Dicke Luft statt sauberer Energie

Die Aidasol am mobilen Kran der Landstromanlage am Cruise Center Altona: Hier sind in diesem Jahr 19 Anläufe vorgesehen – wie oft hier aus Kostengründen der Dieselmotor angeworfen wird, ist unklar.
Die Aidasol am mobilen Kran der Landstromanlage am Cruise Center Altona: Hier sind in diesem Jahr 19 Anläufe vorgesehen – wie oft hier aus Kostengründen der Dieselmotor angeworfen wird, ist unklar.

Kreuzfahrer-Saison 2019 in Hamburg: Mehr Schiffsanläufe – weniger Landstrom und LNG

shz.de von
15. April 2019, 21:35 Uhr

Hamburg | Dicke Luft im Hamburger Hafen: Statt der angestrebten Reduzierung der Schiffsabgase droht ein Rekordjahr 2019 in Sachen Feinstaub, Ruß, Stickoxiden & Co., zumindest bei den Kreuzfahrtschiffen. Das liegt nach dem starken Wachstum der vergangenen Jahre zunächst einmal an der weiteren Zunahme der geplanten Schiffsanläufe auf 223 (Vorjahr: 212). Außerdem wird sich die Nutzung von Landstrom in Altona und auch von Liquified Natural Gas (LNG) in Steinwerder in engen Grenzen halten. Folge: Während der Liegezeiten im Hafen wird zum Nachteil der Anwohner absehbar mehr Strom durch Marinediesel-Generatoren an Bord erzeugt.

Das steht im Gegensatz zur vielfach proklamierten Vorreiterrolle Hamburgs auf dem Weg zum „Grünen Hafen“ durch „ökologisch nachhaltiges Wachstum“, etwa auf den Internetseiten der Hamburg Port Authority (HPA) und dem Tochterunternehmen Cruise Gate Hamburg (CGH).


Rabatte zugunsten besserer Luft gefordert

Landstrom am Kreuzfahrtterminal Altona soll in diesem Jahr 19 Mal bei Anläufen der Aidasol abgenommen werden, hinzu sollen erstmals drei Ökostrom-Abnahmen der Europa 2 (Hapag-Lloyd Cruises) kommen.

Im vergangenen Jahr nutzte die Aidasol bei 22 Anläufen den sowieso schon teureren Ökostrom. Der ist seit Einführung des neuen „Hochlastzeitfensters“ der Bonner Bundesnetzagentur unter dem Dach des Berliner Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) im vergangenen September tagsüber aber noch viel teurer geworden, weshalb auf der Aidasol bereits vormittags um 10.30 Uhr der Ökostrom abgestellt und der Dieselmotor wieder angeworfen wurde.

Daran wird sich offenbar nichts ändern, obwohl die Hamburger Wirtschaftsbehörde unter dem neuen Senator Michael Westhagemann und das BMWi seit Herbst 2018 über etwaige Ausnahmen und Rabatte zugunsten besserer Luft verhandeln. „Der Verwendungszweck des Stroms ist für die Bepreisung der Nutzung der Stromnetze nicht maßgebend. Die Netzentgeltsystematik kennt keine Ausnahmen für bestimmte Branchen oder Verwendungszwecke“, schreibt BMWi-Sprecherin Nina Marie Güttler auf Anfrage unserer Zeitung.

Das klingt nicht nach Verhandlung, sondern nach Absage – und damit nach einer echten Sackgasse auch für künftige Investitionen in Landstrom-Anlagen in Norddeutschland. Zumindest in Kiel und Rostock gibt es bereits konkrete Pläne.

Aida Cruises mit Sitz in Rostock hat sich auch nach vierwöchiger Bedenkzeit noch nicht zur Frage geäußert, ob es bei der „Teilnutzung“ des Ökostroms durch die Aidasol bleiben soll. Geschweige denn zur Frage, ob absehbar auch andere Aida-Kreuzfahrtschiffe Landstrom abnehmen sollen. 10 von 13 Schiffen der Aida-Flotte verfügen bereits über einen Landstromanschluss oder sind technisch dafür vorbereitet.

Weiterhin keine dicke Luft scheint es in der Hamburger Wirtschaftsbehörde zu geben. „Wir sind sehr optimistisch, dass es gelingen wird, bessere Rahmenbedingungen bei der EEG-Umlage und bei den Netzentgelten zu erreichen“, sagt Sprecherin Susanne Meinecke. Zudem setze sich Hamburg gegenüber dem Bund für Förderprogramme ein, um die Markteinführung von Landstrom zu unterstützen.

Stromerzeugung per LNG-Verbrennung am Terminal Steinwerder soll es in diesem Jahr bei 27 Anläufen der Aidaperla geben, dem Schwesterschiff der Aidaprima. Diese hat Hamburg 2019 ebenso wenig auf dem Tourenplan wie die nagelneue, per LNG angetriebene Aidanova.


Bescheidene Quote von 16,6 Prozent

In der Summe sind das 27 emissionsarme Aufenthalte und bei großzügiger Schätzung der Landstrom-Teilnutzung netto vielleicht 10 emissionsfreie Aufenthalte in Hamburg: bei 223 Anläufen eine bescheidene umweltfreundliche Quote von 16,6 Prozent.

In der Wirtschaftsbehörde wird darauf verwiesen, dass eine umweltfreundlichere Ausstattung von Schiffen in Hamburg durch geringere Liegegebühren im Hafen belohnt wird. Für Sönke Diesener vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) wäre die Steuerungswirkung jedoch erheblich höher, wenn etwa die Mehrkosten der Landstrom-Nutzung auf alle einlaufenden Kreuzfahrtschiffe umgelegt würden – mit Höchstpreisen für Reedereien, die beispielsweise noch nicht mal Rußfilter einbauen. Abseits der Häfen sei es international aber grundsätzlich sinnvoller, schmutzige Treibstoffe insbesondere durch Umweltauflagen besser und teurer zu machen. Ein Beispiel gibt es schon: Ab 2020 sinkt der weltweit zulässige Schwefelgrenzwert von 3,5 auf 0,5 Prozent.


Landstrom für Containerschiffe

Die Hamburger Wirtschaftsbehörde verweist darauf, dass künftig auch Landstrom für Containerfrachter angeboten werden soll. „Da ein relativ hoher Anteil von Containerschiffen bereits landstromfähig ist, erwarten wir dadurch einen signifikanten Beitrag zur weiteren Verbesserung der Luftqualität im Hafen“, sagt Sprecherin Susanne Meinecke. Diese aufwendige Infrastruktur werde allerdings noch „einige Zeit“ beanspruchen.

Die zahlreicheren Transportschiffe produzieren zwar erheblich mehr Luftverschmutzung im Hamburger Stadtgebiet – allerdings selten in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten wie die Kreuzfahrtschiffe insbesondere in Altona und der Hafencity. Und in einem Punkt sind sich fast alle einig: Wenn eine Branche mit echtem Umweltschutz anfangen muss, dann die „Freizeit-Fraktion“.

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