ist der Grund für den Boom beim Pfefferspray? „Die Leute haben Angst. Sie haben das Gefühl, der Staat tut nichts für ihre Sicherheit. Und sie glauben, die Medien verschweigen einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und Kriminalität“, sagt Oltmann. Seine Kunden seien entweder selbst von Gewalt und Einbrüchen betroffen oder sie wüssten durch Hörensagen von Fällen aus der Nachbarschaft. Statistisch beweisbar ist ein Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Kriminalitätsrate nicht.

Dass die Menschen in der Region Pinneberg massiv aufrüsten, legen auch Zahlen der Kreisverwaltung nahe. Die Zahl der Anträge für einen kleinen Waffenschein ist explodiert. Waren es nach Angaben der Waffenbehörde im Fachdiensts für Sicherheit und Verbraucherschutz bis 2014 etwa 50 pro Jahr, kletterte die Zahl auf 111 im vergangenen Jahr. 2016 wird sie Rekordniveau erreichen: 31 kleine Waffenscheine wurden bis gestern erteilt, 124 Anträge sind in Bearbeitung. Insgesamt gibt es gut 1300 kleine Waffenscheine. Das Dokument braucht, wer außerhalb der eigenen Wohnung, der eigenen Betriebsräume oder des eigenen Grundstücks eine Schreckschuss-, Gas-, oder Signalwaffe bei sich tragen will. Die betroffenen Waffen haben das Zulassungszeichen „PTB“. Wer eine derartige Waffe ohne gültigen Schein bei sich trägt, kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden.

„Seit Anfang des Jahres ist das Interesse besonders groß. Das Telefon klingelt fast durchgehend“, sagt Oliver Carstens, Sprecher der Kreisverwaltung. „Klientel und Altersstruktur sind gemischt. Die älteste Anruferin war 76 Jahre alt.“ Die kleinen Waffenscheine sind vergleichsweise leicht zu bekommen. Der Nachweis besonderer Sachkunde, wie er etwa für Jagd- und Sportwaffen nötig ist, wird nicht verlangt. Lediglich persönliche Daten wie Alter, Name, Anschrift und Beruf sind anzugeben. Außerdem müssen Fragen nach Aufbewahrungsart und „körperlichen“ sowie „geistigen“ Mängeln beantwortet werden. Mit seiner Unterschrift bestätigt der Antragsteller, die Waffen nach geltendem Recht aufzubewahren.

 

„Die Hürden für den kleinen Waffenschein sind relativ niedrig. Wir lehnen vielleicht eine Hand voll Anträge ab“, sagt Carstens. Wer Haus und Hof mit der Waffe nicht verlässt, braucht zudem keinen Waffenschein für Schreckschusspistolen. Auch für den Kauf ist er nicht nötig. Wie viele Schreckschusswaffen im Umlauf sind, ist nicht bekannt. „Sie müssen nach dem Kauf nicht angemeldet werden“, sagt Carstens.

Die Polizei warnt unterdessen vor einer Bewaffnung der Bürger zur Selbstverteidigung. Sie könnte die Gefahr für die Bürger sogar erhöhen: „Das Zeigen einer Waffe kann provozieren, Notwehrsituationen könnten falsch eingeschätzt werde“, sagt Silke Westphal von der Polizeidirektion Bad Segeberg auf Anfrage. So könnten potentielle Täter erst recht zu einem Angriff verleitet werden.

Ein Risiko bestehe auch darin, dass entrissene Waffen gegen ihren Besitzer gerichtet werden könnten. Zur Wirkung sagt Westphal: „Bei PTB-Waffen treten heiße Gase mit hohem Druck aus dem Lauf. Sie können aus nächster Nähe erhebliche Verletzungen im Gesicht hervorrufen.“

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