Der Wächter der Geschichte

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Museumspädagoge Peter Russ über seine Rolle als Otto Klafack

shz.de von
25. August 2018, 16:27 Uhr

Begegnet man Peter Russ in der Pinneberger Innenstadt, so kommt es nicht selten vor, dass er ausgestattet mit einer Laterne und Ratsche eine Gruppe gespannt dreinblickender Menschen hinter sich herzieht. Seit 2013 veranstaltet der Museumspädagoge die mittlerweile stadtbekannten Führungen als Obernachtwächter Otto Klafack. In diesem Monat hat er dabei seinen 2000. Besucher begrüßt. Doch seine Begeisterung für die Pinneberger Geschichte liegt viel weiter zurück.

Der junge Russ war erst zehn Jahre alt, als ihm sein damaliger Nachbar mit den Worten „Pinneberg hat keine Geschichte“ ein prägendes Erlebnis bescherte. Schon damals war er so verärgert über diese Äußerung, dass er dem vermeintlichen Geschichtsbanausen eine mehrseitige Arbeit über die durchaus beachtenswerte Historie der schleswig-holsteinischen Stadt verfasste. „Auf eine Antwort warte ich bis heute, aber das Ereignis ist hängengeblieben“, erinnert sich der gebürtige Hamburger, der jedoch seit dem ersten Lebensjahr in Pinneberg wohnt. Während des Geschichtsstudiums in Hamburg und zahlreichen studienbegleiteten Museumsbesuchen war es das Industriemuseum Elmshorn, das den damaligen Studenten wieder verstärkt zur regionalen Geschichte brachte. Abseits der Vorlesungen fing er an, Führungen zu geben. Und bis heute können Besucher des Elmshorner Museums an seinen Rundgängen teilnehmen, für die er ebenso in unterschiedliche Rollen schlüpft, beispielsweise als Bierkutscher Kuddel, Getreidewäger oder Hafenmeister.

Doch seine Paradedisziplin bleibt der Obernachtwächter Klafack. Zu welch Beliebtheit es diese Figur einmal bringen würde, war Russ anfangs nicht bewusst. „Mit schlotternden Knien“, so sagt er, habe er vor etwa fünf Jahren die Leiterin des Pinneberger Museums Ina Duggen-Below angerufen und ihr von der Idee erzählt. Mit der prompten Antwort „Ja klar, warum nicht!“ hat er damals nicht gerechnet. Bei seiner ersten Führung folgte die nächste Überraschung, als insgesamt 81 Teilnehmer den Nachtwächter erwarteten. Seither setzt sich die Erfolgsgeschichte von Peter Russ alias Otto Klafack fort. Zu verdanken ist dies unter anderem einer unglaublich akribischen Vorarbeit, die er leistet. Für seine umfassenden Recherchen hat der Historiker nahezu unlesbare altdeutsche Akten im Stadtarchiv, Jahrbücher, Volkshochschulbücher, Adressbücher, Zeitungsartikel und viele andere Aufzeichnungen gewälzt. Außerdem musste er für seine originalgetreue Nachtwächtermontur erfinderisch werden.

Für einen Metallfidibus fragte er sich von einem Berliner Verein zum Erhalt von Gaslaternen bis ins Kurhaus Baden-Baden, wo heute immer noch Gasleuchten angezündet werden, durch. Von dort erhielt Russ Beispielfotos, die dann von einem hiesigen Handwerker in Detailarbeit nachgebaut wurden. Hinter so ziemlich jedem Accessoire steckt eine solch herzerfrischende Geschichte, die zeigt, mit wie viel Detailarbeit sich der Museumspädagoge seiner Figur widmet. „Die Recherche hört nie auf“, betont der 53-jährige, der seine bald sieben verschiedenen Nachtwächterrundgänge immer wieder überarbeitet. „Ich bin von Hause aus Historiker, bei mir gibt’s kein Walt Disney.“

Auch wenn seine Führungen mit Witz und plattdeutscher Schnauze immer sehr unterhaltsam daherkommen, bilden die historischen Fakten für ihn die verbindliche Grundlage. „Außerdem müssen Sie immer in der Rolle bleiben“, ergänzt er. Wird er während der Führung beispielsweise nach Ereignissen der Pinneberger Nachkriegszeit gefragt, so lautet die Antwort stets: „Das weiß ich nicht.“ Schließlich war Otto Klafack zu dieser Zeit schon lange tot. Erst sobald er seine Mütze absetzt, wird der Nachtwächter wieder zu Peter Russ.

Was den Historiker mit seinem Alter Ego aus der Kaiserzeit verbindet, ist seine Sympathie zur Heimat und sein Engagement. Während Otto Klafack sich als Nachtwächter sehr gewissenhaft um das Wohlergehen der Einwohner kümmerte, könnte man Russ heute als Wächter der Pinneberger Geschichte bezeichnen. In seinen Stadtführungen erinnert er an längst vergessene goldene Zeiten, als Pinneberg das Hauptausflugsmekka der Hamburger Elite war. Und auch darüber hinaus setzt er sich für den Erhalt des historischen Erbes ein. So gab sein Leserbrief bei den Diskussionen um den Fortbestand des hiesigen Bahnhofs einen entscheidenden Impuls zum Erhalt des Gebäudes. Es ist nur schade, dass sein damaliger Nachbar diesen Werdegang nicht mehr mitverfolgen kann.



Nächster Stadtrundgang mit Otto Klafack: Freitag, 31. August um 18  Uhr. Treffpunkt Ecke Dingstätte/Elmshorner Straße, Preis fünf Euro pro Person. Anmeldungen sind nicht notwendig. Mehr Infos gibt es unter Telefon (04101) 65 52 5.

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ONW-Klafack@gmx.de




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