DAS SONNTAGSGESPRÄCH : „Die Betreuung würde ohne uns zusammenbrechen“

Claudia Plötz hat die Interessengemeinschaft Kindertagespflege im Jahr 2014 gegründet.
Claudia Plötz hat die Interessengemeinschaft Kindertagespflege im Jahr 2014 gegründet.

Interview: Heute mit Claudia Plötz, Interessengemeinschaft Kindertagespflege.

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29. Januar 2017, 12:30 Uhr

Moorrege | Claudia Plötz ist Sprecherin der 2014 ins Leben gerufenen Interessengemeinschaft Kindertagespflege im Kreis Pinneberg. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, warum sie sich eine größere Lobby für die Tagespflege wünscht und weist auf Missstände im Kreis hin.

Was war der Grund dafür, eine Interessengemeinschaft ins Leben zu rufen?
Die Interessengemeinschaft wurde ins Leben gerufen, weil es im Kreis Pinneberg viele Probleme und offene Fragen gab. Bei meiner ersten Auseinandersetzung mit dem Kreis ging es darum, dass dieser die gesetzlich vorgeschriebenen 50 Prozent der Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung nicht übernehmen wollte. Deswegen reichte ich 2009 Klage ein und stellte schnell fest, dass nicht nur in Sachen Rente Nachbesserungen erforderlich sind.

In welchen Bereichen gab es noch Probleme?
Zwischen 2009 und 2014 wurde den Eltern in Beratungsgesprächen bei den für die Tagespflege zuständigen Familienbildungsstätten erklärt, dass sie die Tagespflegepersonen vollständig bezahlen müssen. Den Tagespflegepersonen wurde verdeutlicht, dass sie ihre Forderungen vollumfänglich an die Sorgeberechtigten zu richten haben. Dabei hätten die Familien einen Rechtsanspruch auf öffentliche Förderung gehabt. Dafür sind umfangreiche Mittel von Bund und Land geflossen. So haben die Eltern mehr bezahlt, als sie mussten.

Sind Sie mit den aktuellen Regelungen zufrieden?
Nein. Deshalb beklagen wir auch die aktuelle Tagespflege-Satzung des Kreises. Unser Ziel ist, die tatsächlichen Rechtsansprüche durchzusetzen - sowohl für die Familien als auch für uns.

Was wünschen Sie sich vom Kreis?
Eine ausreichende Personalausstattung, damit die Arbeit nicht durch administrative Verzögerungen unnötig erschwert wird. Derzeit leiden Kommunen, Eltern und Tagespflegepersonal darunter, dass der Kreis mit der Arbeit nicht hinterher kommt. In benachbarten Regionen Schleswig-Holsteins gibt es auch ein Bildungsbudget für die Kindertagespflege. Aus dem Kreis habe ich noch keine Zahlen gesehen, die zeigen, wieviel Geld für Qualifizierung in der Tagespflege zur Verfügung gestellt wird. Dabei gilt der Bildungsleitfaden des Landes nicht nur für die Kitas, sondern auch für uns.

Welche Bedeutung hat die Kindertagespflege im Kreis?
Vielen ist gar nicht bewusst, dass ohne uns die Betreuung zusammenbrechen würde und wir uns um Kinder in allen Altersgruppen kümmern. Zum Jahresende werden etwa 1550 Betreuungsverhältnisse in der Kindertagespflege erwartet. Es geht also nicht ohne die Tagespflege. Sie ist zwar unverzichtbar, hat aber nur eine geringe Lobby.

Woran liegt das?
Wir finden in der Öffentlichkeit, zumindest in der Metropolregion, so gut wie gar nicht statt. Auf Kreisebene werden wir kaum Verbesserungen erzielen. Deshalb versuchen wir, einen Landesverband auf die Beine zu stellen. Dazu kommt, dass das Land nur auf die Kitas fokussiert ist. Der Kreis suggeriert den Sorgeberechtigten, dass eine öffentliche Förderung nur möglich ist, wenn Voranmeldungen in allen Krippen vorgelegt werden. Wir sind nur die Reservebank - und das in fast ganz Schleswig-Holstein.

Was hat die Interessengemeinschaft schon erreicht, um das zu ändern?
Die Interessengemeinschaft hat mehrere große Meilensteine erreicht. Wir werden inzwischen von den Medien wahrgenommen und finden auch im Jugendhilfeausschuss des Kreises Gehör. Auch untereinander sind wir wesentlich besser vernetzt. So findet beispielsweise an jedem zweiten Mittwoch des Monats ab 19.30 Uhr im Pinneberger Restaurant Mondea ein Stammtisch statt. Außerdem haben Kindertagespflegepersonen und Eltern eine Normenkontrolle beim Oberverwaltungsgericht (OVG) und weitere Klagen beim Verwaltungsgericht in Schleswig durchgesetzt. Die Tagespflege-Satzung des Kreises wurde bis 2014 für ungültig erklärt. Das OVG hat allerdings noch nicht festgelegt, was im Detail geändert werden muss. Deshalb wird es Folgeklagen geben. Es geht unter anderem um zu niedrige Stundensätze, gering beziehungsweise gar nicht bezahlte Ausfallzeiten, zu hohe Elternbeiträge und das nicht vorhandene freie Wunsch- und Wahlrecht der Eltern.

Lohnt es sich, in die Tagespflege zu gehen?
Eine Kindertagespflegeperson betreut gemäß Pflegeerlaubnis maximal fünf Kinder gleichzeitig. Wenn Voraussetzungen wie der richtige Wohnort und die Ausstattung der Räume gegeben sind, kann man davon leben. Wer dem Leistungsdruck nicht gewachsen ist, geht unter. Jedem muss bewusst sein, dass sich die Tätigkeit nicht auf die Arbeit mit den Kindern beschränkt. Wenn man Qualität anbieten möchte, ist der administrative Aufwand enorm.

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