Wochenserie: Neue Heimat : „Die Brötchen gibt’s beim Bäcker“

Grundkurs Deutsch: Altin, Mustafa und Mitra (von links) machen mit Lehrerin Isabell Münzenberg die ersten Schritte in der fremden Sprache. In 100 Unterrichtsstunden sollen sie Alltagsbegriffe und die deutsche Kultur kennenlernen.
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Grundkurs Deutsch: Altin, Mustafa und Mitra (von links) machen mit Lehrerin Isabell Münzenberg die ersten Schritte in der fremden Sprache. In 100 Unterrichtsstunden sollen sie Alltagsbegriffe und die deutsche Kultur kennenlernen.

Junge Flüchtlinge im Kreis Pinneberg lernen in einem Staff-Kurs Sprache und Kultur Deutschlands kennen.

shz.de von
27. Juli 2015, 12:00 Uhr

Pinneberg | Die Zitrone, das Brot, der Käse: Mitra schreibt und spricht. Spricht und schreibt. Jedes neue Wort saugt sie auf wie ein Schwamm. Mit acht anderen Flüchtlingen sitzt sie in einem Sprachkurs. Sie alle wollen Deutsch lernen. Die Sprache ihrer neuen Heimat.

Mitra ist Christin. Eine Christin aus dem Iran. Weil viele Christen in dem Mullah-Regime unter Repressionen und Verfolgung leiden, ist Mitra vor etwa sechs Monaten nach Deutschland gekommen. Ihre Familie hat die 24-Jährige im Iran zurückgelassen.

Sprache ist der Schlüssel zu Land und Leuten. Deswegen gibt es seit Ende 2013 auch Sprachkurse für diejenigen unter den Flüchtlingen, deren Asylantrag noch von den Behörden geprüft wird. „Menschen ohne Aufenthaltsstatus“ heißt das im Amtsdeutsch. Das Land hat die Kurse „Staff.SH“ getauft. Das steht für „Starterpaket für Flüchtlinge in Schleswig-Holstein“. Die Volkshochschulen organisieren die Kurse, in Pinneberg zusammen mit dem Diakonieverein Migration. Kreisweit gibt es derzeit zwei Kurse in Pinneberg, einen in Elmshorn und einen in Halstenbek. Bei einer maximalen Teilnehmerzahl von 15 bis 20 sind das maximal 100 Plätze. Dabei kommen fast wöchentlich etwa 100 neue Flüchtlinge in den Kreis Pinneberg.

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Deutschlehrerin Isabell Münzenberg klemmt Zettel mit Bildern von Lebensmitteln an eine Magnetwand. Mitra und ihre Mitschüler sollen sie zu Gruppen sortieren. Mitra pinnt eine Zitrone neben Brokkoli und Weißkohl. „Sind Sie sich sicher? “, fragt Münzenberg. „Ah, das ist ja Obst“, sagt Mitra und verschiebt die kleine Zitrone.

Der Kurs hat vor etwa vier Wochen begonnen. Das Deutsch der Schüler ist schon erstaunlich gut. Sie können sich selbst vorstellen. Mokhtar aus Afghanistan hat sogar eine geschliffene Entschuldigung parat, warum er am Morgen zu spät war: „Der Bus ist nicht gekommen. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren.“ Viele der Schüler sind gut ausgebildet, sind Akademiker. „Ich spreche bereits vier Sprachen. Deutsch zu lernen, fällt mir leicht“, sagt der Syrer Jiwan (25), der in Damaskus englische Literatur studiert hat. Der Albaner Mustafa (24) hat in seinem Heimatland Informatik studiert. Er sagt: „Als ich hier ankam, konnte ich kein einziges Wort. Jetzt lerne ich schnell.“

Auf dem Lehrplan stehen Ernährung, Gesundheit und medizinische Versorgung

Die Flüchtlinge lernen in den Staff-Kursen Alltagsbegriffe. Es geht um Ernährung, Gesundheit, medizinische Versorgung, die Schulpflicht von Kindern und berufliche Orientierung. Ein Kurs umfasst 100 Unterrichtsstunden. „Das ist viel zu wenig“, sagt Karen Fischer vom Diakonieverein Migration. Sie ist für Sprachkurse zuständig. Ein regulärer Integrationskurs für Flüchtlinge mit Aufenthaltstitel und andere Ausländer umfasst dagegen 660 Stunden. Und die Plätze in den Staff-Kursen reichen hinten und vorne nicht. „Ich habe eine lange Warteliste. Wie viele es genau sind, kann ich gar nicht sagen. Es dürften deutlich mehr als 300 sein“, sagt Fischer.

Jiwan aus Syrien.
Jiwan aus Syrien.

„Ein weiteres Problem ist, dass es nach dem Staff keine Anschlusskurse gibt“, sagt Fischer. Immerhin habe sich aber die finanzielle Situation der Neubürger verbessert. „Vor ein paar Jahren konnten die sich nicht einmal Busfahrkarten leisten. Einige sind damals eine Stunde lang zu Fuß gelaufen, um an Kursen teilnehmen zu können“, erinnert sich Fischer. Für sie ist klar: Es kann nicht genug Kursteilnehmer geben. „Warum soll man einen ausgebildeten Elektriker in das Kosovo zurückschicken? Wir brauchen diese Leute. Manche bekommen einen Ausbildungsplatz, wenn sie einen sicheren Aufenthaltsstatus haben. Und die Unternehmen suchen nicht nur Akademiker“, sagt Fischer.

Mitra macht gute Fortschritte, so das Urteil ihrer Lehrerin. Die Iranerin selbst sagt über sich: „Manchmal ist der Unterricht stressig. Aber es klappt ganz gut.“ Der Raum, in dem die Gruppe büffelt, ist hell und freundlich. Große Fenster lassen viel Licht herein. Die Möbel sind gepflegt und auf den Tischen stehen kleine Töpfe mit Blumen.

Dreimal in der Woche kommen die Schüler in das frisch sanierte Vereinsheim des VfL Pinneberg. Der Sportclub arbeitet mit der Diakonie zusammen. „Früher hatten wir verschiedene Eingänge für unterschiedliche Abteilungen. Heute kommt jeder erst einmal in ein großes Foyer“, sagt VfL-Geschäftsführer Uwe Hönke. „Der Eingang soll ein Ort der Begegnung sein. So laufen sich auch Flüchtlinge und Deutsche über den Weg.“ Ziel sei auch, Flüchtlingen den Weg in den Vereinssport zu ebnen. „Sport verbindet. So funktioniert Integration von ganz allein“, sagt Hönke.

Die Schüler schreiben eine Einkaufsliste

Die Schüler sollen auch mit deutschen Gewohnheiten vertraut werden. Isabell Münzenberg hat eine neue Aufgabe für ihre Schützlinge. Sie sollen eine Einkaufsliste schreiben und sagen, wo sie die Lebensmittel besorgen wollen. „Die Brötchen gibt es beim Bäcker“, ist ihr Tipp. Mokthar hat begriffen: „Ich gehe in die Metzgerei und kaufe Lammfleisch.“ Die anderen holen Gemüse auf dem Markt oder Süßigkeiten im Supermarkt. Es ist zu spüren, dass sie freiwillig da sind. Ihre Blöcke sind vollgeschrieben. Sie flüstern vor sich hin, wiederholen jedes neue Wort bis es halbwegs sitzt.

Mitra aus dem Iran
Mitra aus dem Iran

Immer wieder wird Münzenberg mit der Vergangenheit ihrer Schüler konfrontiert. „Sie haben ihre Familien zurückgelassen. Ein junger Syrer hat mir erzählt, welche Sorgen er sich macht. Seine Verwandten gehören zu einer christlichen Minderheit. Sie rufen ihn täglich an. Er soll hier bei den Kirchengemeinden Hilfe organisieren. Er hat Angst und er steht unter Druck“, sagt Münzenberg. Die kulturellen Unterschiede spielten dagegen kaum eine Rolle. „Alle sind sehr höflich und gehen rücksichtsvoll miteinander um.“

Die Lehrerin verteilt Hausaufgaben: Verben üben. Verben üben? Mokthar hat andere Sorgen: „Ich warte auf den Sommer. Wann kommt der Sommer?“ Mitra packt ihre Tasche und geht mit einem freundlichen „Tschüss“. Morgen wird sie wiederkommen, um Deutsch zu lernen. Die Sprache ihrer neuen Heimat.

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