Ein Neuanfang in Pinneberg : Die aufregendste WG der Stadt

Kickerkönig Ibrahim (17) im grünen T-Shirt gewinnt mit seinem Mitspieler Ali (17) gegen Maissam (17, l.) und Erzieher Tim Ragoschke.
Kickerkönig Ibrahim (17) im grünen T-Shirt gewinnt mit seinem Mitspieler Ali (17) gegen Maissam (17, l.) und Erzieher Tim Ragoschke.

Sie sind unter 18 Jahre alt und kamen allein nach Deutschland: Jetzt gilt es für die Sieben, sich für die Zukunft zu wappnen.

shz.de von
18. März 2017, 16:00 Uhr

Pinneberg | Nach der Schule wird erst einmal ein bisschen Kicker gespielt. Wie immer bleibt Ibrahim ungeschlagen. „Ja, ich gewinne fast immer“, sagt der Ägypter mit einem Lächeln und ohne falsche Bescheidenheit. Gemeinsam mit dem 17-jährigen Ibrahim nutzen noch sechs weitere Jungs den Kicker im Aufenthaltsraum. Sie alle leben gemeinsam in der ersten und einzigen Pinneberger Wohngemeinschaft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge.

Jeder hat ein eigenes Zimmer. Sie teilen Küche und Sanitärräume. Seit fünf Monaten proben sie das Zusammenleben unter WG-Bedingungen. Das klappt ganz gut. Nur die Mülltrennung erschließt sich der Mehrheit noch nicht in Gänze. Krach gibt es eigentlich nur, wenn die unterschiedlichen Toleranzschwellen in Sachen Ordnung und Sauberkeit aufeinandertreffen. Aber das kennt jeder, der schon einmal das Vergnügen hatte, in einer WG zu wohnen.

Problemlos ist das neue Leben für die jungen Flüchtlinge aus Ägypten, Afghanistan und Syrien trotzdem nicht: „Sie sind zwar schon fünf Monate bei uns, aber sie kommen erst jetzt langsam auch tatsächlich hier an. Ganz zaghaft beginnen sie auch einmal von ihren Familien und Herkunftsländern zu erzählen. Wir drängen sie nicht“, sagt Ruth Dorra.

Die Wohngruppenleiterin ist die Pädagogische Fachkraft und außerdem noch Deutschlehrerin. „Das ist natürlich gut. So kann ich den Jungs zusätzlichen Einzelunterricht geben. Das bringt am meisten.“ Die sieben Flüchtlinge gehen alle in Berufsintegrationsklassen der Berufsschulen in Pinneberg und Elmshorn. Sie können sich auf Deutsch verständigen, aber für eine Ausbildung reicht es noch nicht. In der Wohngruppe der Beruflichen Bildung im Deutschen Hausfrauenbund (DHB) bekommen sie wochentags von 7 bis 22 Uhr und am Wochenende jeweils sechs Stunden Unterstützung von insgesamt drei Erziehern, einem Sozialarbeiter, der Leiterin und zusätzlich sogar von einer Haushaltshilfe, die die Jungs in Teilzeit an hauswirtschaftliche Arbeiten heranführt. Nachts gibt es eine Rufbereitschaft. Kochen müssen sie selbst. Und einkaufen auch. „Jeder Jugendliche bekommt den normalen monatlichen Sozialhilfesatz und muss damit Kleidung, Kosmetika, Freizeitaktivitäten und Essen finanzieren“, erklärt Martina Goetz, Pinneberger Chefin der Beruflichen Bildung im DHB. Ein kleines Extra für den Frisör gibt es dazu. Außerdem werden regelmäßig Ausflüge angeboten. Erzieher Tim Ragoschke geht mit den Jugendlichen beispielsweise schwimmen: „Da gibt es gar keine Probleme.“ Und kürzlich ging es zu einem Basketball-Turnier nach Wilhelmsburg. Erste Kontakte zu gleichaltrigen Deutschen bahnen sich auch an. In der WG gab es vor einigen Tagen sogar Damenbesuch. „Aus der Schule kamen zwei Mädchen vorbei. Wir Betreuer haben uns benommen wie Eltern und sie bei Keksen ausgefragt“, lacht Dorra.

Sie sind unter 18 Jahre alt und kamen allein nach Deutschland: Jetzt gilt es für die Sieben, sich für die Zukunft zu wappnen.
Sabrina Lincke
Ruth Dorra (l.) und Heike Goetz im Gespräch über die geplante zweite Wohngruppe.

Ziel der Wohngruppe ist es, die jungen Männer in die Selbstständigkeit zu entlassen: „Die Flüchtlinge können bei uns bleiben, bis sie 21 Jahre alt sind. Dann sollten sie auf eigenen Beinen stehen, eine Ausbildung machen und gut Deutsch sprechen, damit ihnen die weitere Integration auch ohne unsere Hilfe gelingt“, so Ragoschke.

Für die berufliche Integration der Sieben ist Karl Strüber aktiv. Er hilft bei der Berufsfindung und Orientierung, knüpft Kontakte zu Arbeitgebern und führt lange Gespräche, um herauszubekommen, welche Vorbildung da ist. Die aktiven Schulzeiten der Jugendlichen in ihren Heimatländern belaufen sich durchschnittlich nur auf sechs bis sieben Jahre. Viele mussten arbeiten und haben teilweise harte Feldarbeit kennengelernt. Wie Ali, 17, aus Afghanistan. „Im Sommer haben wir auf dem Feld gearbeitet und im Winter war ich Klempner.“ Auch hier möchte er eine Ausbildung als Gas- und Wasserinstallateur beginnen. Nur das Lehrlingsgehalt macht ihm zu schaffen: „Man verdient drei Jahre wenig. Und hier ist alles so teuer.“

Ali leidet, seit er in Deutschland ist, unter Schlaflosigkeit. „Sobald ich mich hinlege, denke ich an meine Familie in Afghanistan, an meine Eltern und meine drei Schwestern und dann kann ich nicht mehr schlafen.“ Seinen Mitbewohnern geht es ähnlich. Ein bisschen Heimat bieten die Freitagsgebete in umliegenden Moscheen. „Unsere Jungs sind alle gläubige Moslems“, sagt Dorra. Einige beten fünfmal am Tag. Und sie trinken keinen Alkohol.“

Psychologische Hilfe wird angeboten, ist bisher von den WG-Bewohnern aber nicht angenommen worden. Was gut angenommen wird, ist die neue Möglichkeit, sich in der Hans-Claussen-Sporthalle donnerstags von 20 bis 22 Uhr bei Fußball, mit Seilen oder Geräten auszutoben.

Geburtstage als Herausforderung

Von den Betreuern gibt es nicht nur Freizeitangebote, sondern auch selbstgemachte Kuchen zum Geburtstag. „Das mit den Geburtstagen ist manchmal allerdings etwas schwierig“, sagt Dorra. „Da viele unbegleitete Flüchtlinge ohne Papiere einreisen, wird das Alter von der Ausländerbehörde eingeschätzt. Es gibt eine ärztliche Überprüfung des Handknochens und der Zahnstellung.“ Diese behördliche Festlegung des Geburtstages führte dazu, dass Ali und Maissam ihren 17. Geburtstag gemeinsam Silvester gefeiert haben.

Die Wohngruppe für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge ist bisher die einzige in Pinneberg. „Es besteht Bedarf für eine weitere“, so Goetz. „Die ist bereits in Planung.“ Anders als in Pinneberg bieten in Hamburg viele verschiedene Träger Plätze für Wohngruppen an. „Da gibt es richtige Konkurrenz“, sagt ein Insider, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Das ist ein gutes Geschäft. Für jeden Flüchtling bekommt der Träger rund 3000 Euro monatlich. Es kann dann schon mal passieren, dass ein Jugendlicher Bedingungen stellt und beispielsweise einen eigenen Fernseher im Zimmer haben will. Ansonsten droht er damit, zu einem anderen Träger zu gehen. Aber das sind dann doch Ausnahmen.“

Die zweite Wohngruppe in Pinneberg soll frühestens in einem halben Jahr starten. „Wir wollen erst einmal ein Jahr mit unserer WG Erfahrungen sammeln, ehe wir weitergehen“, sagt Goetz. Übrigens: In Pinnebergs Wohngruppe gibt es nur einen einzigen Fernseher im Aufenthaltsraum.

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