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Im Interview: Wolfgang Seibert : Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Pinneberg über Terrorgefahr und wachsenden Rechtsextremismus

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Sorge über die aktuellen Entwicklungen versetzt Wolfgang Seibert in Sorge. Er beklagt auch das mitunter ausbleibende Eingreifen der Polizei.

shz.de von
erstellt am 06.Jan.2016 | 00:32 Uhr

Pinneberg | Die Zahl der rechtsextremen Straftaten steigt, zwei Syrien-Kämpfer sollen in Pinneberg leben – die aktuelle Entwicklung bereitet Wolfgang Seibert, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg, einige Sorgen. Im Interview spricht er über die Gefahren für jüdische Einrichtungen und erklärt, warum die Hilfe der Gemeinde für Flüchtlinge hilft, Vorurteile abzubauen.

Die Zahl der rechtsextremen Straftaten nimmt in Deutschland immer mehr zu. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diese Entwicklung?
Wolfgang Seibert: Mit großer Sorge wäre noch untertrieben. Wenn jemand behauptet, dass in Deutschland kein besonderes Gefährdungspotenzial besteht, ist das Blödsinn. Teilweise denkt man an die 1930er Jahre zurück. Es ist offenbar immer noch ein Bodensatz mit dem Gedankengut aus dieser Zeit vorhanden. Diese Menschen halten sich jetzt nicht mehr zurück, weil sie der Meinung sind, dass sie eine schweigende Mehrheit hinter sich haben. Mich stimmt traurig, dass die Polizei häufig nicht eingreift. Sie müsste mehr tun, weil die Beamten schließlich der Demokratie verpflichtet sind. Ich befürchte, dass die Zahl der rechtsextremen Straftaten in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Für mich sind die Gewalt und die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen völlig unverständlich.

Wer sich die deutsche Geschichte anschaut, weiß, dass wir immer eine multikulturelle Gesellschaft waren. Ist auch der Antisemitismus schlimmer geworden?
Ich glaube nicht. Allerdings trauen sich Antisemiten inzwischen wesentlich eher, ihre Meinung kundzutun. Ihre Auffassung scheint wieder ein wenig salonfähig zu werden.

Wie sehen Sie die Entwicklung in Europa, wo etliche Staaten nach rechts driften?
Zwar wird überall bedauert, dass der Antisemitismus zunimmt. Es wird aber nichts dagegen getan. Man müsste schon in den Kindergärten, spätestens in den Schulen, gegen solche Vorurteile angehen. Dass das nicht geschieht, ist ein Versagen der Bildungspolitik. Wer an einem Problem nicht arbeitet, wird auch keine Lösung finden.

Die Jüdische Gemeinde hilft bei der Integration von Flüchtlingen. Was ist die Motivation?
Wir Juden waren selbst Flüchtlinge. Das fing schon vor tausenden Jahren in Ägypten an und zog sich dann durch die Jahrhunderte. Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Deshalb können wir die Sorgen und Ängste der Menschen verstehen, die nach Deutschland kommen. Wenn wir vor 80 Jahren in anderen Ländern Zuflucht gefunden hätten, hätten mehr von uns überlebt.

Viele Flüchtlinge kommen mit einem negativen Bild von Israel und den Juden nach Deutschland. Lässt sich diese Einstellung ändern?
Wir arbeiten sehr viel mit Flüchtlingen zusammen und sagen offen, dass wir einer Jüdischen Gemeinde angehören. Die meisten Flüchtlinge sind dann ganz erstaunt, weil es nicht in ihr Weltbild passt, dass wir ihnen helfen. Einige geben das offen zu und erklären, dass sie darüber nachdenken müssen. Die Jüdische Gemeinde hat sich ohnehin schon immer in der Flüchtlingspolitik engagiert. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Die Menschen haben dadurch ihr Bild zu uns überdacht. Dass gerade viele Flüchtlinge aus Syrien sehr intelligent sind, macht es einfacher, mit ihnen in den Dialog zu treten.

Besteht eine erhöhte Terrorgefahr für jüdische Einrichtungen?
Ich denke ja. Das Risiko wird noch wachsen, wenn sich Deutschland nun gegen den Islamischen Staat (IS) engagiert. Ich hoffe, dass nichts passiert. Aber die Gefahr ist reell. Wir haben in unserer Gemeinde schon vor einem halben Jahr die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Das war nach den Anschlägen in Brüssel und Kopenhagen. Die zeigten, dass die Anschläge näher kommen. Mir gefallen diese schärferen Maßnahmen nicht. Wir wollten immer eine Gemeinde sein, die offen für alle Menschen in Pinneberg ist. Das können wir leider nicht mehr in dem Maße wie früher sein. So nehmen wir beispielsweise Kontrollen vor. Demnächst wird auch ein Zaun um das Gebäude gebaut. Der sorgt dafür, dass nicht jeder auf das Gelände kommt.

Wolfgang Seibert (68) ist seit zwölf Jahren Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg. Er ist in Frankfurt geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Pinneberg. Vor seinem Ruhestand arbeitete der Vater dreier erwachsener Kinder als Journalist und war unter anderem für die Frankfurter Rundschau tätig. Als Fußballer schaffte es der begeisterte Fan des FC St. Pauli bis in die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt.

Wie ist die Situation im Kreis Pinneberg? Ist Antisemitismus auch vor Ort ein Problem?
Pinneberg ist eines der Zentren für Salafisten in Schleswig-Holstein. Nach Neumünster gibt es hier vermutlich die größte salafistische Gemeinde im Land. Das Problem in diesen Gemeinden sind vor allem die deutschen Konvertiten. Die sind wesentlich radikaler als die Araber. Von ihnen geht wirklich eine Gefahr aus. Ich habe den Hinweis bekommen, dass in Pinneberg zwei ehemalige Syrien-Kämpfer leben.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Antisemitismus?
Sehr gering. Gerade in Pinneberg schützt mich vermutlich, dass ich in der Stadt bekannt bin wie ein bunter Hund. Dumme Sprüche beim Einkaufen und Drohungen gibt es allerdings immer wieder mal. Das beeindruckt mich aber nicht.

Welche Folgen hat die Entwicklung im Nahen Osten für Israel?
Mich hat eine Meldung aus israelischen Sicherheitskreisen erreicht, dass in nächster Zeit mit IS-Angriffen auf Israel zu rechnen ist. Die
IS-Terroristen verlassen die Gebiete, die bombardiert werden und kommen immer näher an die israelische Grenze. Das ist zumindest die Auffassung des Mossads. Und der weiß gewöhnlich, wovon er spricht.

Die Politik von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird international von vielen kritisiert. Aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?
Absolut. Ich stehe der israelischen Politik ebenfalls sehr kritisch gegenüber. Ich vermisse den Willen, endlich zu einer Einigung mit den Palästinensern zu kommen. Das gilt genauso für die Gegenseite. Es gibt keine Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung. Die wird aber durch die Siedlungspolitik der Israelis immer schwieriger. Die Situation hat sich durch den IS und die Radikalisierung einzelner Muslime weiter verschlechtert. Völlig in den Hintergrund rückt leider, dass es im Nahen Osten und auch in Deutschland sehr viele Muslime gibt, die gegen diese Entwicklung arbeiten. Das ist nur kaum bekannt. Dabei passiert zum Beispiel in der Islamischen Gemeinde in Pinneberg sehr viel Positives. Dort wurde die Jugendarbeit intensiviert, um eine Radikalisierung zu verhindern.

Wieso hält sich Netanjahu trotz aller Kritik so lange an der Macht?
In Israel wählen sehr wenige Menschen. Und diejenigen, die zur Wahlurne gehen, glauben, dass das Land einen starken Mann braucht, der es schützt. Dabei verkennen sie allerdings völlig, dass sich Verbesserungen nur mit mehr Bildung erzielen lassen. Gerade für die arabischen Bürger in Israel, die viel stärker einbezogen werden müssen.

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