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Selenogradsk/Kreis Pinneberg : Deutsche und Russen verbinden

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Verein Selenogradsk feiert am Sonntag, 31. Mai, sein 20-jähriges Bestehen. Vorstände Gabriele und Gerhard Kascha werfen ein Blick zurück.

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erstellt am 07.Mär.2015 | 14:00 Uhr

Selenogradsk/Kreis Pinneberg | Als sich Gabriele und Gerhard Kascha 1993 bereit erklärten, einen Schulausflug der Kooperativen Gesamtschule Elmshorn nach Selenogradsk zu begleiten, hatten sie „überhaupt keine Ahnung“ von der Stadt, dem gleichnamigen Rayon, noch nicht einmal von Russland. Unwissend, was sie im ehemaligen Ostpreußen erwartet, reisten die beiden gemeinsam mit den Schülern, darunter auch Sohn Lars, in den vom Kreis Pinneberg etwa 700 Kilometer entfernten Badeort an der Samlandküste. Die Kaschas trafen dort auf ein Stück Natur, das so schön war, „dass man sich dem Himmel nah fühlte“, erinnern sich die Pädagogin und der Pensionär. Und auf eine Kultur, die so anders war, als das, was sie von Zuhause kannten. Auf Betten mit Sprungfedern, „wie zu Uromas Zeiten“. Auf drei Löcher im Boden statt auf Toiletten. Auf einen Flaggenappell um 5 Uhr. Auf verwaiste Straßenzüge. Auf Sperrgebiete. Auf Fischerkinder, die begeistert waren, mit einem Sprungtuch spielen zu dürfen. Und auf Menschen, die „unglaublich viel Freude“ ausstrahlten.

Der Ausflug in die Fremde faszinierte die Kaschas so sehr, dass sie im Jahr darauf noch einmal in die – ins Deutsche übersetzt – Grüne Stadt fuhren. Allein. Um sich alles in Ruhe und viel genauer anzusehen. Kindergärten, Schulen, das Heim für Tetraspastiker. „Die Russen waren sehr offen“, sagt Gabriele Kascha. Sie hätten ihnen alles gezeigt, alle ihre Fragen beantwortet. Das war der Moment, in dem in den Kaschas der Gedanke keimte, die seit 1991 zwischen dem Kreis Pinneberg und dem Rayon Selenogradsk bestehende Partnerschaft mit Leben zu füllen. Denn bis dahin habe es diese „nur auf dem Papier“ gegeben. Und obwohl Gabriele Kascha nach eigenen Worten kein Vereinstyp ist, hob sie gemeinsam mit ihrem Mann und anderen Kreis Pinnebergern – wie etwa dem Geschäftsführer des Kreisjugendrings, Ingo Waschkau – 1995 einen aus der Taufe, dem sie auch heute noch vorsteht. „Uns ging es nicht um humanitäre Hilfe“, sagt Gabriele Kascha. „Wir wollten partnerschaftlich etwas entwickeln.“

Genau das taten sie. Jahr für Jahr aufs Neue. Bis heute. So brachte der Verein mit seinen 248 Mitgliedern im Laufe der Zeit etwa 4000 Russen nach Deutschland und zirka 2000 Deutsche nach Russland. „Es ist eine unglaublich gelebte Partnerschaft“, sagt Gabriele Kascha, die es vor 20 Jahren nie für möglich gehalten hätte, dass sich aus der Idee einmal etwas „so Großes“ entwickelt. Schüleraustausche, Bildungsreisen, Ferienfreizeiten mit sozial benachteiligten Kindern, Konzertreihen, der Bau von Spielplätzen an der Kurischen Nehrung, die Unterstützung des Heims für Straßenkinder und der Musikschule in Selenogradsk, die Initiierung der Arbeitsgruppe Behindertenpädagogik, der Deutschunterricht für Mitglieder des russischen Vereins Pinneberg-Selenogradsk, der Aufbau und die Förderung von Schulpatenschaften, die Umsetzung der Veranstaltungsreihe „Ohne Gewalt mit Konflikten umgehen – aber wie?“ und, und, und... Die Liste an Projekten ist lang, die der Verein Selenogradsk in den vergangenen zwei Dekaden initiierte.

2015: Gabriele und Gerhard Kascha gründeten vor 20 Jahren den Verein Selenogrask, dem die Pädagogin bis heute vorsteht. (Fotos: Mathiesen/Reimer/PT)
2015: Gabriele und Gerhard Kascha gründeten vor 20 Jahren den Verein Selenogrask, dem die Pädagogin bis heute vorsteht. (Fotos: Mathiesen/Reimer/PT)
 

Mittlerweile hat er sogar eine eigene Jugendgruppe. Unter der Leitung ihres Sohnes, der als Kind dem Fremden „unglaublich ablehnend“ gegenüberstand, berichtet Gabriele Kascha. Doch das habe sich durch das Entdecken und Kennenlernen des Neuen geändert. So sehr, dass er an der Universität Kiel Russisch studierte. Zuletzt baute Sohn Lars gemeinsam mit 14 deutschen Heranwachsenden 2012 eine Seilbahn und einen Grillplatz mit einer Sitzecke im Hof des Waisenhauses der Stadt, in der aktuell etwa 15.000 Menschen leben.

Doch warum engagieren sich die Kaschas und ihr Vorstandsteam mit so viel Herzblut für die Partnerschaft? „Das Russlandbild ist sehr schlecht“, sagt Gerhard Kascha. „Deswegen ist es so wichtig, dass Menschen dort hinfahren“, fügt der 65-Jährige an, der für Anfang August die nächste Tour plant. Sprache, Kultur und Religion sind zwar anders. Doch das dürfe die Deutschen und die Russen nicht voneinander trennen. Im Gegenteil: Dadurch „können wir uns im großen Maße bereichern“, ergänzt seine Frau.

2010: Die damals dreijährige Anna aus Selenogradsk konnte aufgrund von Spitzfüßen nicht laufen – bis sie auf Initiative des Vereins am Klinikum Pinneberg erfolgreich operiert wurde. (Fotos: Mathiesen/Reimer/PT)
2010: Die damals dreijährige Anna aus Selenogradsk konnte aufgrund von Spitzfüßen nicht laufen – bis sie auf Initiative des Vereins am Klinikum Pinneberg erfolgreich operiert wurde. (Fotos: Mathiesen/Reimer/PT)
 

Am besten funktioniere das gegenseitige Kennenlernen und Vernetzten durch die Schüleraustausche, die der Verein regelmäßig organisiert. Seit 1997 können Jugendliche für einen Monat bis zu einem Jahr in dem jeweiligen Partnerkreis bei Gastfamilien leben. „Anfangs hatten wir nur Jungen“, erinnert sich Gabriele Kascha, die gemeinsam mit ihrem Mann 14 Jahre lang Gastschüler bei sich zu Hause aufnahm. Doch nach und nach seien auch immer mehr Mädchen nach Deutschland gekommen, um die hiesige Kultur kennenzulernen. Doch wer dabei an ein entspanntes Auslandsjahr denkt, der irrt: „Das ist kein Spaziergang, sondern harte Arbeit“, sagt die Vereinsvorsitzende. Die Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren müssten die Sprache lernen, sich in einer neuen Familie einfinden, sich mit der Kultur vertraut machen, die Schule besuchen, versuchen, in bereits bestehende Cliquen hereinzukommen, und ein Praktikum absolvieren. Das sei nicht immer leicht. Doch bis auf drei Ausnahmen in etwa 750 Fällen geglückt, berichtet Gerhard Kascha.

Wie lange sich die Kaschas noch für die Partnerschaft engagieren, wüssten sie noch nicht. Fest stehe nur: Auch nach 20 Jahren ist noch nicht Schluss. Außer der geplanten Bildungsreise im August stünden nun erst ein Ehemaligen-Treffen im Herbst und 2016 ein Jugendcamp der Feuerwehr an. Zuvor, am Sonntag, 31. Mai, wird in der Jugendbildungsstätte in Barmstedt ab 13 Uhr das 20-jährige Vereinsbestehen gefeiert.

(Quelle: Stepmap)
(Quelle: Stepmap)
 
Vom 31. Juli bis 11. August fährt Gerhard Kascha mit Interessierten in den Rayon Selenogradsk, wo die Teilnehmer in Gastfamilien leben werden, um die Menschen und deren Kultur kennenzulernen. Auf der Hinfahrt mit dem Bus wird in Polen übernachtet, auf der Rückfahrt in Klaipeda, von wo aus es mit dem Schiff nach Kiel geht. Während des Trips stehen  Reisen an, etwa nach Kaliningrad, ehemals Königsberg, Swetlogorsk und an die Kurische Nehrung. Die Teilnahme kostet inklusive Visum 790 Euro. Mehr Infos zu der 19. Selenogradsk-Reise gibt es online auf der Vereinshomepage.
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